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Fast vergessen

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Kapitel XLV: Von Scott’s Beach nach Christchurch

Was mich nicht umbringt, macht mich staerker, oder? Ungebremst geht es nach meinem grenzwaertigen Abenteuer auf dem Heaphy weiter. Meine Erlebnisse an der Westkueste praegen weniger die Kilometer mit dem Fahrrad als glueckliche Begegnungen mit wunderbaren Menschen.

Bilder aus Neuseeland: Takaka Hill bis Wellington

Ich habe Geschichten gehört. Geschichten von Menschen, die das brandende Meer der Westküste unterschätzt haben. Eine Welle und weg waren sie. Der Heaphy Track zwischen der Heaphy Hut und Scott’s Beach fuehrte einst teils am Strand entlang. Wandern war nur zu bestimmten Zeiten moeglich: zwei Stunden vor Ebbe bis zwei Stunden nach Ebbe. Weil der Abschnitt zu gefaerhlich war, hat das Doc einen Track entlang der Boeschung der Steilkueste angelegt. Schmal, steinig, spektakulaer und weit entfernt von den unberechenbaren Wellen der tasmanischen See.

Vor Scott’s Beach allerdings ist der Pfad nach tagelangem Regen abgestuerzt, deshalb geht es wieder am Strand entlang. Das Doc macht in allen Huetten darauf aufmerksam, auf die Zeiten der Gezeiten zu achten – und mir laeuft die Zeit davon. Waehrend ich in dem tiefen Strandsand knie, denke ich, dass der Doc-Mitarbeiter in Karamea, der meinte, das muesste schon gehen mit dem Rad, wahrscheinlich noch nie ein bepacktes Rad aus der Naehe gesehen hat. Der Sand ist wie Butter, mein Rad ein Panzer ohne Schanierketten.

Ich überlege, einen Ranger zur Hilfe zu rufen, während mir die weißen Brecher entlang des Heaphy Wanderpfads auf die Pelle rücken. Nicht, dass ich Empfang hätte, doch der Gedanke hilft. Ich stehe auf, greife dem Lenker, schiebe Anton weiter durch den butterweichen Strandsand. 50 Zentimeter. Durchatmen. 50 Zentimeter. Durchatmen. Der Wille treibt micht an. Das Ende des Strands ist zum Greifen nah. Eine dreiviertel Stunde später bin ich zurück auf dem schlammig-festen Trampelpfad.

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Das Ende des Heaphys ist nun nicht mehr weit, der letzte 120-Meter-Aufstieg ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was hinter mir liegt. Als ich in Kohaihai ankomme, bricht sogar die Sonne durch die grauen Wolkenfetzen. Ich breite meine nassen Sachen aus, Zelt, Handtuch, Hosen, Schuhe, T-Shirts, und richte mich im weitläufigen Unterstand ein. Ausruhen. Kräfte sammeln. Nudeln kochen. Alles ist nass. Alles ist kalt. Alles tut weh. Meine rechte Wade ist ein großer blauer Fleck, weil die Pedale ständig gegen das Bein schlägt, wenn ich das Rad ohne Bremsbelaege hinunterschiebe.

Die Erinnerungen an die Tortur verblassen schnell im Licht der Freude ueber meinen Sieg. Es ist wie damals, als ich zum ersten Mal mit einem bepackten Rad einen Pass hinaufgefahren bin. 40 Kilometer. Immer wieder absteigen. Luft holen. Durchatmen. Kaempfen. Bis ich auf der Passhoehe des Julierpasses ankam. Fast so fuehle ich mich in diesem Moment. Der Heaphy. Was für ein Abenteuer. Was für eine Geschichte, wenn ich wieder zu Hause bin.

Auf dem Weg nach Westport halte ich am Strand von Little Wanganui und treffe Mike, der gerade mit seinem Fahrrad einen Ausflug macht. Er wohnt nicht weit entfernt, in den Huegeln oestlich von Little Wanganui. Weil ich nicht weiß, wo ich schlafen soll, frage ich ihn, ob ich mein Zelt in seinem Garten aufschlagen könne. Sicher doch, er sei frueher selbst viel mit dem Rucksack unterwegs gewesen, sagt er und erklärt mir den Weg.

Als ich das selbst gebaute Holzhaus erreiche, schlage ich mein Zelt allerdings nicht auf. Mike und seine Frau, die aus Heilbronn sind, laden mich ein, im Haus vor dem Kaminofen zu übernachten. Ich kann es kaum fassen. Nach vier Tagen in Schnee und Regen, schwimmend in Fluessen, kraftlos am Strand, Kratzern, blauen Flecken und einem Handgelenk, das ich erst 2 Wochen spaeter wieder schmerzfrei bewegen kann, habe ich das Gefuehl, auf Wolke 7 angekommen zu sein. Heisse Dusche, warmes Haus, Feuerplatz, deutsche Unterhaltungen. Ich muss mich kneifen. Glueckskind.

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Ich bleibe zwei Tage. Es gibt Pizza, Steaks, Kuchen und viele Gespräche, übers Reisen, übers Auswandern, über die Zukunft. Die 2 Auswanderer, die zuvor in Nelson gelebt haben, versorgen sich selbst mit Solarenergie und Regenwasser. Haette es mit dem eigenen Garten geklappt, waeren sie komplett autark. Doch sie reisen zu gern und ein Garten braucht Aufmerksamkeit. Es fällt mir schwer, die Geborgenheit der zwei wieder zu verlassen. Doch die Westkueste lockt.

Über den Karamea Bluff geht es weiter nach Waimangaroa. Ich radle den Berg hinauf, schiebe hinunter. Nach dem Bluff kommen keine Steigungen mehr, sodass ich vor Sonnenaufgang bei Richard ankomme, der abgeschieden am Fuss der Berge lebt und mich mit seinem Lieblingscurry versorgt. Am naechsten Tag geht es weiter nach Westport. Ich halte am Fahrradladen, doch meine Bremsen gibt es nicht. Bei Kathrin’s, einem deutschen Baecker, schlucke ich den Frust mit einem Streuselkuchen herunter. Wie bei Oma. Meine Geschmacksnerven explodieren im Mund.

Ich schlafe bei Janet, Lehrerin an der Highschool, bevor ich an den Pancake-Felsen vorbei nach Greymouth fahre. Neue Bremsgummis finde ich auch in Greymouth nicht. Weil ich nicht weiss, wie es weitergehen soll – der Winter hat Neuseeland im Griff, Queenstown ist noch weit, die Zeit laeuft mir davon und ohne Bremsen komme ich nicht schnell voran – fahre ich erst eineml zum naechsten Campingplatz. Waehrend ich noch ueberlege, ob ich Fahrrad und Gepaeck irgendwo abgeben soll, um nach Queenstown zu trampen, taucht Nathan mit seiner Familie unerwartet auf.

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Es ist eine glueckliche Fuegung des Schicksals, als ich mich entschied, auf dem Goldsborough Campingplatz zu übernachten, dessen einziger Bewohner Papa Roge ist. Papa Roge ist auf der Suche nach dem goldenen Glück. Täglich wäscht er mit seiner Goldpfanne glänzende Splitter aus dem Schlamm des Flusses und entdeckt immer mal wieder einen stecknadelkopfgroßen Goldklumpen. Am Tag meiner Ankunft erhält der pensionierte Goldschürfer Besuch aus Rolleston, einem Vorort von Christchurch. Sohn Nathan, dessen Freundin Lindy aus Schottland, ihr Sohn Ethan und Hund Tui kommen für zwei Tage mit einem Campervan und brauchen nicht lange, um den einzigen anderen Camper auf dem Platz anzusprechen: mich.

Es fängt mit einem Bier an, einem zweiten; mit Kürbissuppe am Abend und Haferbrei am nächsten Morgen geht es weiter. Sie nehmen mich mit nach Hokitika, zur türkisblauen Schlucht, zum Kaniere See und zum Dorothy Wasserfall, der Ethan fast seinen Kopf kostet. Der Achtjaehrige will unter einer Bruecke ueber einen Vorsprung klettern, als auf einmal ein Schrei zu hoeren ist. Ethan fliegt ueber micht hinueber in den Fluss, mit dem Kopf auf einem Stein. Mir bleibt das Herz stehen. Schreiend rennt Ethan mir in den Arme. Ich weiss nicht, was ich machen soll, Panik, sehe nur Blut vor meinen Augen, doch da ist zum Glueck kein Blut. Es sah nur so aus, als waere er mit dem Kopf auf den Stein gelandet, doch es waren wohl noch zwei Millimeter Luft dazwischen. Ethan beruhigt sich wieder, ich mich auch, Nathan und Lindy lachen.

Am Abend gibt es ein kleines Festessen im A-Liner von Papa Roge. Nathan und Lindy schlagen vor, dass sie mein Gepaeck und mein Fahrrad im Campervan verstauen und alles mit nach Rolleston nehmen. Denn ich habe mich entschieden, aufgrund des Wetters und der Bremsprobleme, meine Plaene fuer den Sueden erst einmal ruhen zu lassen. Ich koennte dann nach Rolleston trampen, was ohne das Fahrrad sehr viel leichter ist. Auf der ungesicherten Rueckbank nehmen mich die 3 am naechsten Morgen noch bis zur Hauptstrasse mit.

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Ich strecke den Daumen raus und werde drei Autos später von Catherine mitgenommen, die auf dem Weg zu ihrer Schwester nach Lincoln ist. Catherine hatte vor einem Jahr eine Operation am Herzen in Christchurch und muss regelmaessig zu Untersuchungen ins Krankenhaus auf der anderen Seite der Insel. Die Rentnerin hat ein bewegtes Leben in der Filmbranche hinter sich, geniesst heute den Ruhestand mit ihrem vierten Ehemann auf einem Hof an der Westkueste. Catherine fährt mich den ganzen Weg bis nach Rolleston, und gerade, als ich aussteige, höre ich, wie mein Name gebrüllt wird. Es sind Nathan, Lindy und Ethan. Was fuer ein Zufall. Die letzten Meter verbringe ich wieder im Rückraum des Campervans.

Die Zufälle hören an diesem Punkt nicht auf. Es wird noch verrückter. Mein Gastgeber Wade in Napier hatte mir zwei Kontakte für die Südinsel gegeben: einen für Christchurch, einen zweiten in der Nähe von Christchurch. Ich hatte mir die Adressen nie genauer angeschaut, weil ich noch so weit von Christchurch entfernt war. Als ich nun die E-Mail aufrufe, um nach der Nummer für meinen Kontakt in Christchurch zu schauen, sehe ich die Adresse des zweiten Kontakts.

Es ist die Nachbarin von Nathan und Lindy. Wir können es alle nicht fassen. Mit Ethan gehe ich hinüber, sage Hallo, erzähle ihr die verrückte Geschichte, schlafe aber bei Nathan, Lindy und Ethan, in die ich mich verliebt habe und von denen ich mich am nächsten Morgen verabschiede. Ich bringe Ethan noch zur Schule, er mit dem Roller, ich mit dem Rad, dann geht es ungebremst nach Christchurch, größte Stadt der Südinsel, mit einem Lunchpaket von Nathan und unglaublichen Erinnerungen im Gepäck. Allein ein Wiedersehen mit Nathan, Ethan und Lindy ist Grund genug fuer eine zweite Reise nach  Neuseeland. Irgendwann.

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2 comments on “Glueck im Unglueck: Per Anhalter nach Christchurch

  1. Hallo Luisa!
    Gerade stelle ich fest, dass wir wohl fast zur selben Zeit in Georgetown (Malaysia) waren und muss über deine unglaublichen Zufälle in NZ schmunzeln. Wir haben vor kurzem – nach vier Monaten und ohne jeglichen Kontakt – ein Pärchen aus NZ, in Bangkok wieder getroffen. Es ist verrückt, was das Leben auf Reisen alles bereit hält.
    Weiterhin gute Fahrt, viele tolle Eindrücke, Begegnungen und Abenteuer!

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  2. Magdalena Haug sagt:

    Lulu, es ist der Hammer wie du schreibst, richtig packend:-) Ich finde es so eine wundervolle Sache was du machst und meinen größten Respekt an dich…
    Ich werde im Dezember nach Neuseeland, aber im Gegensatz zu dir ganz langweilig mit dem Camper durchs Land;-)
    Ich freue mich schon, wenn wir uns irgendwann mal wieder persönlich sehen auf deine Geschichten!

    Liebste Grüße und noch ganz viel Erfolg und das nötige Glück für deine Weiterreise,

    Lena, Maggi,…:-P

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