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Kapitel XLVII: Von Perth nach Albany, Teil 2

Nachdem ich mir in Perth viel Zeit genommen habe, durchzuatmen, abzuschalten, runterzukommen, genieße ich es umso mehr, zurück auf dem Rad zu sein. Der Munda Biddi Trail versucht hartnäckig, mich an meine Grenze zu bringen, doch fern ab des stressigen Verkehrs ist viel Zeit, einen Blick über den Lenker zu werfen. Die Aussies sind wunderbare Gastgeber. Sie lassen mir Platz auf der Straße und laden mich zu einem Festessen ein.

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Kohlschwarz. Ich taste die Rinde des Baumes mit den Fingerspitzen ab. Ruß heftet sich an meine Fingerkuppen, als ob ich von innen über das Schutzglas eines zuvor genutzten, erkalteten Ofens streichen würde. Aus dem Stamm läuft rotes Harz wie der zähflüssige Milchsaft aus den Kautschuk-Bäumen Asiens. Die Bäume bluten, die Bäume haben Waldbrände überlebt. Fast überall scheinen die Buschfeuer schon gewütet zu haben, fast überall sind die Bäume schwarz. Tot sind sie nicht. Ihre Kronen schimmern im blassen grün. Survival of the fittest. Wer sich anpasst, überlebt. Das scheint diesen Bäumen meisterhaft geglückt zu sein.

Ich genieße Australien. Die Stille, die Abgeschiedenheit. Städte, oder vielleicht größere Dörfer, die alle 50, 60, 70 Kilometer die Natur verdrängen, sind nicht mehr als eine Fatamorgana: schneller verschwunden, als sie im Schatten der Wälder und Wolken auftauchen. Nach einer Nacht in der offenen Hütte des Namens Nglang Boodja fahre ich weiter über die verschlungenen Pfade des Munda Biddi, und nutze die erste Gelegenheit, den Schotterweg gegen Asphalt einzutauschen. Viel mehr Autos als auf dem versteckten Radweg sind auch auf der ausgezeichneten Straße nicht unterwegs. Ich bleibe in der Nähe des Pfads, folge seiner Route, um nachts in den Schutzhütten zu schlafen.

Nach Nala Mia schaffe ich es allerdings nicht. Die Tage sind zu kurz, die Taschen zu schwer, ich zu untrainiert. 1000 Höhenmeter am Tag, jeden Tag, fordern ihren Tribut. Doch mein Schlafplatz in dieser Nacht ist nicht weniger komfortabel als die Hütte. Am Greenbushes Pool stelle ich mein Zelt auf. Weit weg von der Straße, an einem See umschlossen von einem Wald. Nur die Maschinen des benachbarten Bergwerks scheinen keine Schlafenszeit zu kennen. Essen, radeln, schlafen. Das alte Leben. Das alte neue Leben. Oder ist es das neue alte?

Hinauf und hinunter geht es weiter, an Farmen vorbei, durch Wälder hindurch, über Schotter und Asphalt. Die Sonne treibt mir den Schweiß ins Gesicht auf meinem Weg zur Kartta Burno: ein Traum in der Natur. Die Schutzhütte steht leicht erhöht, rundherum ist Wald, nur vor der Hütte ist eine weitläufige Wiese, eine Lichtung, die den Blick über die Weite Westaustraliens, auf den Sonnenuntergang ermöglicht. Es gibt Nudeln mit Lachs und Avocado. Fast in allen Hütten finde ich Essen, das Wanderer und Radler zurückgelassen haben. Porridge, Curry, Kartoffelbrei. Als ich zur Toilette gehe, knackt es im Wald. Ein Känguru, das erschreckt davon springt.

Durch Manjimup und Quinninup geht es zum Moons Crossing. Weil die nächste Hütte zu weit entfernt ist, zelte ich an einem Fluss, im Wald – wo auch sonst. Als die Sonne längst untergegangen ist, wird mein Zelt auf einmal taghell erleuchtet. Ich wundere mich, denn der Zeltplatz ist nicht unbedingt naheliegend, die steile Straße für Vierradantrieb ausgeschrieben. Ich kann mir vorstellen, wie die Menschen im Campervan (das vertraute Geräusch der hinteren Rolltür verrät die Reisenden) das gleiche überlegen, als sie mein Zelt sehen. Am nächsten Morgen lerne ich Elisa und Silvia aus Italien kennen, die mit einem Working Holiday Visa durch Australien fahren. Wir frühstücken gemeinsam, tauschen Kontakte aus, bevor es weitergeht.

Hoch und runter, runter und hoch, es nimmt kein Ende. Nicht ein Berg in Sicht, doch es ist so hügelig, dass ich die 1000 Höhenmeter täglich angreife. 100 Meter hoch, 100 Meter runter; Northcliffe ist dann aber doch schneller erreicht, als erwartet. In Northcliffe geht es zurück auf den Trail, auf eine rotsandige Gravel Road, und weiter auf Schotter. Meine abgenutzten Reifen greifen in dem Schotter nicht mehr, schon gar nicht, wenn ich versuche, im Stehen berghoch zu fahren. Das Hinterrad dreht durch, sobald ich antrete. Ich habe einen Ersatzreifen dabei, doch diese Reifen haben einen stolzen Preis, deshalb will ich sie wirklich komplett abnutzen, bevor ich sie wechsle.

Ich komme auch so alle Hügel hinauf. Je länger ich unterwegs bin, desto fitter werde ich, desto weniger muss ich tragen. Der Pfad zur nächsten Hütte wird schmaler, meine Taschen bleiben in den Büschen hängen. Ein Känguru springt vor mir auf den Pfad, springt mir vorweg, bevor es wieder in den Büschen verschwindet. Sekunden später kreuzt ein Beuteltier meinen Weg. Die letzten Meter zur Hütte kommen mir wie eine Ewigkeit vor, der Pfad ist so schlecht, dass ich auch schieben könnte – ich wäre vielleicht schneller.

Vor Sonnenuntergang allerdings zirkle ich um die letzten Kurven zur Yirra Kartta, die beim letzten Brand komplett zerstört wurde. Als ich in die Hütte gehe, stehen dort Zelt und Räder. Ich hatte bereits Spuren im Sand gesehen und gehofft, dass ich nicht die einzige bin. Minuten später lerne ich Helen und David kennen. Die zwei Marine Pilots wollen im nächsten Jahr, sobald ihr Sohn die High School abgeschlossen hat, zu ihrer großen Reise aufbrechen. Sie lieben es zu radeln, outdoor zu leben.

Wir klettern auf einen Felsen aus Granit nicht weit von der Hütte entfernt, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Über den Kronen der Bäume wird das Ausmaß der Zerstörung deutlich. Teile des Walds sind nicht mehr als ein Skelett, andere Teile erholen sich schneller. Als es dunkel ist, erklärt David mir, wie ich mich an den Sternen orientiere, zeigt mir das Southern Cross. Der Nachthimmel ist wie immer beeindruckend, Sterne über Sterne, die Milchstraße, Venus, ein Satellit. Die Nacht ist nicht allzu kalt. Am nächsten Morgen, bevor die zwei aufbrechen, drückt Helen mir Geldscheine in die Hand. Damit solle ich mir in der nächsten Kneipe ein richtig gutes Essen bestellen, ein Steak vielleicht, auf jeden Fall Fleisch.

Die nächste Kneipe ist noch weit entfernt. Vorher radle ich über die nächste Gravel Road zum Berg Falkland und weiter zur Kwokralup Beela. Die Hütte ist nah, es ist ein kurzer Tag, am Nachmittag bin ich so müde, dass ich ein Nickerchen brauche. Es ist die kälteste Nacht auf dem Heaphy… ups, natürlich ist es nicht der Heaphy, sondern der Munda Biddi, doch die zwei Pfade haben viele Gemeinsamkeiten. Ich schlafe nicht viel, bin zu erschöpft, um gegen die Kälte von außen anzukommen und warte sehnlichst auf den Sonnenaufgang, um einen Tee zu kochen, Porridge zu erwärmen, in der Sonne aufzutauen. Dann ist es endlich soweit.

Der Tag ist so schön wie die vergangenen Tage. Sonne, blauer Himmel. Und in Noralup finde ich endlich mein Restaurant, klein, niedlich, irgendwie europäisch. Doch es sind Australier, die den Laden schmeißen. Es gibt dorfeigenes Zitronengras-Lamm mit Kartoffeln, Reis, Zwiebeln und Möhren. Dazu ein Gingerbier und zum Nachtisch einen Joghurt-Zitrus-Kuchen. 50 Dollar. So viel hatte ich für meinen Aldi-Einkauf in Perth ausgegeben, der mich 2 Wochen lang am Leben erhält. Während ich esse, denke ich immer wieder an Dave und Helen. Tausend Dank, ihr Zwei, für diesen grandiosen Genuss. Nach tausenden Höhenmetern, Reis, Nudeln und Porridge, ist das Essen ein Traum auf Wolke 7.

Ich schlafe irgendwo im Nirgendwo. Völlig wild, völlig gesättigt. Am nächsten Morgen regnet und stürmt es. Ich werfe mich in meine Regensachen, doch bereits nach zwei Stunden hat die Sonne die Wolken schon wieder verdrängt. Bis zur William Bay fahre ich auf der Hauptstraße mit einer gelben Leuchtweste, die Ross mir geschenkt hat. Nicht zu übersehen. Obwohl ich vor den australischen Autofahrern gewarnt wurde, bin ich überrascht, wie zivilisiert sie an mir vorbeifahren. Großer Abstand, viele blinken sogar, einige bremsen ab, warten bis der Gegenverkehr an mir vorbei ist. Das habe ich in Neuseeland nicht ein einziges Mal erlebt. Ich habe fast Tränen in den Augen vor Rührung; Daumen hoch für so viel Respekt.

Ich kehre auf den Munda Biddi zurück, es geht am Meer entlang, durch die Dünen nach Denmark. Das Land wird flacher, der Wind bläst von hinten. Ich komme schneller voran als geplant, schlage mein Zelt auf dem Torbay Inlet CG auf, in der Ferne rauscht das Meer. Diesmal halte ich kein Nickerchen, sondern nutze das Tageslicht, um zum Strand zu spazieren, an dem ich zwei Regenbögen vor den dunklen Sturmwolken über dem Meer bewundere. Für einen Moment bereue ich, meine Kamera nicht dabei zu haben. Dann überlege ich, was für eine Errungenschaft es ist, in einer Zeit, in der alles aufgenommen wird, Vergänglichkeit zu zelebrieren, den Moment aufzusagen, und ihn dann loszulassen.

Ich lasse Torbay hinter mir, radle mit Rückendwind nach Albany zu Beth and Dennis, die mir Schutz gewähren, während draußen ein Sturm tobt. Der Strom fällt für ein, zwei Stunden aus. Mein weltliches Timing ist diesmal unschlagbar. Ich meide nicht nur den Sturm, sondern erlebe, wie Angelique Kerber sich in die Geschichtsbücher einträgt, und Dege den vielleicht wichtigsten Sieg seiner Karriere feiert. Wen interessiert da schon Fußball? Nun ja, mich natürlich. Und auch das Finale der WM erlebe ich live, bevor es zurück auf mein Zweirad und mit einem Lächeln (über den Sieg Deges) nach Esperance geht.

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