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Kapitel XLIX: Von Esperance nach Port Lincoln, Teil 1

Nach vielen Gesprächen, Warnungen und guten Wünschen ist es endlich soweit. Die Nullarbor-Wueste liegt vor mir: ein riesiger Kalksteinbock zwischen Western Australia und South Australia, verbunden durch eine zweispurige Strasse für industrielle Strassenzüge, pensionierte graue Nomaden mit überdimensionalen Raumschiffen, Rucksackreisende, Radreisende und wandernde Kolumbianer mit einem Anhänger. Doch bevor ich auf die Nullarbor einbiege, lädt mich Sanitäter Steve in sein Haus ein.

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Die Sonne schwebt nur noch zwei Handbreit über dem Horizont, tief im Westen, zwischen den aufkommenden Wolken, als ich das digitale Netz, das die Menschen dieser Welt verbindet, verlasse. Ausgeloggt. Eingepackt. Draufgepackt. Esperance. Ich kann mein Rad nicht mal mehr einen Fingernagelbreit vom Asphalt anheben. Das Gewicht all meiner Kalorien für die nächsten drei Wochen liegt verteilt in meinen fünf Taschen, dicht an dicht kuscheln Brot, Reis, Nudeln, Marmelade, Knäckebrot, Kekse, Erdnussbutter, Joghurt, Marmite, Bananen, Zwiebeln. Nur das Zelt muss nicht teilen. Meinen Kulturbeutel lasse ich im Hostel zurück. Ich brauche den Platz. Auch das mongolische Fahrradschloss kommt ab, zu schwer. Ich werde ein neues kaufen, ein leichteres, auf der anderen Seite. Denn auf dem 2000 Kilometer langen Weg nach Port Lincoln, durch die Nullarbor-Wueste, warten nur Roadhouses auf mich. 6 Dollar per Liter Wasser. Ich will gar nicht wissen, was die Lebensmittel mich kosten würden und werde es auch nicht herausfinden.

Da die Dunkelheit mit riesigen Schritten auf Esperance zustürmt, will ich die Nacht erneut am Pink Lake verbringen. Durch die Stadt sind es nur 7 Kilometer bis zum See, an dem ich die Nacht verbrachte, bevor ich nach Esperance kam. Die Grenzen der Stadt sind nicht mehr weit entfernt, als ein weisser Jeep an mir vorbeifaehrt, am Strassenrand hält. Der Fahrer steigt aus, kommt mir entgegen. Ich steige mit einem Fuss aus der Pedale, rolle zu ihm. Wo ich heute noch hin will, fragt er mich. Nur aus der Stadt raus, ein Platz für mein Zelt finden, erkläre ich. Der Fahrer antwortet, dass die Sonne gleich untergehe und es regnen soll, ob ich mit zu ihm kommen will, ich könne mein Zelt im Garten aufschlagen, oder ein Bett haben. Klar, sage ich, ohne lange zu überlegen, das wäre grossartig. Steve beschreibt mir den Weg zu seinem pinken Haus, erklärt mir, wie ich hinein komme. Er sei in einer halben Stunde auch da.

Ich bleibe zwei Nächte. Unerwartetes Glück. Aber so sind die Australier, in keinem anderen Land haben mich so viele Menschen gefragt, ob ich ein Dach für die Nacht brauche. Sie vertrauen mir ihr Haus, ihr Eigentum, ihre Guete an, ich ihnen mein Leben, meine Geschichten. Ich wasche meine Ausrüstung, zum ersten Mal seit Albany, zum letzten Mal vor Port Lincoln, döse, lese, schlafe. Steve versorgt mich Steak, Gemüse und Eiern, Proteine bevor ich durch die Nullarbor fahre, denn Eier habe ich selten dabei, Fleisch nie. Der 60-jährige arbeitet als Sanitäter und psychologischer Berater, hat einen Sohn und reist leidenschaftlich gern. Immer mal wieder fragt er Backpacker, denen er zufällig begegnet, ob sie ein Dach für die Nacht brauchen. Am Morgen wird er zu einem Einsatz gerufen. Suizid. Steve kennt den Mann. Doch nach vielen Jahren im Gespräch mit Menschen, deren Köpfe nicht wie die meisten funktionieren, hat Steve gelernt, abzuschalten.

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Am nächsten Morgen geht es dann tatsächlich los. Von Esperance nach Scaddan, weiter nach Salmon Gums. Es fühlt sich an, als ob ein Widerhaken an meinem Hinterrad befestigt wäre, der sich immer wieder im Asphalt festgekrallt, mir den Schweiss ins Gesicht treibt. Das Gewicht, der Gegenwind. Doch ich weiss, das Rad wird von Tag zu Tag leichter werden. Ich halte nach Helman Ausschau. Doch finde nur seine Kleidung im Mülleimer. Ich muss schmunzeln, war ihm wohl doch zu viel Gepäck. Dann der zweite Platten. Nach 15 Monaten ist es endlich wieder so weit. Diesmal trifft es das Hinterrad, eine Heftklammer ragt seitlich heraus. Wie ist die denn dahin gekommen? Weil ich gerade schon dabei bin, den Schlauch zu wechseln, tausche ich auch gleich den Mantel aus. Glueck bringt mir das nicht.

Am Abend halte ich kurz in Salmon Gums, fülle meine Trinkflaschen in der öffentlichen Toilette auf. Als ich den winzigen Ort wieder verlassen will, stosse ich schliesslich doch noch auf Helman, der nach einem Tag im Gegenwind so aussieht, wie ich mich fühle. Seine Wangen glühen rot unter den dunklen Haaren. Orange Weste, schwarze Hose, brauner Sonnenhut. Er lehnt an seinem Anhänger unter dem Dach eines Roadhouses, seine Schulter aufgestützt, mit der anderen Hand führt er genüsslich Pommes zu seinem schmatzenden Mund. Er grinst, als er mich sieht, steckt mir die braune Papptüte zu, ich greife hinein, lasse die salzige Kruste der Pommes auf meiner Zunge zergehen.

Helman, kolumbianischer Australier, ist nicht mit dem Fahrrad unterwegs, er geht, Schritt um Schritt, bis Ceduna, 1500 Kilometer, mit einem Anhänger, der breiter ist als mein Rad. 20 Liter Wasser, 20 Kilo Essen, zwei Kochplatten, ein 20 Dollarzelt, kein Schlafsack. An den falschen Enden gespart, wirft er sein Geld am Roadhouse raus. Wie ich, vor einem Jahr. Als kein Coffeeshop, kein Caravanpark mich davon abhalten konnte, mein Geld im hohen Bogen hinauszuwerfen; zu schwer fiel es mir, mich an das neue Leben mit Budget anzupassen. Sparen bis der Magen knurrt. You’ll learn, young Padawan, erkläre ich ihm. Doch Helman hat im Roadhouse nicht nur Pommes, Hühnchen, Frühlingsrollen und Snickers gekauft, sondern auch eine Decke bekommen. Einfach so. Ich frage ihn, ob wir eine Stunde zusammen gehen wollen, zusammen zelten, zusammen kochen. Doch er will lieber im Caravanpark schlafen, duschen, Internet nutzen. Ich radle weiter.

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Nach einer Nacht im Busch hinterlasse ich Brotkrumen am Wegesrand, zwei Scones für den tapferen Wanderer. Nicht zu übersehen. Später am Tag treffe ich Josef aus England, Youtuber, der gerade von der Nullarbor kommt. Falsche Richtung, erklärt er mir. Für ihn, nicht für mich. Gegenwind von Ceduna bis Norseman. Doch Josef ist leicht bepackt, Bikepacking-Panniers am Sattel, im Rahmen, am Lenker, an der Gabel. Er hat sich an den Roadhouses versorgt, eine Nacht in einem Roadhouse geschlafen. Keine Option für mich. Ich bin froh über meine grossen Taschen und all das Essen, das auf mich wartet und mir viel Geld sparen wird. Ich gebe Josef den Kontakt von Steve, erzähle ihm die verrückte Geschichte, und dass Steve immer mal wieder fremde Reisende in seinem Haus aufnimmt. Dann radle ich zum Dundas Rock.

Es ist die letzte Nacht vor der Nullarbor. Ich tausche noch meine Kette aus, die alte hat mehr als 6000 Kilometer runter und ist am Ende ihrer Lebenszeit angekommen. Es ist eine warme Nacht, zumindest beginnt sie warm. Ich überlege noch, ob ich meinen zweite Schlafsack zurücklassen soll, als die Temperaturen auf einmal fallen. Ins Bodenlose. Wie in der Wüste. Am nächste Morgen, als ich was trinken will, ist das Wasser in meiner Flaschen eingefroren. Mir war gar nicht klar, dass es in Australien so kalt werden kann – mit Ausnahme von Tasmanian vielleicht.

In Norseman fuelle ich 10 Liter Wasser ab, weil mir die halbe australische Welt erklärt hat, ich solle sichergehen, genug Wasser dabei zu haben. Bevor ich das Dorf verlasse, hocke ich mich für anderthalb Stunden in die öffentliche Bibliothek, lade ein letztes Mal die elektronischen Geräte auf, lese währenddessen The Narrows von Michael Connelly. Im örtlichen Supermarkt gibt es noch einmal frisches Brot und Karottenkuchen. Dann ist es soweit. Ich biege nach rechts ab, nach Osten, lasse die zivilisierte Welt hinter mir. 2000 Kilometer bis Adelaide, 1200 Kilometer bis Ceduna. Nach dem ich seit Wochen über nichts anderes rede als die beruechtigte Nullarbor, bin ich erleichtert, endlich angekommen zu sein. Offline, selbstversorgt, der aufgehenden Sonne entgegen.

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3 comments on “Schwer bepackt der baumlosen Wüste entgegen

  1. Tino sagt:

    Wahnsinn Luisa !!
    Weiter so und viele tolle Erlebnisse.
    Deine Kette ist nach 6.000km am Ende ? Oh. Aber du fährst doch Rohloff ….
    Ich habe mit meinem neuen Rad auch grad 6.000 runter, aber die Kette macht den Anschein, als wenn sie locker noch weitere 6.000 hält.

    Viele Grüße von einem „kleineren“ Lübecker Radreisenden 🙂
    Tino

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    1. luisarische sagt:

      Es waren wohl 6500. Aber ja. Wenn ich beim Fahren merke, dass sie zu locker ist, wechsle ich sie, sonst verbiegen die ausgedehnten Kettenglieder die Ritzel, und das würde mich sehr viel teurer kommen als eine neue Kette. Die Ketten kosten ja nichts, ich muss langfristig denken 😉

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      1. Tino sagt:

        Okok 🙂
        Ich bin im Sommer gerade 2.000km die Donau von Wien nach Constanta (am Schwarzen Meer) gefahren ….. – meine bisher langweiligste Flußtour. Wenig Fluß, dafür viel viel Hauptstraße und wenn nicht, dann viel Schotter inkl 3 (!!) Platten. Aber interessant von den Menschen her.
        Lust auf eine Tour über mehrere Monate hab ich ja auch …. aber woher die Zeit nehmen 🙂 und ne große Portion Mut gehört ja auch dazu.
        Es ist immer total spannend und interessant deine Berichte zu lesen. Am Tourende bastelst du daraus ein Buch ?

        LG Tino

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