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Kapitel XLXI: Von Chinaman Creek nach Melbourne

Lang ist’s her. Ich genieße die Zeit auf dem Fahrrad zu sehr. Abends bin ich so müde, dass ich keine Lust mehr habe zu schreiben. Zwischendurch in Bibliotheken zu halten, um zu arbeiten und zu netzwerken, frisst meistens auch mehr Zeit, als mir lieb ist. Zeit, die ich lieber nutze, um zu radeln, um Menschen zu treffen, um fern zu sein von allen Netzen. Doch ihr wollt natürlich wissen wie es weitergeht, wie es weiterging nach meinem Angelabenteuer am Chinaman Creek.

Alle Bilder aus South Australia und Victoria

Städte sind voller Heimweh. Heimweh, das ich längst vergessen hatte. In der Wildnis, mit meinem Rad, wenn es darum geht, genug Essen und Wasser zu haben, einen Schlafplatz zu finden, zu überleben, denke ich über Heimat wenig nach. Es sind die Grundbedürfnisse des menschlichen Daseins, um die sich alles dreht. Doch Städte konfrontieren mich mit meinem alten Leben. Menschen in Anzügen, geschminkt, geduscht, gestylt. Gläserne Büros. Öffentliche Verkehrsmittel. Läufer, Radler, Fitnessfanatiker. Werbung für Diäten, gesünder leben. Vegetarisch, vegan, alles bio. Kneipen auf Booten, Freunde, die gemeinsam Gintonic trinken, Sushi essen, über Arbeit und Politik reden, lästern.

Das war einmal mein Leben, gar nicht so lange her. Und wenn ich es sehe, wenn ich in diesem Leben wieder drinstecke, ohne daran teilnehmen zu können, will ich es zurückhaben. Tagsüber zu arbeiten, nachts zu feiern. Geld verdienen, Geld ausgeben, konsumieren. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum ich Städte meide. Sobald ich im Sog der Matrix bin, kann ich mich ihr nicht mehr entziehen, eingeklinkt wie Neo. Warum in der Realität leben, wenn die Matrix alle Begierden stillt? In einer Scheinwelt zu leben, die Augen vor dem zu verschließen, was diese Welt an den Rand ihrer Existenz bringt, während milliardenschwere Philanthropen Wissenschaftler bezahlen, eine neue Erde zu finden – um die dann auch zu zerstören, nachdem wir diese zerstört haben.

Aber genug philosophiert. Wo waren wir stehen geblieben? Nicht in Melbourne, so viel ist sicher. Laura? Vielleicht. Nein, stimmt nicht, ich erinnere mich wieder. Es war Chinaman Creek. Angeln mit Lulu und Pierre. Der aufgehende Vollmond über den Flinders Ranges. Kängurudompteur Doug und die Geschichten eines ganzen Lebens. 27 Grad. Und es wird noch heißer. Oder doch nicht? Ich überlege, meinen zweiten Schlafsack in die Tonne zu werfen. Zum Glück mache ich das nicht, ich weiß nicht, warum, vielleicht ist es Intuition. In der darauffolgenden Nacht, auf der Ostseite der Flinders Ranges fallen die Temperaturen um 30 Grad. Minus 3. Zähneklappernd kämpfe ich mich durch die Nacht.

Mein Weg führt mich weiter nach Süden, am Mawson Trail entlang nach Laura, wo ich zwei Tage bleibe. Bei Andrew. Lebt seit vielen Jahren allein, seit 2 Jahren in Laura. Vor 15 Jahren erhielt er die Diagnose Leukämie. Eine Krankheit, die alles änderte. Er dachte, er würde sterben. Er bereitete sich auf den Tod vor. Doch er überlebte. Lebt intensiver, ausgeglichener seitdem. Vor dem Feuer in seinem Wohnzimmer erzählt er, wie ihn die Krankheit verändert, wie er Adelaide verlassen hat, obwohl er am Strand lebte. Laura dagegen ist ein Dorf, kurz vor dem Aussterben. Nur die durchfahrenden Touristen erhalten den Mikroortskern am Leben. Auch Charlie hielt bei Andrew, und Frederika, von der einige von euch sicher schon gehört haben.

Während Andrew zum Flinders Ranges Nationalpark aufbricht, fahre ich über den Mawson Trail zur Curnows Hut. Ein Backsteinhaus im Wald. Fehlt nur noch die Hexe, Hänsel und Gretel. Doch ich bin allein. Wie so oft, wie immer. Allein über die Straßen, allein durch die Nacht. Ich genieße es mittlerweile, allein zu sein. Was mir am Anfang Angst gemacht hat, ist mein Türöffner auf dieser Reise. Die Backsteinhütte ist umgeben von grünen Wiesen, singenden Vögel, schlenderten Ameisenbären, fressenden Kängurus. Ich richte mein Nachtlager auf einer Drahtliege an der Feuerstelle ein. Das Feuer brennt in wenigen Sekunden. Zeitungen, Spähne, Sträucher, Äste, Stämme. Die Hütte wärmt sich auf. Es gibt Mac and Cheese und geröstete Marshmallows zum Abendbrot. Hinterlassen von Wanderern.

Die Straße führt mich weiter zum Murray River. Die Landschaft ist karg, umzäunt, ein Rapsfeld sorgt hier und da für Farbtupfer. Der Fluss eine braune Wüste, eher enttäuschend. Mit der kostenlose Fähre geht es zum anderen Ufer. Ein Emu frisst am Straßenrand. Als es mich sieht, legt es los, rennt an mir vorbei, dann dreht es um, nimmt Geschwindigkeit auf, läuft auf einer Höhe mit mir. Wettrennen? Es kommt näher, auf Kollisionskurs, aus der Augenwinkeln mustern wir uns gegenseitig. Es quert die Straße, nur Zentimeter vor meinem Rad. Auf der anderen Seite will es wieder eine Kurve einschlagen, immer noch in Höchstgeschwindigkeit, doch im Geröll der Schulter rutscht es aus, fällt auf die Nase, springt wieder auf und rennt weiter. Wie ein tolpatschiger Mensch.

Der braune Murray River begleitet mich zum Ozean. Auf dem Weg treffe ich Greg, der mich in seinem Caravan duschen lässt, mich mit Tee und Cookies versorgt, sowie Robyn und Shiloh, die mich an den Wannon Falls zum Frühstück einladen. Die letzte Nacht, bevor ich auf die Great Ocean Road abbiege, will ich am Mount Napier, südlich von Hamilton verbringen. Auf dem Weg navigiere ich Anton durch eine Herde Kühe, der Bauer ist mit seinem Handy beschäftigt. Ich grüße ihn, er schreckt auf, ich fahre weiter. 5 Minuten später überlege ich, dass ich ihn hätte fragen sollen, wo ein guter Schlafplatz ist. In diesem Moment höre ich ein Motorrad von hinten näherkommen. Es ist der Bauer. Ob ich auf der Suche nach einem Schlafplatz sei? Er wohne mit seiner Familie gleich die Straße runter, ich könne gern bei ihnen übernachten.

Gänsehaut unter der Dusche, die Haare stellen sich auf. Nachdem ich mich seit Wochen nur mit kaltem Wasser gewaschen habe, sodass – gefühlt – meine Hauttemperatur schon mehrere Grad abgesunken war, fühlt sich das heiße Wasser wie ein ferner Traum an. Dass ich eine heiße Dusche je so zu schätzen wüsste, hätte ich auch nie für möglich gehalten. Zum Abendbrot gibt es Wraps mit Hähnchen und Krautsalat, zum Frühstück Cornflakes, zum Mitnehmen Kekse, Bananen und Sandwiches. Die Nacht habe ich auf einer Matratze vor dem Feuer verbracht. Während Brett mit seiner Familie zu einem australischen Musikfestival aufbricht, radle ich weiter zur großen Ozeanstraße. Zurück ans Meer.

Die weltbekannte Straße ist eine Mischung aus schmaler Küstenstraße und steilem Gebirgspfad, eine Straße zum Staunen, quer durch die Natur, eine Straße überflutet von Touristen. Vor allem Asiaten. Chinesen, Japaner, Koreaner. Die Japaner erkenne ich sofort. Am Fahrstil. Zentimeterweise schleichen sie an mir vorbei. Im Gegensatz zu den Australiern, die genauso nahe kommen, allerdings zehnmal so schnell, und die mir damit sagen wollen, ich soll von der Straße verschwinden, ist es von den Japanern gar nicht böse gemeint. Nur eine durchgezogene Mittellinie überfährt man nicht. Und die Japaner halten sich an die Regeln. In Schrittgeschwindigkeit balancieren sie zwischen Mittelstreifen und Fahrrad hindurch.

Die erste Nacht verbringe ich in den Dünen über dem rauschenden Ozean. Wahrscheinlich total illegal. Doch der Platz ist einmalig, zwischen dem Busch bin ich kaum zu finden, die öffentliche Toilette nicht weit. Die nächste Nacht verbringe ich auf dem Dach der Ozeanstraße, danach schlafe ich im feuchten Regenwald. Die letzte Nacht will ich auf einem ausgezeichneten Campingplatz verbringen. Doch der Weg dorthin ist steil. 19, 20, 21 Prozent. Die Kette ächzt unter der Belastung. Ich komme völlig zerstört am Zeltplatz an. Schlafen. Das Wetter ist sonnig, die Nächte immer noch kalt, der Rückenwind mir treu. Melbourne ist nicht mehr weit.

Auf vier Beinen balanciert ein katzengroßes Tier auf dem weißen Streifen am Straßenrand entlang. Es bewegt sich wie ein Affe, kurz davor mir die Bananen vom Fahrrad zu stehlen. Gibt es Affen in Australien? Es gibt ja auch Kamele, überlege ich, dann erkenne ich, was es ist: ein Koala. Ich schleudere fast meine Kamera auf die Straße, als ich sie in Windeseile hervorhole. Doch das graue Tier mit dem weißen Bart hat es nicht eilig. Erst als sich Autos nähern, sprintet es los, direkt vor die Motorhauben. Ich fuchtle wild mit den Armen. Die Autokolonne hält. Währenddessen hat der Koala schon wieder umgedreht, läuft auf mich zu, als ob er mir in die Arme springen will. Vor meinem Rad stoppt er – ich scheine ihm doch nicht ganz geheuer zu sein – und schaut mich mit seinen großen Augen an.

500 Tage bin ich zu diesem Zeitpunkt unterwegs. 15 Länder. 25000 Kilometer. Vor 500 Tagen hörte sich das noch ziemlich beeindruckend an. Heute ist es für mich Alltag, jede Nacht woanders zu schlafen, jeden Tag zu radeln, jeden Tag neue Menschen kennenzulernen. Wenn ich allerdings alte Bilder betrachte, vor der großen Mauer in China, zwischen den Häuserschluchten Tokios, auf den Märkten Vietnams, dann denke ich immer: War ich das? Habe ich das wirklich alles erlebt? Es fühlt sich an, als ob ich auf das Lebens eines anderen blicken würde. Und doch sind es meine Gefühle, meine Ängste, meine Hoffnungen, die hochkommen, wenn ich die Bilder sehe.

Ich schlafe bei Richard in Clifton Springs, bevor ich am nächsten Morgen mit der Fähre nach Melbourne weiterfahre. Stadt. Anzüge. Gesund leben. Kneipen. Freunde. Heimweh. Hatten wir ja schon alles. Ich fahre also direkt weiter zur Tassie-Fähre, und bin leicht geschockt, als sie mir den Preis für die nächtliche Überfahrt nach Tasmanien, die im Internet für 89 Dollar angepriesen wird, nennt: 256 Dollar. Und dafür bekomme ich dann eine Einzelkabine, Abendbrot und Frühstück, will ich wissen. Nope, dafür bekomme ich einen Sitzplatz. Will ich wirklich nach Tasmanien? Ja, eigentlich schon, deshalb habe ich schließlich mein Visa verlängert. Wird schon irgendwie gutgehen… hoffentlich, der Flug nach Chile ist schließlich schon bezahlt, und der nächste Flug erst einmal nicht absehbar. Das Rückfahrtticket bekomme ich immerhin für 156 Dollar. Also gut, überredet, auf nach Tassie.

2 comments on “Von tierischen Beinahe-Kollisionen und Solo-Nächten in Hexenhäusern

  1. Na dann, weiterhin viel Segen und gute Reise!

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  2. Tino Salzwedel sagt:

    Hallo Luisa !
    Ich dachte schon du seist verschollen 🙂 oder Smartphone, Tablet alles weg ……
    Es macht weiterhin immer richtig Spaß deine spannenden Berichte zu lesen.
    Mach weiter so. Planst du genau 730 Tage unterwegs zu sein, oder kommt es wie es kommt ?

    LG
    Tino aus Lübeck

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