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Kapitel XLIX: Von Esperance nach Port Lincoln, Teil 3

Mit dem Ende der Nullarbor nähern sich auch meine Kräfte dem Ende. Nach drei Wochen im Nirdgendwo, selbstversorgt, allein mit den eigenen Gedanken, drei Platten und einem kaputten Ventil, mit Katzenwäschen in öffentlichen Toiletten, fiebere ich einer heißen Dusche entgegen. Zuvor jedoch werde ich von Reisenden mit Kartoffeln, Würstchen, Eis, Karotten und selbst gebackenem Bananenbrot verwöhnt.

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Der Tatort? Olwolgin Bluff. Die Tat? ein Platten. Der Täter? ein Glassplitter. Beim ersten Mal sehe ich das durchsichtige Miststück gar nicht. Als ich den Reifen von außen kontrolliere, scheint alles in Ordnung zu sein. Erst als ich mit meinen Fingern über das Innere des Mantels fahre, bleibe ich an etwas Spitzem hängen. Selbst in diesem Moment kann ich das Glas von außen nicht sehen. Es hat sich so tief in den Mantel gebohrt, dass sich das Gummi darüber wieder geschlossen hat. Ich entferne das zerbrochene Glas, repariere den Schlauch, schraube alles wieder zusammen, während draußen der Regen über die Weite des Outbacks zieht.

Der Regen folgt in Australien seinen ganz eigenen Gesetzen. Nie habe ich so viele Regenbogen gesehen, perfekte Halbkreise vor dunklen Wolken, knallbunt über der grauen Ödnis der Nullarbor. Die Wolken fegen in einem Tempo über das flache Land, dass ich drei, vier Minuten durch eine horizontale Dusche fahre. Dann ist der Schauer schon wieder abgezogen. Manchmal ziehen die Schauer auch nur an mir vorbei, 200 Meter von mir entfernt ist Weltuntergang, während ich im Trockenen bin. Am Abend schläft der Wind ein; sobald die Sonne untergegangen ist, ist die Wüste so still wie sie leer ist. Erst wenn ich am nächsten Morgen zusammenpacken will, beginnen die periodischen Duschen erneut.

An diesem Morgen schaffe ich es zu packen, bevor mein Zelt sich wie ein Schwamm vollsaugt. Weil ich so überstürzt aufbreche, halte ich am nächsten Rastplatz, 5 Kilometer entfernt, der eigentlich mein Nachplatz sein sollte, (bis mir der Platten in die Quere kam) und frühstücke. Zwei graue Nomaden, die den Platz gerade verlassen wollen, halten an, fragen mich, wo ich hinfahre, und helfen mir spontan, mit einem Kompressor den Schlauch wieder auf Druck zu bringen. Macht das Radeln ja auch nicht leichter, wenn das Hinterrad wie ein schlaffer Ballon unter dem Gewicht zusammenfällt.

Madura. Mundrabilla. Hunger. Die streng rationierten Portionen zum Frühstück, Mittag, Abendbrot führen zu Halluzinationen während der Fahrt. Saftige Orangen entpellen sich vor meinen Augen, eine Schweinshaxe mit Sauerkraut zerfällt in rosa Streifen, Schweizer Käse, italienischer Schinken, ein Zupfkuchen hinterlässt auf meinen imaginären Fingern dünne Fettstreifen, mit einem Löffel tauche ich in die dicke Sahnesauce der mit Käse überbackenen Tortelli.

Am Straßenrand liegen derweil die realen Verpackungen von Cookies und Chips, Schokolade und Studentenfutter. Eine einzelne Krücke weckt mich auf. Ob die jemand vermisst? Am Straßenrand liegt wirklich alles, Socken, Pullover, Schuhe, Westen, Hüte, Plastikflaschen so weit das Augen reicht. Viele leer, einige mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt. Apfelsaft? Nö. Lastwagenfahrer, die zu faul sind anzuhalten. Doch noch mehr faszinieren mich die Klamotten: Warum überlassen Menschen ihre Kleidung dem Straßenrand? Stehen die morgens vor dem Schrank und denken sich, die Hose brauche ich nicht mehr, die packe ich jetzt ein, und werfe sie auf der Nullarbor aus dem Fenster… mysteriös…

Der Wind aus Süden bringt die kalte Luft der Antarktis. Oder ist es die Arktis? Ich kann mir nie merken, was wo liegt. Auch egal. An den Wassertanks von Mundrabilla fülle ich meine Flaschen auf, bevor es weiter nach Eucla geht. Die Staatsgrenze liegt nicht weit hinter Eucla. Ich überlege, ob die Quarantänebestimmungen schon ab der Grenze beginnen. Das wäre wirklich blöd. Dann müsste ich heute den Rest meines Gemüses und Obstes loswerden, und hätte nichts mehr bis Ceduna, dabei habe ich alles so kalkuliert, dass es bis Ceduna hält. In Eucla frage ich nach. Glück gehabt. In Ceduna beginnt die Quarantäne. Nur die Menschen, die aus Osten kommen, müssen Obst und Gemüse an der Staatsgrenze abgeben.

Mit Rückenwind fliege ich nach Südaustralien, 50 Kilometer in weniger als zwei Stunden. Fast schon Rennradgeschwindigkeit. Ich halte kurz vor Sonnenuntergang auf einem Rastplatz an den Klippen der Großen Australischen Bucht. Als ich mein Zelt aufbauen will, verabschiedet es sich fast. Gone with the wind. Ich kann es gerade noch packen, bevor es wie ein Kite im Wind davongeflogen wäre. Im steinigen Boden bekomme ich zudem meine Heringe nicht hinein. Kein Problem. Deryl ist sofort zur Stelle mit Sicherheitsheringen und einer Bohrmaschine; hinter seinem Caravan verankern wir alles. Den Abend verbringe ich mit Linda und Deryl im Wohnwagen, bei Tee und Suppe.

Der Wind dreht sich. Seitenwind. Kurz vor Nullarbor falle ich todmüde in mein Zelt, und brauche auch am nächsten Morgen Zeit, um wach zu werden. Mon und ihre Freundin, die in der Nacht angekommen sind, als ich schon in Lummerland war, versorgen mich mit Wasser, Müsliriegeln und selbst gebackenem Bananenbrot, dann geht es gegen den Wind nach Nullarbor. Im Roadhouse wasche ich Haare und Unterwäsche, dann fahre ich durch den Nationalpark, die eigentliche Nullarbor, 40 Kilometer Busch, kein Baum weit und breit. Die Sonne brennt als wäre es Sommer, 27 Grad. Ich steige frühzeitig aus dem Sattel, und lerne am Rastplatz Heather und Keith kennen, die mich zum Abendbrot einladen, nachdem sie mich bereits mit einem herzhaftsaftigknackigem Apfel und Tee beglückt haben.

Das Abendbrot kochen wir am offenen Feuer. Keith buddelt ein Loch, füllt es auf mit Zeitungen und Pappen, Laub, Ästen, Stämmen. Heather zündet den Haufen an. Die Buschbrandsaison liegt noch einige Wochen entfernt. Kartoffeln, Würstchen und Karotten brutzeln in einem großen, schwarzen, eisernen Topf. Dazu gibt es Kartoffelbrei, Folienkartoffeln und Blumenkohl. Was für ein Mahl. Mein Magen fällt aus allen Wolken. Während ich gesättigt im Campingstuhl hänge, geht Heather in den Wohnwagen und kommt mit einer Eiswaffel wieder heraus. Butternutirgendwas. Egal. Es schmeckt unglaublich.

Seit der Staatsgrenze gibt es die asphaltierte Schulter nicht mehr, weshalb wir auf der Straße alle etwas näher zusammenrücken müssen. Was vor allem den Road Trains gar nicht schmeckt, die scheinbar denken, nur sie hätten ein Recht, die Straße zu nutzen. Nicht alle, viele winken, wenn sie mich sehen, einige wechseln die Spuren, wenn sie mich überholen. Aber es sind schon einige Idioten dabei, die keinen Millimeter von ihrer Spur abweichen. Doch ich bin nicht der einzige Dorn im Auge. Die grauen Nomaden haben erzählt, wie auch sie schon von der Straße gedrängt wurden.

Mit Rückenwind geht es weiter nach Nundroo, wo ich mich zum ersten Mal mit Aborigines unterhalte, dir Nudel- und Couscoussalat schenken, weiter nach Penong und Ceduna. 5 Kilometer vor dem Ende der Nullarbor verschlinge ich den letzten Apfel, die letzte Karotte, Heather und Keith hatten mir noch 2 Kilogramm Gemüse und Obst mitgegeben, dann geht es zurück in die Zivilisation. Mehr oder weniger. Die 25 Millionen sind schnell verteilt in einem Land, das fast so groß ist wie Europa (742 Millionen Menschen).

Während ich noch meine Haare in der Touristinformation wasche, Telefon und Tablet auflade, nähert sich David (was ich in diesem Moment natürlich noch nicht weiß). Gerade als ich die Touristinformation wieder verlasse, kommt er angeradelt. Ich höre ihn, das vertraute Geräusch des klackernden Leerlaufs. Wir quatschen kurz, ich erzähle ihm, wie stolz ich bin, dass ich es mit meinen Lebensmitteln von Esperance nach Ceduna geschafft habe und ohne Problem noch bis Port Lincoln weiterfahren kann, ohne einzukaufen. Da drückt er mir 45 Dollar in die Hand. Ich lehne ab, doch er lässt sich nicht umstimmen. Life has been good to me, sagt er, schwingt sich aufs Rad und fährt zum Supermarkt. Ich fahre weiter nach Laura Bay.

Weil ich mir über die Legalität meines Zeltplatzes am Strand nicht allzu sicher bin, beziehungsweise ich bin ziemlich sicher, dass ich dort nicht zelten darf, breche ich frühzeitig auf. Smoky Bay. Streaky Bay. Elliston. Ein stürmischer Rückenwind bläst mich die ersten zwei Tage am Meer entlang nach Port Lincoln. Ich übernachte im Busch an der Straße, danach an der Küste von Locks Well, wo ich zum ersten Mal einen Wombat sehe: Während ich Ausschau nach einem Zeltplatz halte, taucht das Tier auf einmal in meinem Augenwinkel auf. Es schaut mich so überrascht an wie ich es, dann verschwindet es in einer Höhle, ich in meinem Zelt, während die Wellen gegen die Küste anrennen.

Regen, Seitenwind, Gegenwind. Je näher ich Port Lincoln komme, desto mehr fühle ich, wie dringend ich eine Pause brauche. Ich fliege nicht mehr, und komme ziemlich ausgelaugt in Coulta an, ein kleines Dorf mit einer öffentlichen Toilette (ein übergroßes Rohr, wie ein kleiner Leuchtturm, das aus dem Boden ragt, mit einem sich im Wind drehenden Belüftungsrohrund und einem kleinem Fenster, Seife, Toilettenpapier, Wasser) in einem Park, in dem das Zelten erlaubt ist. Vor der ankommenden Nacht regnet es noch einmal, dann schläft der Wind ein, das Zelt triefend nass. Am nächsten Morgen beginnt es wieder zu schauern, ich packe alles nass ein, es ist nicht mehr weit bis Port Lincoln.

Mein zweiter Weg (nach einer Knäckebrot-Mittagspause am Jetty) in Port Lincoln führt mich zur öffentlichen Bibliothek, in der ich mich ins Wifi einlogge. Zwischen den Bücherwürmern hocken vier Frauen, die spinnen. Ich muss schmunzeln, Port Lincoln, wo die Welt noch in Ordnung ist. Karen von Warmshowers hat geantwortet. Sie hat eine Wegbeschreibung geschickt. Ich lese alles, will die Adresse auf der digitalen Karte suchen, als ich zum Ende der Nachricht komme. Karen schreibt, sie sei bis 15 Uhr in der Stadt, falls ich keine Lust habe den Berg hochzukraxeln. Sie sei in der Bibliothek, sitze dort mit einigen Frauen mit Spinnrädern. Na, so ein Zufall! Wir verstauen Spinnrad, Fahrrad und Gepäck im Geländewagen, dann geht es den Berg hinauf zu meiner ersten Dusche seit 3 Wochen.

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