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Kapitel XLXII: Von Melbourne nach Sydney, Teil 1

Intermezzo auf der Insel: Über mehrere tausend Höhenmeter hinweg gelange ich zum königlichen Garten von Cheryle und Denis, die mich mitnehmen in die Geschichte Tasmaniens. In Melbourne lasse ich mich nicht nur durch die Kunstszene treiben, sondern schnuppere auch Formel-1-Luft im Albert Park.

Alle Bilder aus Tasmanien und New South Wales

27.500 Kilometer. 15 Länder. 18 Monate. Ich bin in Sydney. Opera House. Harbour Bridge. Bondi Beach. Am anderen Ende der Welt. Wo der Tag auf dem Meer beginnt, auf einem länglichen, spitz zulaufenden Brett, das für viele die Welt bedeutet. Es ist Frühling, der Sommer ist nahe. Als die Supermärkte vor einigen Wochen die Schokoladenweihnachtsmänner hervorholten, musste ich mir die Augen reiben. Weihnachten war doch gerade erst, das nächste noch Monate entfernt. Dann fiel mir ein, es ist zwar Frühling, doch nicht März, sondern September. Weihnachten steht vor der Tür, so wie der Abflug nach Südamerika.

Anderthalb Monate zuvor. Ob ich Obst und Gemüse dabeihabe? fragt mich der Mann in der gelben Jacke, der zwischen mir und der Fähre steht. Ähm, ja, ich war gerade erst einkaufen. Um Geld zu sparen habe ich alles, was ich für Tasmanien brauche, bei Aldi in Melbourne gekauft. Ein Teil meines Einkaufs darf ich nun in der gelben Tonne entsorgen. Bananen und Tomaten. Fruchtfliegenkontrolle. Das hätte mir die Frau, die mir das Fährticket verkauft hat, auch mal sagen können.

Schlecht gelaunt verschwinde ich auf die Fähre. Ein Sitz ist alles, was ich für 256 Dollar bekomme – und dann weisen Schilder einen daraufhin, dass es untersagt ist, auf dem Boden zu schlafen. Doch ich kann in der Vertikalen nicht schlafen. Ich lege mich auf den Boden, demonstrativ unter die Überwachungskamera, für 256 Dollar sagt mir niemand, wo ich schlafen kann und wo nicht. Als ich in Devonport ankomme, regnet es, tief hängende Wolken haben die Insel in ein tristes grau getaucht.

Zwei Tage später. Tasmanisches Hochland. 1200 Meter geht es hoch. Schrittgeschwindigkeit. Serpentinen. Nach 5000 Kilometern – mehr oder weniger – durch die Ebenen des Outbacks, trägt mich meine Begeisterung, endlich wieder bergauf zu fahren, den Berg hinauf. Die Steigung ist entspannt, und wunderschön. Der Ausblick auf die umliegenden bewaldeten Berge ist gigantisch, kaum ein Auto ist auf der Straße unterwegs. Das tasmanische Hochland hat noch nicht mitbekommen, dass Frühling ist. In der Nacht, am höchsten Punkt des Lake Highways, stülpe ich eine der Radtaschen über das Fußende meines Schlafsacks. Am Morgen ist das Wasser in meinen Flaschen eingefroren.

Ich radle um einen Bergsee herum, der wie ein Spiegel daliegt und von verlassenen Fischerhütten umringt ist. Zu dieser Jahreszeit verirren sich nicht viele ins Zentralgebirge, das im Winter von Schnee bedeckt ist. Die Landschaft erinnert mich an Norwegen, an Trollingen, wo ebenfalls leere Hütten um einen Bergsee auf ein bisschen Wärme warteten. Es geht hinauf und hinunter, durch die Nationalparks hindurch, ins Tal nach New Norfolk, am Derwent Fluss entlang nach Hobart und über die vorerst letzte Passstraße ins Huon Valley.

Im südlichsten Tal Australiens stehen die Apfelbäume in voller Blüte. Ich stelle mir vor, wie ich in einen knackigen, saftigen Apfel beiße. Doch ich bin zur falschen Jahreszeit im Huon Valley, die runden Früchte nur ein ferner Traum. Die letzten zehn Kilometer sind die härtesten. Nach all den Höhenmetern sind meine Beine erschöpft. Doch ich weiß, dass mich ein Bett und Essen erwartet. Das gibt mir die Kraft, die letzten Hügel am Huon Fluss zu bewältigen. Als ich bei meinen Gastgebern, Cheryle und Denis, ankomme, esse ich dann erst einmal einen Apfel aus dem Supermarkt, um die Gier zu stillen. Eher enttäuschend, nicht besonders knackig. Danach gibt es noch eine Banane, Kekse, eine heiße Schokolade. Eine oder anderthalb Stunden vor dem Abendbrot.

Die zwei Rentner sind alte Bekannte. Als wir uns auf einen der Zeltplätze der Nullarbor trafen, luden sich mich ein, sie in Tasmanien zu besuchen. Und dieser Einladung bin ich nur allzu gerne gefolgt. Die zwei wohnen fern der nächst größeren Stadt Huonville, am Huon River, zu dem sie vom Garten aus Zugang haben. Im Sommer paddeln sie mit der Strömung des Flusses nach Huonville oder Grillen mit Kindern und Enkelkindern am Ufer des Huon River.

Der Garten ist Traum aus allen Farben: englischer Rasen, Rosen und Birken, Kartoffeln, Spargel und Erdbeeren. Es sieht aus wie bei der Queen. Eigentlich will ich nur einen Tag bleiben, doch es ist viel zu schön, dieses Idyll überstürzt zu verlassen. Cheryle und Denis haben zudem andere Pläne. Wir gehen wandern, fahren zum Leuchtturm auf Bruny Island, erkunden die Ruinen in Port Arthur, wo die Taschentuch-Diebe aus England einst hinverfrachtet wurden, besuchen das Mona-Museum in Hobart und blicken vom Mount Wellington auf die tasmanische Hauptstadt. Der Abschied fällt schwer. Wir einigen uns, dass ich nach meiner Reise zurückkomme, ihnen für Kost und Logis im Garten helfe, und in meiner Freizeit ein Buch über meine Reise schreibe. Abgemacht.

Auf dem Rückweg nach Devonport komme ich eine Nacht bei Anita und Mick unter. Eher zufällig. Umringt von umzäunten Bauernhöfen, weiß ich nicht, wo ich mein Zelt aufstellen soll. Ich frage nach und lande so auf dem Grundstück der beiden Bauern. Es gibt Gemüse und tasmanischen Wein zum Abendbrot, Obst zum Frühstück, und viele Gespräche. Die zwei sind gerade erst aus Afrika zurückgekommen. Sie erzählen, wie atemberaubend es war, all diese fremden Tiere in der freien Natur zu erleben. Ich antworte, dass es mir genauso in Australien geht: Kängurus, Wombats, Koalas, Delfine.

Die überteuerte Abzocker-Fähre bringt mich zurück in die 5-Millionen-Stadt: Melbourne, das kulturelle Zentrum Australiens am Yarra River und dessen Mündung in die Port Phillip Bucht. Diesmal bleibe ich einige Tage, um ein bisschen was von der angepriesenen Kultur mitzunehmen. Ich lebe bei Suzanne, eine begeisterte Radlerin, die tags und nachts arbeitet, und um 5 Uhr aufsteht, um mit dem Rennrad durch Melbourne zu fahren, durchtrainiert bis in die Haarspitzen. Sie spart. Denn auch sie will irgendwann zu ihrem Abenteuer aufbrechen.

Ich hangle mich von Kunstgalerie zu Kunstgalerie, große wie kleine, international und lokal, durch den botanischen Garten und zur Saint Paul’s Cathedral. In der Northside komme ich in Versuchung, mein ganzes Geld in den Alternativ-Läden zu lassen, kann widerstehen, gönne mir dann doch ein Eis, und investiere in eine lange Hose und eine Regenjacke, als ich zufällig über ein Patagonia-Outlet stolpere, das ich nur entdecke, weil die Fotogalerie noch nicht geöffnet hat. Mit dem Fahrrad geht es über die breiten Radwege, am Queen Victoria Market vorbei und durch dutzende Gassen, deren Mauern in bunt-politischen Graffitis glänzen.

Doch es leuchtet nicht alles, was glänzt. Oder so ähnlich. Nicht weit von allen Touristenmagneten hocken die Opfer des Konsums, die Opfer von Ice, eine Droge, die Australien seit einigen Jahren überschwemmt. Schon in Perth waren die Spuren in den Gesichtern der Abhängigen nicht zu übersehen, Autos, die in Schlangenlinien fuhren – der ist auf Ice, verriet mir Barb damals; Melbourne soll besonders betroffen sein. Überhaupt gibt es in allen öffentlichen Toiletten Mülleimer ausschließlich für Spritzen, wobei ich nicht weiß, ob das was mit dem Drogenkonsum zu tun hat, da ich nicht einmal weiß, wie Ice eingenommen wird. Aber es wird nicht die einzige Droge sein, die die Menschen in Australien krank macht.

Ich radle weiter. Zu meinem ganz persönlichen Höhepunkt: mit Anton die Boxengasse im Albert Park entlang. Vor 15, 16, 17 Jahren holte mich jedes Jahr im März, am Sonntagmorgen, um fünf Uhr, der Wecker aus dem Schlaf, um das erste Rennen der Formel 1-Saison in Melbourne zu sehen. Um ehrlich zu sein, gab es während der Saison kaum einen Tag, an dem ich meine BMW-Cappie nicht trug. Es ist also einer dieser Momente, in denen ich Pipi in den Augen habe, einer dieser Momente, in denen mir klar wird, was ich geschafft habe.

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