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Kapitel XLVII: Von Perth nach Albany, Teil 1

Es geht schon wieder weiter. Dass ich drei Monate in Neuseeland war, fühlt sich wie ein Traum an. Wo ist die Zeit geblieben? Bin ich nicht gerade erst angekommen? Doch Australien und ein milder Winter rufen. Von Wellington fliege ich nach Perth, wo ich alte Bekannte aus der Mongolei wiedertreffe.

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Abendrot. Im Schatten des Waldes. Im Schutz der Hütte Nglang Boodja auf dem Munda Biddi. Das bedeutet Pfad durch den Wald in der Sprache der Noongar, der indigenen Einwohner Westaustraliens. In meiner Sprache bedeutet es halsbrecherischer Schotterweg durch unendliche Hügelketten. Der Juli hat begonnen, es ist Winter, ein milder Winter auf dem roten Kontinent. Vor einem Jahr hatte ich zu diesem Zeitpunkt meine Arme auf den skelettartigen Stahlglobus des Nordkaps gerichtet. Es war Sommer, die Mitternachtssonne erleuchtete den teils schneebedeckten Norden Europas; es war nicht viel kälter als die winterlichen Nächte in Australien, auf der anderen Seite Welt, wo Schnee nur ein flüchtiger Alptraum ist.

10 Tage zuvor. 24. Juni. Eigentlich sollte ich jetzt im Flieger nach Rio sitzen, doch irgendwie bin im ich Flieger nach Australien gelandet. Wie, weshalb, warum? Ich weiß es nicht so genau, eigentlich wollte ich die Kosten für den zusätzlichen Flug vermeiden, doch ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt, und fliege jetzt dem vierstündigen Sonnenuntergang entgegen nach Melbourne. Der Zoll winkt mich durch. Ob meine Reifen sauber wären? Klar doch. Das ist alles. Wofür habe ich stundenlang mein Fahrrad geputzt? Wenigstens Anton ist glücklich. Ich übernachte in Melbourne, auf dem Flughafen, zwischen zwei Sesseln eines Cafés. Im Fernsehen läuft Fußball. Es ist das erste Spiel der Weltmeisterschaft, das ich live sehe. Deutschland ist zu diesem Zeitpunkt noch im Rennen um den Titel. Mehr oder weniger.

Zwei tief eingegrabene Augenränder später, um 4 Uhr, checke ich ein zweites Mal ein. Fahrrad. Taschen. Handgepäck. Ab geht’s nach Perth. Vier Stunden lang dem Sonnenaufgang entgegen. Leicht gerädert wackle ich in die Ankunftshalle, nach Flügen habe ich generell das Gefühl, gerade einen Marathon gelaufen zu sein, nach zwei Flügen und eine Schlafplatz zwischen zwei Sesseln, ist mir der Marathon anzusehen. Doch das ist nicht der Hauptgrund, warum auf dem Weg zum Gepäckband eher mürrisch dreinblicke. Hätte ich einen Spiegel, ich könnte sehen, wie meine Augen verengt sind, meine Stirn in Falten gezogen, die Linke Augenbraue leicht angehoben. Böser Blick.

Ich grüble, ich ärgere mich, während ich, in meinen Gedanken versunken, zum Gepäckband gehe. Der Grund meines Ärgers: Nur wenn ich vier Dollar opfere, komme ich an einen Wagen heran, den ich brauche für meine drei Gepäckstücke und meinen Fahrradkarton. Doch vier Dollar habe ich nicht und will ich auch gar dafür ausgeben. Das ist ja wie in Russland, überlege ich gerade, als ein grauhaariger Mann, nicht viel größer als ich selbst, mir aus meinem toten Winkel heraus in die Arme fällt. Luisa? Ross? Unbelievable. Unglaublich. Wege einer Weltreise.

Ich habe Ross und Barb vor fast einem Jahr in der Mongolei getroffen, früh morgens, mitten im Nirgendwo. Ich kam gerade aus meinem Zelt gekrochen, hatte meinen Pyjama noch an, als die Wanderer mich entdeckten. Wir quatschten, lachten, sie gaben mir ihren Kontakt. Australien war damals gar nicht auf meinem Weltreiseplan, doch das behielt ich für mich. Zehn Monate später kann ich es kaum fassen, dass ich die zwei wiedersehe, bei ihnen für einige Tage in Perth leben werde. Unbelievable. Währenddessen nimmt die Reise in meinem Kopf immer grenzenlosere Formen an.

Bevor es nach Hause geht, zeigt Ross mir aufgeregt seine Stadt. Perth ist riesig. Ross behauptet, es sei klein, aber für mich ist es riesig. Die Minen im Umland haben die Stadt reich gemacht. Doch seit einigen Jahren ist Flaute, der Boom vorbei, immer weniger Menschen kommen nach Perth. An den Hochhäusern geht es vorbei zum Whiteman Park, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben Kängurus sehe. Ich bin so aufgeregt. Anschließend fahren wir zu den Bilderbuch-Sandstränden der Westküste. Beige in Azurblau. Aber, Achtung! Haie gibt es auch an der Westküste. Schwimmen auf eigene Gefahr. Durch die viktorianische Hafenstadt Freemantle fahren wir zurück nach Perth, nach Rossmoyne.

Barb arbeitet noch, während ich mich im Zimmer einer ihrer Töchter einrichte. Der Nachwuchs ist längst ausgezogen. Barb und Ross sind seit fast 30 Jahren verheiratet. Er arbeitet als Ingenieur für die Water Corporation, sie als Lehrerin an einer High School. Er liebt Motorräder, sie das Malen. Ihre drei Töchter sind mittlerweile alle ausgezogen, vor einem Jahr nutzten Barb und Ross die Gelegenheit, durch die Welt zu reisen, China, Mongolei, Russland, Schweiz. Aus ihrem Zuhause in Perth wollen sie so schnell wie möglich wieder ausbrechen, die Welt ruft, Leben in einer Jurte. Noch hält sie Hund Mia zurück und das nötige Kleingeld für 3 Hochzeiten.

Ich bleibe fast zehn Tag, arbeite, versuche, den Blog aufzuholen, repariere und putze mein Fahrrad, besorge Ersatzteile. Unspektakulär. Ein Kugellager im Lenker hat sich verabschiedet, ich hatte wohl die vertikale Schraube zu fest zugeschraubt; außerdem brauche ich einen neuen Reifen und Öl für die Schaltung. Ich putze, schraube, fette. Ich könnte schon fast als Fahrrad-Mechaniker arbeiten – vor einem Jahr wusste ich gerade mal, wie ich einen Reifen zu wechseln habe, an einem Rad mit Schnellverschluss, versteht sich.

Am Abend zeigen Ross und Barb mir ihre Stadt bei Nacht, wir fahren zum Elizabeth Quay, King’s Park und zu einem urigen Café in Northbridge. Die verglasten Hochhäuser spiegeln sich in der Oberfläche des Swan Rivers. Am nächsten Tag gibt es Fußball. Australien verliert. Einen Tag später verliert auch Deutschland. Am Morgen nach dem Aus der Nationalmannschaft, als ich den Kühlschrank aufmache, warten ein frisch gepresster Orangen-Grapefruit-Saft, Früchte für den Joghurt, Ginger für einen Tee und ein Zettel auf mich. Enjoy! Da ist das blamable Ausscheiden, das mir die ganze Nacht den Schlaf geraubt hat, schnell verdaut.

Am Wochenende nimmt Ross mich mit zum jährlichen Treffen seines BMW-Clubs. Als ich hinten auf dem Motorrad sitze, muss ich grinsen. Von dem zufälligen Treffen auf einer Weide in der Mongolei zum Clubtreffen im australischen Jennacubbine. Essen, trinken, Aussies kennenlernen, schlafen mit 20 Bikern in einer Sporthalle; Speck, Eier, Toast und Tee zum Frühstück. Das ist Leben, das ist Reisen, auf unerwarteten Routen, die aus dem Nichts auftauchen, mich in Länder führen, die ich gar nicht besuchen wollte, in die Arme von Menschen, die einem alles geben, und nichts dafür haben wollen. Unglaublich.

Als alle Akkus aufgeladen sind und Aldi leer gekauft ist, breche ich auf nach Albany. Mein Weg: der Munda Biddi Trail, ein Mountainbike-Pfad, der von Perth bis nach Albany führt. Ross fährt mich noch zum Trail, dann müssen die Beine wieder ran. Ich komme allerdings so langsam voran, dass ich ziemlich schnell auf die Straße ausweiche. Auf dem Trampelpfad für Mountainbike-Abenteurer ohne 60 Kilogramm Gepäck stoppen mich umgefallene Bäume, Äste, die sich alle zehn Meter in meinen Speichen verfangen, unmögliche Steigungen auf Geröll und Schotter. Meine mit Essen vollgepackten Taschen purzeln immer mal wieder von den Stangen, bergab komme ich so langsam voran wie bergauf.

Und hier und jetzt bin ich. Nglang Boodja. Eine Hütte mitten im Wald, offen auf beiden Seiten, mit vier weitläufigen Flächen zum Schlafen, einer Veranda, einer Toilette, Tischen und Bänken, Abstellplätzen für Fahrräder. Ich schaue nach Spinnen, Schlangen, wasche mich im Fluss. Zum Abendbrot gibt es Reis und Lachs-Curry, das ich in der Hütte gefunden habe, zurückgelassen von einem Radler. Bevor ich mich zum Schlafen lege, trage ich mich ins Logbuch ein. Die Nacht ist kalt, bitterkalt, die Beine müde. Immer wieder wache ich auf. Entweder ist es die Kälte, die mir den Schlaf raubt, oder die Muskeln, die sich schmerzhaft verkrampfen, sobald ich die Beine strecke. Ich bin erleichtert, als die Sonne endlich aufgeht, Wärme und Licht bringt, und ich in einen neuen Tag starten kann.

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