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Kapitel XLIX: Von Esperance nach Port Lincoln, Teil 2

Die Gedanken sind frei, denke ich noch, als meinem Hinterrad zum zweiten Mal in drei Tagen die Puste ausgeht. Der neue Reifen bringt kein Glück – zumindest was das Einsammeln von scharfen Hindernissen betrifft. Sonst halten mich nur graue Nomaden auf, die mich nicht nur mit ihrer Gesellschaft, sondern auch mit Essen, Wasser und Einladungen beschenken. 

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Ausgeglichen. So fühle ich mich, als ich auf den aufgwaermten Steinen des Buldania Rocks sitze, meine Muskeln dehne, im orangen Licht der untergehenden Sonne meditiere. Stille. Innere Ruhe. Kein Vogel zwitschert, kein Känguru springt, kein Regen trommelt, die Strasse ist weit entfernt. Es ist die erste Nacht auf der Nullarbor. Kein Zurück mehr. Alles, was ich dabei habe, muss mich am Leben erhalten. Mehr gibts nicht. Nahrung, Wasser, Zelt, Rad. Selbstversorger. Irgendwie. Planung ist alles.

Motiviert sitze ich nach einer Nacht unterm Sternenhimmel wieder auf – und komme nicht weit. Die Gedanken sind frei, denke ich, als ich den Rastplatz, auf dem ich meinen Müll entsorgt habe, verlasse. Kein Hörspiel, keine Musik. Nur das Universum im Kopf. Puff. Da verabschiedet sich der nächste Schlauch. Wieder das Hinterrad. Das kann doch nicht sein, der Reifen ist niegelnagelneu, dafür habe ich einen Haufen Geld bezahlt, damit ich mich nicht mit Löchern in meinem Schlauch auseinandersetzen muss. Hilft alles nichts. Ich fahre an den Rand. Taschen ab, Fahrrad umgedreht, Laufrad ab, Mantel ab, alter Schlauch raus, neuer rein, Mantel drauf, Laufrad zurück ins Rad, pumpen, pumpen und pumpen. Mit der handgrossen Handpumpe brauche ich mehr Zeit zum Pumpen als zum Wechseln des Schlauchs. Den kaputten Schlauch packe ich ein, um ihn am Abend zu reparieren, um für den nächsten Platten bereit zu sein. Ein Dorn hatte sich hineingebohrt, eigentlich ein Dutzend Dornen, aber nur einer hat es bis zum Schlauch geschafft.

Also. Die Gedanken sind frei. Weil sich die Zahl der Steckdosen in der Wüste in Grenzen hält und ständige Regenschauer sich vor Solaris schieben, verzichte ich auf Hörbücher und Musik am Tag. Für mich ist es wichtiger, abends im Zelt unterhalten zu sein, um mich bis mindestens 21 Uhr wachhalten zu können, damit ich nicht um 4 Uhr aufwache und wach im kalten Zelt liege, bis die Sonne aufgeht. Tagsüber also lasse ich die Gedanken kreisen, und dieser Gedanke führt zu einem Ohrwurm, der mich zwei Wochen verfolgen wird. Die Gedanken sind frei. Und ich kann es nicht abschalten. Immerhin hat sich der Text während des Musikunterrichts in der Schule so tief in mein Hirn gebrannt, dass ich nicht immer den Refrain wiederholen muss, sondern lustig das Lied rauf und runter trällern kann, während die Road Trains und Caravans an mir vorbeisausen. Wenn ich nicht gerade singe, sammle ich philosophisches Gedankengut, mit dem ich niemanden langweilen will, oder erzähle mir Geschichten, die niemand zu hören bekommen wird… kein Mensch kann sie wissen, kein Jaeger erschiessen…

Am Abend halte ich kurz auf einem Parkplatz, eigentlich will ich noch weiter, doch als ich über meine Schulter blicke, rast eine tiefschwarze Wolke auf mich zu. Sekunden bevor der Sturm mit 100 ka-em-ha über mich hinwegrast, habe ich mein Zelt geschützt hinter einigen Büschen aufgebaut, die Taschen im Zelt verstaut, die Windseile an Bäumen befestigt, die sich im Sturm so weit hinunter biegen, dass sie meinem Zelt auch nicht mehr Standfestigkeit verleihen können. Ich flicke den Reifen, zähle die Minuten bis 17.30 Uhr, weil ich vorher noch nichts essen kann, sonst bin ich, bevor ich einschlafe, so hungrig, dass ich nicht mehr schlafen kann. Und das Essen muss schließlich eine Weile halten. Streng rationiert.

Mit dem Ventiladapter, den mir Ross in Perth geschenkt hat, bringe ich am nächsten Roadhouse meinen Reifen fast zum Platzen. Ein Handdruck und die Arbeit von 30 Minuten mit der Handpumpe ist in zwei Sekunden erledigt. Auch mein Vorderrad muss ich aufpumpen. Das hat in den vergangenen zwei Tagen ordentlich Druck verloren. Ein Loch kann ich nicht finden, aber als ich das Ventil abschraube, kommt es mir entgegen. Ich schätze, dass das Ventil beschädigt ist, doch der Druckverlust ist so gering, dass ich den Schlauch nicht wechsle. In der öffentlichen Toilette fülle ich mein Wasser auf.

Der Tag ist windig, stürmisch. So wie jeder Tag auf der Nullarbor. Doch der Wind kommt im besten Fall von hinten, im schlechtesten Fall über meine Schulter. Erst wenn die Sonne untergeht, pustet es nicht mehr, kein Ast bewegt sich mehr. Stille im Outback. So ohrenbetäubend, dass es fast beängstigend ist. Ich kann die Kängurus hören, die tagsüber schlafen und nachts auf Beutefang – sind natürlich Pflanzenfresser – gehen. Ich stelle mir vor, wie ein Känguru in mein Zelt hüpft, ich anfange zu schreien, es anfängt zu schreien. Doch die Beuteltiere springen schliesslich auch nicht gegen Bäume, sie müssen also ein nächtliches Navigationsgerät haben.

Auch am nächsten Roadhouse kann ich meine Flaschen mit Wasser auffüllen. Ich hätte also gar nicht zehn Liter in Norseman abfüllen müssen. Die Roadhouses liegen meist nicht mehr als 150 Kilometer auseinander, alle haben eine öffentliche Toilette, in denen manchmal darauf hingewiesen wird, dass das Wasser nicht trinkbar sei. Ob sie die Schilder aufhängen, weil das Wasser wirklich nicht trinkbar ist, oder sie mich dazu bringen wollen, das 6-Dollar-Wasser zu kaufen, weiss ich nicht. Ich setze auf den Wasserhahn. Am Abend, nachdem ich den ersten Nullarbor-Flughafen (wie schlau: die Straße als Landebahn) überquert habe, komme ich bereits am 90 Mile Sign an. 150 Kilometer geradeaus. Dieser Herausforderung gehe ich allerdings erst am nächsten Tag an.

Der Wind kommt von hinten, aber so richtig. Die grünen Kilometerschilder, die alle 10 Kilometer anzeigen, wann das nächste Roadhouse kommt, fliegen an mir vorbei. 130, 120, 110, 100. Ich nehme Tempo raus, ich muss die Strasse nicht an einem Tag überqueren, doch der Wind bläst viel zu stark. Ich fühle mich, als würde ich auf einem E-Bike sitzen, und habe keine Lust mehr auf Die Gedanken sind frei. Ein neuer Ohrwurm muss her. Regelmäßiger Begleiter in meinem Kopf ist James Blunt, weil ich immer denken muss, this is so beautiful, wenn ich radle, und sobald ich das denke, rattert die Platte in Dauerschleife… you’re beautiful… nicht heute, etwas anderes muss her, etwas cooleres… hey, Menetekel, alles klar soweit?… wo ist das denn jetzt hergekommen. Naja, Jupiter Jones geht in Ordnung… kennt ihr das, könnt ihr das hören…

5 Kilometer vor Caiguna halte ich, biege ins Blowhole ab, wo ich mein Zelt aufschlage. Ich bin nicht die einzige. Cheryl und Denis haben ihren Caravan bereits geparkt, das Feuer entzündet und die Steaks gebraten. Ich setze mich zu ihnen, koche meinen Sofort-Kartoffelbrei am Feuer, wir unterhalten uns. Zum Nachtisch laden mich die zwei, die seit Monaten unterwegs sind, und nun auf dem Weg zurück nach Tassie, zu einer heissen Schokolade ein. Anschliessend begleiten sie mich mit einer Taschenlampe zum Zelt. Um vier wache ich schon wieder auf. Hunger. Ich öffne die Gingernutskekse, die ich für solche Notfälle gekauft habe. Es regnet. Frühstück gibt es im Caravan. Heisse Schokolade. Die zwei sind schon wieder am Zusammenpacken. Ich habe mich entschieden, einen Tag im Zelt zu verbringen. Bevor Cheryl und Denis aufbrechen, bringen sie mir noch eine Nudelsuppe, Mandarinen und Minzebonbons.

Ich nutze den Tag, um mit meinem Tagebuch aufzuholen, die freien Gedanken schriftlich festzuhalten. Ich koche am Feuer, fange den Regen auf, der Höhlenmensch ist zurück. Naja, nicht wirklich. Aber vor einem Jahr hätte ich nicht wirklich gewusst, wie ich ein sicheres Lagerfeuer entzünde. Am nächsten Morgen geht es nach 150 Kilometern in die nächste Kurve nach Caiguna. In der öffentlichen Toilette gibt es nicht nur Wasser, sondern auch Strom und eine Haarwäsche mit Handdesinfektionsschaum. Beim Frühstück lerne ich einen italienischen Radler kennen, der im Hotel des Roadhouses übernachtet hat. 100 Dollar die Nacht. Ich frage ihn, ob wir zusammen radeln wollen. Doch er will nicht warten, bis ich mein Frühstück aufgegessen habe. Ihm sei zu kalt. Na dann, auf Wiedersehen.

Es regnet den ganzen Tag. Zwischen Caiguna und Madura stapeln sich die Roadkills. Dead Kangaroos everywhere. Es stinkt. Stop Animal Abuse leuchtet es mir weiß auf blutrot auf einem Schild entgegen, das an einem Baum angebracht ist, in dem Menschen ihre Teddybären aufgehängt haben. Gerade noch habe ich im Gespräch mit Cheryl und Denis die rücksichtsvollen Fahrer gelobt, doch an diesem Tag wollen sie auch aus mir einen Roadkill machen. Es geht immer noch näher. Zwei Roadtrains drängeln mich von der Straße, ein Roadtrain-Fahrer, der mir entgegenkommt, zeigt mir den Stinkefinger. Ich lächle und winke. Stimmung am Tiefpunkt. Wo soll ich schlafen? In fünf Kilometern kommt ein Rastplatz. Dann eiert das Hinterrad schon wieder. Das kann nicht wahr sein. Dritter Platten in sieben Tagen.

2 comments on “Scharfe Hindernisse auf der Nullarbor: 3 Platten in 7 Tagen

  1. Tino sagt:

    Marathon Plus oder Mondial ? 🙂

    Gefällt mir

    1. luisarische sagt:

      Mondial natürlich 😉

      Gefällt mir

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