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Kapitel XLVI: Von Christchurch nach Wellington

Meine Zeit in Neuseeland naehert sich dem Ende. Doch das Wetter macht es mir nicht leicht, nach Wellington durchzukommen. Die steilen Haenge entlang der Strassen halten dem Dauerregen nicht stand, rutschen auf die Fahrbahn und machen viele Wege unbefahrbar. 

Bilder aus Neuseeland: Takaka Hill – Wellington

Eine Nebenstrasse fuehrt mich nach Christchurch, denn viele der neuseelaendischen Autofahrer sind Arschloecher. Klingt hart, ist aber so. Millimeterweise fahren sie an einem vorbei – selbst wenn von vorne gar nichts kommt. Nicht nur einmal bleibt mir das Herz stehen. Die Strassen sind eng, eine Schulter gibt es selten, doch so mancher Autofahrer sollte sich fragen, ob ein Menschenleben es wirklich wert ist, zehn Sekunden frueher am Ziel anzukommen. Das Bild der fahrrad-hassenden Kiwis passt allerdings gut in das Gesamtbild, um an dieser Stelle einmal kritisch auf das sonst begeisternde und gastfreundliche Neuseeland zu blicken. Denn es ist nicht alles gruen, was vorgibt, gruen zu sein.

Am Zoll machen sie noch grosses Bohei um Naturschutz. Wer ein Kruemelchen Dreck am Schuh hat, bekommt eine Verwarnung. Nach einer zweiten Verwarnung war es das mit Besuchen in Neuseeland – Dana kann ein Lied davon singen; die Schuhe gehoerten allerdings mir, sorry noch mal, Dana ;-). Im Land selbst steht der Naturschutz nicht an erster Stelle. Baeche und Fluesse sind verseucht von dem Abfall der Milchfarmen, Schwimme verboten. Das Absurde: Obwohl es mehr Kuehe als Kiwis gibt, bezahlen die Einwohner horrende Preise fuer Milchprodukte, denn die Milch wird lieber gewinnbringend nach China verkauft, sodass die Kiwis selbst auf Milchpulver setzen.

Das Possum ist Staatsfeind Nummer 1. Kaltbluetig wird das Tier, das von australischen Einwanderern mitgebracht wurde, und die heimische Tierwelt gefaehrdet, umgebracht. Doch ob das in allen Waeldern ausgelegte Gift tatsaechlich nur die auslaendischen Beuteltiere, die in Australien geschuetzt sind, umbringt, weiss niemand so genau. Auch Muelltrennung befindet sich in Neuseeland in den Kinderschuhen, plastikfreie Supermaerkte immerhin im Bau. Geheizt wird meist mit Heizlueftern und Kohle, die Haeuser sind nicht besser isoliert als ein Stueck Pappe. Die Stromrechnung schiesst bei vielen Kiwis im Winter 400, 500 Prozent in die Hoehe.

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Und die Autofahrer? Dass sie millimeterweise an mir vorbeifahren, versetzt zwar nur mich in Angst und Schrecken. Doch das umweltfreundliche Fahrrad ist in Neuseeland ein Fremdwort, der Truck das Wahlmittel der Fortbewegung, Mountainbikes werden mit Auto oder Gelaendewagen zu den Tracks kutschiert. Selbst in den Staedten kann sich das Zweirad nicht durchsetzen. Naturschutz ist eben nicht gleich Naturschutz. Auch in Christchurch bin ich ziemlich mit mir allein auf dem Fahrradweg – immerhin gibt es einen, der mich fast bis zur Haustuer meiner Gastgeber, Maria und Carl, bringt.

Ich bleibe nicht lange in Christchurch. Mit neuen Bremsbelaegen vom Fahrradladen und Zeltheringen von meinen Gastgebern  verlasse ich zwei Tage spaeter die Stadt, die vor sieben Jahren von einem schweren Erdbeben erschuettert wurde. Nicht viel ist mehr so wie es war in Christchurch. Kaum ein Gebaeude, das mehr als zwei Stockwerke hatte, steht noch. Auch Maria und Carl, deren Soehne fuer die neuseelaendischen Softball-Jugendmannschaften spielen, kaempfen immer noch gegen die Risse in den Waenden. Das Haus: eine Baustelle. “All die Dinge, die du besitzt, sind dir nicht mehr so wichtig wie frueher. Die Erde kann jederzeit wieder wackeln”, sagt Maria zu den Folgen der Katastrophe.

Mein Weg fuehrt mich vom einstigen Epizentrum des Bebens weg nach Rangiora, zu einem unscheinbaren Buero in einem schattigen Hinterhof. Es ist eine Zweigstelle von Ortlieb. Meine Rettung. Nachdem eine meiner Taschen eingerissen ist, erhalte ich in dem Buero nicht nur eine neue Tasche, sondern gleich zwei. Die zweite koennte ja auch kaputt sein, meint Linda, die mir sogar noch einen Schlafplatz anbietet. Doch ich habe bereits vorgesorgt. Warren beherbergt mich. Der Beamte hat vor einem Jahr seine Frau verloren und bricht in wenigen Tagen auf, mit Fahrrad und Freund durch Kanada und die USA zu radeln.

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Fuer micht geht es im Regen weiter nach Norden. Hanmer Springs ist mein Ziel, denn in Hanmer beginnt der Molesworth Muster Trail, der mich nach Blenheim fuehren soll. Doch der Trail ist geschlossen. Keine Strasse bleibt in dem seit Wochen andauernden Regen verschont. Ich verbringe einen Tag in der Region von Hanmer, die Sonne scheint, ich nutze das gute Wetter um die umliegenden Trails zu erkunden und erfahre, dass der Molesworth Muster Trail nicht nur wegen des Wetters, sondern auch wegen der Jahreszeit geschlossen ist. Nur mit Doc-Erlaubnis koennte ich ueber den  Trail nach Blenheim fahren.

Ich ueberlege, den Lewis Pass zu ueberqueren, doch Carl und Maria meinten, ich muesse unbedingt nach Kaikoura und die Kuestenstrasse entlangradeln. Ueber die 70 geht es also weiter nach Kaikoura. Weil es einfach nicht aufhoeren will zu schuetten, und ich mein Zelt gut versteckt in einem Wald aufgeschlagen habe, bleibe ich einen Tag, waehrend der Regen 36 Stunden lang ohne Unterbrechung auf meine Plane purzelt. Ich lese, esse, hoere Hoerbuch. Mein Atem schwebt in weissen Woelkchen durchs Zelt. Es fehlt nicht viel, und es wuerde schneien.

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Am naechsten Tag gibt es kein Zurueck mehr. Es regnet immer noch, doch ich will weiter. Zu ungemuetlich. Waehrend ich in meinem Zelt ausharrte, haben die Behoerden die Strasse fuer den Verkehr geschlossen. Mehrere Erdrutsche haben sie unbefahrbar gemacht. Mit dem Fahrrad komme ich an den aufgetuermten Erdhaufen gerade noch so vorbei. Als ich jedoch in Kaikoura ankomme, erhalte ich weitere schlechte Nachrichten. Der State Highway 1 ist geschlossen, die einzige Strasse, die mich zur Faehre nach Picton bringt. Die Alternative waere der Lewis Pass. Doch mir fehlt die Motivation, den ganzen Weg zurueckzufahren.

Ich halte an der oeffentlichen Bibliothek, um zu trocknen, Handy aufzuladen, das Wifi zu nutzen, mich zu sortieren. Mein uebergrosser Adapter allerdings passt nicht in die Steckdosen, die knapp ueber dem Boden angebracht sind. Und das Wifi will auch nicht funktionieren. Ich kaempfe mich zurueck in die nassen, kalten Klamotten. Draussen regnet es nur noch heftiger. Ich habe keine Lust zu zelten, fahre aber erst einmal weiter Richtung Zeltplatz, weil ich auch nicht in einem ueberteuerten Motel absteigen will.

Ich habe Kaikoura fast schon wieder verlassen, als ein Supermarkt mit Wifi auftaucht. Durchgefroren durchforste ich das Internet nach guenstigen Hostels und werde fuendig. 23 Dollar (13 Euro) fuer eine Nacht im Schlafsaal. Das kann selbst ich mir leisten. Bisher habe ich in Neuseeland insgesamt 36 Dollar (21 Euro)  fuer Uebernachtungen ausgegeben. Als ich dann unter der heissen Dusche stehe, meine regennasse Kleidung vor dem Ofen trocknet, waehrend es draussen weiter regnet, weiss ich, es war die richtige Entscheidung. Ich geniesse einen heissen Tee, einen zweiten, einen dritten, koche Curry mit mehreren Toepfen auf mehreren Herdplatten und bekomme am naechsten Tag frischen Spinat und Feta geschenkt.

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Als die Sonne am Morgen ueber dem pazifischen Ozean aufgeht und die schneebedeckten Berge erstrahlen laesst, fahre ich weiter. Es ist verrueckt, welchen Einfluss das Wetter auf die Stimmung hat. Doch das Radeln bringt gleich tausendmal mehr Spass. Die Strasse ist immer noch geschlossen, deshalb radle ich nur zum naechsten Zeltplatz ausserhalb der Stadt und versuche mein Glueck einen Tag spaeter.

Der erste Strassenarbeiter erklaert, dass sie dabei seien, die Strasse wieder zu oeffnen und winkt mich durch. Alle winken mich durch. Stop and go. Halten und fahren. “I’m sending you a bike”, warnen die Strassenarbeiter ihre Kollegen vor. Weiter geht’s. Ich habe die Strasse fast fuer mich allein. Dann auf einmal gibt es Diskussionen. Ich sei zu langsam, der Abschnitt zu gefaehrlich, doch sie koennten mein Rad auf einen Transporter laden. Gesagt, getan. Doch die naechste Sperrung laesst nicht lange auf sich warten.

Ich fahre weiter an der Kueste entlang, entdecke sogar einen Wal weit draussen auf dem Meer. Die Strasse erinnert mich an die norwegischen Fjorde. Ein Fahrradfahrer ueberholt mich, leichtes Gepaeck; mit den Arbeitern, die die Stop und Go-Schilder in die Hoehe halt, verquatsche ich mich immer wieder. Sie kommen aus der Tuerkei, Deutschland, Schweden oder Korea. Am fruehen Abend biege ich ab zum Marfells Beach, doch die Strasse zum Zeltplatz ist abgerutscht. Kein Durchkommen. Wo ich denn jetzt uebernachten soll? Der Strassenarbeiter erklaert, seine Tante wohne sechs Kilometer die Strasse runter, ich koenne auf ihrem Grundstueck schlafen. Als die Sonne schon untergegangen ist, baue ich mein Zelt im Garten von Cathy auf.

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Die Strasse ist wieder geoeffnet, Autos und Trucks fahren lebensbedrohlich nah an mir vorbei. Kein Spass. Ueber Blenheim, St. Arnaud und Richmond geht es zurueck nach Picton. Das Wetter bleibt wechselhaft, immerhin sind alle Strassen geoeffnet. Auf der Faehre nach Wellington werde ich ueberraschend zum Bier eingeladen. Dann geht es weiter, durch die Dunkelheit der Nacht nach Lower Hutt zu Jo und ihrer Familie. Da ich noch einige Tage in Neuseeland habe, lasse ich ein Teil meines Gepaecks in Lower Hutt zurueck, um in den Norden zurueckzukehren.

Ich radle ein weiteres Mal ueber den Rimutaka Rail Trail nach Featherston, schlafe ein weiteres Mal im Ferienhaus von Maddies Eltern. In Greytown – angeblich erste im Inland geplante Stadt Neuseelands – schaufenstermummele ich a la Gilmore Girls. Klein, gemuetlich, kuenstlerisch, touristisch. Ueber Martinborough geht es weiter nach Western Lake und an der rauen Kueste entlang zurueck nach Lower Hutt. Ismene und Hugh sind ein weiteres Mal meine Gastgeber in Wellington; auch Maddie und Duncan aus Clive sehe ich wieder, bevor ich meinen Fahrradkarton abhole und mit Rueckenwind zum Flughafen radle.

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2 comments on “Erdrütsche und Überflutungen: Kein Weg führt nach Wellington

  1. Manchmal vergesse ich beim Lesen, dass du das wirklich alles erlebst und nicht nur großartige Geschichten schreibst. Ich ziehe fortwährend den Hit vor deinem Durchhaltewillen. Danke, dass du mich teilhaben lässt! Und all fingers crossed, dass das Wetter sich bald zum Guten wendet!

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    1. luisarische sagt:

      Verrückt, oder? Mir geht es genauso. Wenn ich Bilder aus der Mongolei oder China betrachte, denke ich immer: Bin ich das? Habe ich das wirklich erlebt?

      Gefällt 1 Person

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