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Kapitel XLVIII: Von Albany nach Esperance

Nach vier Wochen in Australien sollte mich die neugierige Gastfreundschaft der Australier nicht mehr überraschen. Doch als Rod und Sue mir erst eine Mitfahrgelegenheit anbieten, mich dann auf ihre Farm einladen und mich schließlich für einen Tag zum fünften Schäferhund machen, kann ich mein Glück kaum fassen.

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Mit Rückenwind verlasse ich Albany, meide den South Coast Highway und biege auf die Chester Pass Road ab. Die erste Nacht verbringe ich auf dem Rastplatz des Porongurup Nationalparks, am Fuße des Castle Rock, zwischen Picknick-Tischen und öffentlichen Toiletten. Ob ich auf dem Rastplatz zelten darf, weiß ich nicht, aber ein Verbotsschild kann ich nicht finden. Das reicht mir, um meine Heringe in den Boden zu rammen und zwischen neugierigen Kängurus zu übernachten. Es ist eine überraschend warme Nacht.

Der Wind bläst mich hoch zum Stirling Range Nationalpark. Mein Ziel ist der Rastplatz in Borden, doch soweit schaffe ich es nicht. 10 Kilometer vor dem 150-Seelen-Dorf hält mich eine Lollipop-Frau an. Stop and Go. Bauarbeiten. Ich muss warten. Die Frau winkt die zwei Autos hinter mir durch, doch der zweite Fahrer wirkt unsicher, rollt mit seinem weißen Geländewagen an meine Seite, hält an. Der grauhaarige, hagere Mann beugt sich vor, an einer Frau mit Einkaufstaschen vorbei, die mich mit ihren kleinen runden Augen durchdringend mustert, und fragt mich durch das offene Fenster, ob sie mich mitnehmen können. Klar, warum nicht, antworte ich.

Er fährt den Geländewagen an den Straßenrand, während ich Anton entlade, steigt aus und hält mir die Hand hin. Rod, stellt er sich vor. Luisa. Nice to meet you. Wir werfen Anton auf die Ladefläche, dann nehme ich neben Sue Platz. Die zwei kommen gerade von ihrem monatlichen Einkauf in Albany zurück, sie erzählen, sie hätten mich bereits auf der Hinfahrt entdeckt. Rod fragt gar nicht erst, wo ich hin will. Es ist 16 Uhr, die Sonne geht bald unter, sie nehmen mich mit zu ihrer Farm im Süden Bordens. 3000 Hektar. 8000 Schafe. 100 Kühe. Do you want to be a farmer for an hour and a half, fragt mich Rod. Na klar doch, erkläre ich mit leuchtenden Augen.

Die Kühe müssen gefüttert werden. Auf dem Weg zum Stall fahren wir an einem Schaf vorbei, das gerade zwei Lämmern das Leben geschenkt hat. Die blutige Nachgeburt hat das graue Fell des Schafs rot gefärbt. Die zwei Lämmer, deren Beine zu lang für ihre Körper zu sein scheinen, liegen unter ihr. Ihr Fell leuchtet orange. Kein gutes Zeichen, erklärt mir Rod, es sei ein hartes Jahr gewesen. Rod und Sue warten auf den großen Regen. Die Felder sind abgegrast, die Schafe hungern. Es war zu trocken, viel zu trocken. Dürre im Winter, sagt Rod, das habe er noch nie erlebt. Der leere Magen der tragenden Schafe soll die orange Farbe der Lämmer verursachen.

Wir laden das Heu mit einem Traktor aus dem 19. Jahrhundert – so sieht er zumindest aus und so hört er sich auch an – auf die Ladefläche des Jeeps. Kannst du fahren, fragt mich Rod. Nein, brülle ich fast. Panik. Ich kann eigentlich fahren, mir fehlt jedoch die Praxis, und dann ist in den australischen Autos noch alles verkehrt herum. Ich halte mich lieber von Gaspedal und Kupplung fern. Ich mache nur irgendwas kaputt, versuche ich zu erklären. Rod lacht. Mir schießt die Röte ins Gesicht.

Bevor es über die Felder zu den Kühen gehen, laden wir noch ein Schaf ein, das den Tag stehend im Stall verbracht hat, mit Wasser und Getreide. Nun soll es fit genug sein, um zur Herde zurückzukehren. Kip, eine dreijährige Schäferhündin (nicht die Rasse, sondern ihr Beruf), liegt mir im Jeep zu Füßen. Ich sitze im Schneidersitz auf dem Beifahrersitz – hatte ja genug Übung in Südostasien, meine Knie in diesem absurden Winkel zu verbiegen. Auf dem Weg sehe ich noch viele Lämmer, einige von ihnen tot. Die Schafe leiden, ihre Knochen stehen hervor.

Auch die Kühe haben Nachwuchs bekommen. Ein schwarzes Kalb liegt im Schatten der Steine, während die Mutter sich auf das Heu stürzt. Das Kleine kommt wackelnd auf die Beine, stakst zur Mama und trinkt. Beautiful, kommentiert Rod. Wir bringen Sue die wunderbaren Neuigkeiten. Sie hat derweil das Abendbrot vorbereitet. Lachs, Kartoffeln, Brokkoli. Ich haue mir den Magen voll. Nachschlag um Nachschlag. Und noch eine Scheibe Brot. Den nächsten monatlichen Einkauf müssen die zwei wohl früher erledigen, geht es mir schuldbewusst durch den Kopf.

Rod hat die Farm von seinem Vater geerbt; Sue hat er während ihres Studiums und seiner Lehrzeit kennengelernt. Sie sind seit mehr als 30 Jahren verheiratet, haben zwei Kinder, die in London und New York leben. Sue hat viele Jahre als Lehrerin in Borden gearbeitet, heute arbeitet sie nur noch auf der Farm und musste vor anderthalb Monaten mit ansehen, wie ein Bulle Rod fast getötet hätte, als er auf ihn zurannte, ihn umrannte, Rippen, Bein und Schädel brach. Ich sehe sofort die mongolischen Ochsen mit ihren langen Hörnern auf mich zurennen und um mein Zelt versammeln. Rod erklärt: Ich kann froh sein, noch am Leben zu sein. Ich werde es in Zukunft den Toreros in Pamblona überlassen, sich mit Stieren anzulegen. Ich auch, denke ich.

Rod und Sue haben schon viele Backpacker beherbergt. Manche haben auf der Farm gearbeitet, andere haben sie an der Straße aufgesammelt wie mich. Am nächsten Morgen fragt Rod mich, ob ich ein Farmer für einen Tag sein will. Na, und ob! Auf diese Frage hatte ich heimlich gewartet. Gemeinsam packen wir den ganzen Tag an: Sue und Rod, Kirsty aus Neuseeland und Lulu aus Deutschland, Kib, Bridge, Euge und Maria, die vier Hündinnen. Ich kann mein Grinsen nicht abstellen, was für eine einmalige Erfahrung! Sue muss immer anfangen zu lachen, wenn sie mich sieht – weil ich die ganze Zeit grinse.

Wir treiben zwei Schafherden durch ein Gewirr aus Weiden, Gattern und Umzäunungen in den Stall. Ein Emu, das denkt, es wäre ein Schaf, folgt der Herde. Es sieht zum Brüllen aus, wie das Emu aufgeregt hinter den Schafen herstakst, die von den Hunden zusammengetrieben werden. Die Schafe der zwei Herden sind gerade mal 1 Jahr alt, aber viel zu klein. Kirsty tränkt sie, um sie vor Würmern zu schützen, während Rod und ich eines der ausgewachsenen Schafe zum Stall bringen, das sich dem Scheren entzogen hat. Heute ist es soweit. Das Fell kommt ab. Weich, warm, kuschelig. Nackt und weiß geht es zurück auf die Weide, während Bridge mir nicht mehr von der Seite weichen will. Neue beste Freunde. Auch Kib knutscht mich ab, ich teile mir mit beiden Hündinnen den Beifahrersitz.

Am Nachmittag laden wir Getreide auf, um die anderen Schafherden zu füttern; am Abend erlebe ich meine zweite Geburt. Das Lamm fällt immer wieder auf sein Gesicht, während es versucht, sein Gleichgewicht auf den vier Stelzen zu finden, um an die Zitzen des Euters zu kommen. Sue und ich beobachten die ersten Gehversuche vom Jeep aus, der 13-jährige Collie, Maria, liegt auf meinem Schoß. Dann geht es zurück zum Haus. Es gibt Auflauf vor dem Fernseher. Tour de France läuft. Was für ein wunderbarer Tag, ich bin so dankbar, und sage das Rod und Sue immer wieder.

Am nächsten Morgen geht es weiter. 100 Kilometer. Rückenwind. Erneut halte ich auf einem Rastplatz mit Bänken an der Straße, mein Zelt baue ich im Busch auf. Als ich vor Sonnenaufgang mit Kocher und Reis zu den Bänken laufe, um zu kochen, kommen John und Elena mit ihrem Caravan auf den Platz gefahren. Sie laden mich zum Essen ein. Curry, Wein, Schokolade, Chips und Tee. Was für ein Luxus. Die zwei leben in Melbourne. Ingenieur im Ruhestand und aktive Krankenschwester. Seit drei Wochen sind sie mit dem Caravan unterwegs, fünf Wochen bleiben ihnen noch, bevor Elena zurück muss. Nach einem gemeinsamen Tee am nächsten Morgen fahre ich weiter.

Die Straße erinnert mich an Finnland, Welle um Welle wölbt sich das asphaltierte Monster über die Hügel. Hinauf und hinunter, Buckel um Buckel. Eine fast direkte Gerade von Borden nach Esperance, an keiner Stelle ist diese Gerade flach. Doch die Taschen sind nicht zu voll, ich wieder deutlich trainierter und der Rückenwind hilft kräftig mit. Ich schlafe in Ravensthorpe, fahre im Sturm nach Muglinup. Das schlechte Wetter ist endlich da, Regenschauer um Regenschauer verschluckt mich auf dem South Coast Highway. Ich juble, in Gedanken bei den Schafen von Rod und Sue.

Nach weiteren 100 Kilometern komme ich am Pink Lake an, Esperance nur einen Steinwurf entfernt. Doch ich wähle am nächsten Morgen, nach einer Nacht auf dem weißen Ufersand des Sees, den langen Weg nach Esperance, um den See herum, am 11 Mile Beach entlang. Eine atemberaubende Strecke: Panoramabild an Panoramabild erstreckt sich die sandige, von Dünen bedeckte Steilküste an dem türkisblauen Meer, das aufgewühlt gegen den weißen Strand schlägt. Klischeemotiv für alle Urlaubskataloge.

Im strahlenden Sonnenschein komme ich im geschniegelten Esperance an. Ich checke im Hostel ein, Warmshowers ist in Esperance nur ein fernes Gerücht. Zwei Nächte, die mich nichts kosten. Denn Chefin Lisa ist so begeistert, einen weiblichen Bikepacker zu beherbergen, dass sie mir alle Kosten erlässt, und jedem neuen Gast aufgeregt erzählt: Luisa is pushbiking the Nullarbor. Die Australier, ich liebe sie!

Nach 1200 Kilometern und 12000 Höhenmetern ist mein Körper zurück im automatisierten Maschinenmodus. Dauerverbrennen. Das merke ich in der ersten Nacht im Hostel. Grießbrei mit Banane, Datteln und Nüssen zum ersten Frühstück, Kuchen zum zweiten Frühstück, Reis mit Thunfisch und Linsen zum Mittag, Kuchen zum Nachmittag, Schinken-Erbsen-Suppe und zwei Toasts zum Abendbrot reichen meinem Körper nicht mehr aus. Er hat Hunger und lässt mich nicht einschlafen, essen will ich um 23 Uhr aber auch nicht mehr, dann kann ich noch weniger schlafen.

Irgendwann versinke ich schließlich im Lummerland und wache um vier Uhr frierend unter zwei Decken und einem Schlafsack wieder auf. Hunger, Hunger, Hunger. Es hilft alles nichts. Ich schleiche in die Küche. Müsliriegel und Banane. Schlafen kann ich danach allerdings nicht mehr. Ich fange an zu arbeiten, schreibe den ganzen Tag – bis auf die 2 Stunden im Supermarkt, die ich brauche um kiloweise haltbare, billige Lebensmittel für die Nullarbor einzukaufen – bis tief in die Nacht hinein. Es ist das letzte Mal für vier Wochen, dass ich Internet und Steckdosen habe.

Bevor ich wieder auschecke, fahre ich mit Jim aus Hopetoun und Aurelie aus Frankreich, deren Autos bei der Werkstatt sind, zur Lucky Bay und zur Hellfire Bay. Türkisblau auf kreideweiß. Eine Gruppe Delfine unterhält uns, während sie jagen. Der Sand knirscht unter meinen Zehen. Hier lässt’s sich leben. Will ich wirklich irgendwann zurück nach Deutschland?

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