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333.000 Kilometer: Charlie’s verrückte Reise um die Welt

Kapitel XLX: Von Port Lincoln nach Chinaman Creek

Seit 500 Tagen sitze ich auf meinem Fahrrad, entdecke die Welt, verfluche den Regen, schlafe auf dem Boden. 500 Tage sind eine lange Zeit, ohne zu wissen, wo ich am nächsten Tag übernachte. Nun stellt euch vor, es wären nicht 500, sondern 7500 Tage ohne ein zu Hause.

Alle Bilder aus South Australia und Melbourne

Wie das Kind aus dem Mutterleib schlüpfe ich aus der Dusche in die knittrige, geruchsfreie Kleidung. Das heiße Wasser hat den Dreck, den Gestank der vergangenen drei Wochen in den Abfluss gespült. Ich könnte ewig duschen, doch Wasser ist kostbar in Australien. Nach drei Wochen ohne Spiegel stehe ich vor der reflektierenden Scheibe wie Cristiano Ronaldo. Nicht, dass ich mich groß verändert hätte: rote Wangen, weiße Stirn, dunkle Augen, Sonnenbrillenabdruck, spröde Lippen, unkontrollierter Haarwuchs. Doch es fühlt sich eigenartig an, sein eigenes Bild so selten zu sehen, wie ein Freund, der gestorben ist, und dessen Bild langsam in den Schatten des Gedächtnisses verschwindet.

Port Lincoln ist die größte Stadt der Eyre Halbinsel in Südaustralien – und doch irgendwie ziemlich übersichtlich. Kein Haus hat mehr als zwei Stockwerke – bis auf die Silos am Hafen – in einer Stadt, in der weniger als 17.000 Menschen wohnen, so viele wie in Ratzeburg, oder 5000 weniger als in Überlingen. Port Lincoln allerdings präsentiert sich stolz als Hauptstadt des australischen Fischfangs mit der größten kommerziellen Fischfangflotte, die sich streng an die Quoten hält. Der Tunfisch soll laut Wikipedia sogar nach Japan verkauft werden. Die Hafenstadt ist aber nicht nur Umschlagplatz für Fischkonserven, sondern auch Touristenmagnet, besonders beliebt: Tauchen mit Haien.

Auch meine Gastgeber, Karen und Graham, Radreisende, Tritahleten, Pensionäre, haben den abenteuerlichen Spaß im Haikäfig schon mitgemacht. Sowieso. Karen kommt selten zur Ruhe, eine Getriebene, obwohl pensioniert, ständig unter Strom: trainieren, spinnen, organisieren: den Super-Mario-Kart-Geburtstagskuchen für das Enkelkind, die Kostümüberraschungsparty für einen Freund in der Ankunftsthalle des Flughafens. Graham ist der Nordpol, wenn Karen der Südpol ist. Oder umgekehrt. Ruhig, still, genießt seine Zeit des Nichtstuns, während Karen schon wieder wirbelt. Es gibt immer was zu tun. Kenne ich. Kannte ich. Irgendwie immer noch getrieben. Wie auch immer.

Charlie ist nicht getrieben. Schon lange nicht mehr. Charlie ist der andere Gast im Hause der McConnells. Er war bei Beth und Denis in Albany, als ich in Esperance ankam – Charlie ist also schon seit einer ganzen Weile in meinen Reifenspuren unterwegs und hat mich in Port Lincoln eingeholt. Nicht dass ich besonders langsam unterwegs gewesen wäre, doch Charlie’s Visum läuft in zwei Tagen aus, er hat es also eilig. Irgendwie. Denn er will illegal länger bleiben, erzählt er. Muss er aber gar nicht. Ich helfe ihm, sein Visum zu verlängern. Das kostet zwar, doch ein Overstay-Stempel im Pass ist nicht nur mit Strafgebühren und möglichem Gefängnisaufenthalt verbunden (zumindest in einigen Ländern, nicht unbedingt Australien), sondern auch mit Problemen bei allen kommenden Visa-Anträgen. Ich selbst habe mein Visum bis November verlängern lassen.

Aber zurück zu Charlie und seiner außergewöhnlichen Geschichte. Als Charlie 34 war, starben seine Eltern an Krebs (in diesem Moment, während ich das aufschreibe, frage ich mich, ob sie beide mehr oder weniger gleichzeitig gestorben sind, und am gleichen Krebs? wahrscheinlich nicht, aber damals im Gespräch mit Charlie habe ich nicht weiter nachgehakt). Seine Eltern haben diese Welt mit mehr Verdruss als Zufriedenheit verlassen. Das brachte Charlie zum Grübeln. Er wollte nicht so leben, nicht so enden, wie seine Eltern. Er wollte die Zeit nutzen, carpe diem, seinem Herzen folgen, nicht in der Nine-to-Five-Welt verschwinden. Ihm sei klar geworden, dass der Tod jederzeit kommen könnte, unerwartet, plötzlich; ihm sei klar geworden, dass er keine Gewalt über den Tod, aber über das Leben habe. Und dann sei er, völlig blauäugig und naiv, aufgebrochen.

Sein Arbeitgeber saß auf Charlie’s Stelle wie ein brütendes Huhn auf seinem Ei, in der Hoffnung, dass Charlie nach einem Jahr zurückkehren würde. Doch dieser steckte mitten in Afrika, mit seinem Fahrrad, und erklärte nach einem Jahr, dass er noch ein Jahr weiterradeln würde. Es folgte ein drittes und ein viertes Jahr. Heute sind es 21 Jahre und 121 Länder. Am Tag, als er in Port Lincoln ankommt, zeigt sein Tacho 333.000 Kilometer an. Charlie finanziert sich die Reise mit der der Erbschaft seiner Eltern, gearbeitet hat er seit 21 Jahren nicht mehr. Deshalb ist er auch auf dem Rückweg nach England. Irgendwie. In Australien bleibt er noch bis November, dann Südostasien, Zentralasien, über die Seidenstraße zurück auf die britische Insel. Länder, die noch auf seiner Bucketlist stehen: Eritrea und Madagaskar.

Charlie erzählt, wie ihm in der Türkei alles gestohlen und in Ecuador eine Pistole ins Gesicht gehalten wurde, wie er in Neuseeland fast bei einem Busunfall ums Leben kam und in Malaysia von einem Motorrad gerammt wurde. Für 21 Jahre sei das schon eine gute Bilanz, meint er. Vor einem Jahr war er zum ersten Mal in Japan, ziemlich gleichzeitig mit mir. Wir unterhalten uns stundenlang über das verrückte Land, diese eigensinnigen, wunderbaren Menschen, die auf dieser Welt unvergleichbar sind.

Die Wege trennen sich. Das in Stein gemeißelte Gesetz dieser Reise. Die McConnells bereiten sich auf den Triathlon vor, Charlie fährt weiter nach Laura, ich breche einen Tag später, nach dem Mario-Kart-Kindergeburtstag und Loopings auf dem Trampolin, nach Roxby Downs auf. Die kommenden Tage sind jedoch weniger vom Reisen als vom Lesen geprägt (wenn er ihr mir diesen kurzen Ausflug in die Literaturwelt erlaubt, für Leseratten springt auf ein guter Buchtipp dabei heraus). Ich hatte Karen erzählt, wie mein einziges Paperback-Buch in Neuseeland zurückgeblieben ist. Damit ich trotzdem was zu lesen habe, wenn mir der Strom auf dem Tablet ausgeht, drückt sie mir zwei von ihren Büchern in die Hand: Wild und The Goldfinch. Da ich ungern Bücher über Menschen lese, die das machen, was ich mache, entscheide ich mich für The Goldfinch.

Obwohl auf Englisch, habe ich das 900-Seiten-Buch in fünf Tagen durch, weil ich die Geschichte um Theo und das Gemälde von Fabritius nicht mehr aus der Hand legen kann: Ich lese bis tief in Nacht, nehme das Buch in die Hand, sobald ich aufwache, und kann während des Fahrradfahrens nur daran denken, mein Zelt wieder aufzustellen und weiterzulesen. Tatsächlich weckt das Buch ein altes Verlangen nach klassischer Kultur in mir, in meinen Gedanken kehre ich in das Lübecker Theater zurück, streife durch die Gänge des Moma in New York. Ich nehme mir fest vor, in Melbourne und Sydney durch die Kunstgalerien zu stöbern. Als ich das Buch übrigens durch habe, fange ich gleich wieder von vorne an, was ich in meinem ganzen Leben noch nicht getan habe.

Auf dem Weg nach Roxby Downs, Port Augusta und Laura spuken mir auch wieder allerlei Ohrwürmer durch den Kopf. Manchmal ist es ein Gedanke, oder ein Wort, manchmal kommen diese Lieder aus dem Nichts: I feel you von Depeche Mode, Kuhns Knallrotes Gummiboot, Somebody told me von The Killers, als sie noch cool waren. Während ich mal laut, mal leise singe, lasse ich den Blick über die Landschaft schweifen. Was in Australien wirklich augenfällig ist und was mich mittlerweile extrem nervt, sind die Zäune. Überall. Dieses riesige Land, in der nur eine Handvoll Menschen leben, schafft es wie kein anderes Land, Menschen auszusperren, auf der Straße einzusperren. Zäune sollen natürlich die Tiere im Zaun halten, doch es fühlt sich an, als ob das ganze Land ausgezäunt wäre, was mir auch nur deswegen besonders ins Augen fällt, weil ich immer nach Zeltplätzen Aussschau halte.

Über die Flinders Ranges fahre ich weiter zum umzäunten Winninowie Conservation Park. Der Zeltplatz am Ende der holprigen Schotterstraße liegt zwischen den Armen des Chinaman Creek und dem pazifischen Ozean, abgelegen, fern der Straße, in Nachbarschaft zu Doug Reilly, Einsiedler von Chinaman Creek. Doug hat den Campingplatz angelegt, und ein genaues Auge darauf. Sobald Neulinge ankommen, ist er zur Stelle, weniger um zuzuhören, sondern um seine Geschichten zu erzählen. Der alte Mann mit den weißen Locken, die ihm im Nacken liegen, einem Weihnachtsmannvollbart, löchrigen Pullovern und ausgewaschenen Hosen, hat neun Leben gelebt. Er erzählt, wie er mit dem Schiff von Australien nach England gefahren ist, in Irak im Gefängnis saß, Israel gar nicht schnell genug verlassen konnte, Aborigines ausgebildet und mannsgroße Kängurus, die ihn mit ihren Klauen fast umgebracht hätten, das Tanzen beigebracht hat. Sein struppiger Border Collie Dagon – nach der mesopotamischen Gottheit benannt – weicht ihm nie von der Seite.

Ich verbringe den Abend mit Pierre und Lulu aus Frankreich. Wir fischen, ich zum ersten Mal in meinem Leben. Als die Flut das Wasser in die Kanäle des Baches treibt, streiten sich die Fische um den Angelhaken. In 20 Minuten beißen acht Lachse zu. Das Abendbrot ist gerettet, ich total aufgeregt. Chef Pierre nimmt die Fische aus, brät sie in Butter und Zitrone, dazu gibt es Reis. Während der Mond knallrot über den Flinders Ranges aufgeht – wie es die Sonne schöner nicht vormachen könnte – genießen wir den frischen Fisch unter Australiens smogfreien Sternenhimmel.

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