search instagram arrow-down
Luisa Rische

Palim Palim

Instagram

Facebook

Fast vergessen

Follow Mein Fahrrad, die Welt und ich on WordPress.com

Kapitel XLXII: Von Melbourne nach Sydney, Teil 2

Sydney. Surfer-Stadt und Weltmetropole. Letzte Station auf meiner Reise durch Australien. Doch der Weg dahin ist steinig, vor allem die Autofahrer von New South Wales machen das Fahrradfahren zu einem Alptraum. Ich halte den Daumen hoch und muss nicht lange warten – eine von vielen wunderbaren Begegnungen auf den letzten Kilometern.

Alle Bilder aus Tasmanien und New South Wales

In keinem anderen Land war ich so lange wie in Australien. Fast fünf Monate – nach drei Monaten Neuseeland. Doch ich bin froh, meinem Bauchgefühl damals gefolgt zu sein. In Neuseeland war ich noch nicht bereit für Südamerika. Als erstes schießt mir jetzt wieder das Wort Zivilisiertheit in den Kopf. Auch wenn mir dieses Wort missfällt, beschreibt es vielleicht am besten, warum ich noch nicht bereit war. Nach 8 Monaten in der fremden asiatischen Welt, habe ich es genossen, mich mit anderen Menschen unterhalten zu können, eine funktionierende Infrastruktur zu haben und vor allem Sicherheit. Doch alles geht irgendwann zu Ende – und diesmal bin ich bereit für ein neues Abenteuer in einer fremden Welt.

Es sind die letzten Tage auf dem roten Kontinent, der eigentlich nur im Zentrum rot ist und nach außen ziemlich grün. Nach vier Tagen in der australischen Metropole Melbourne kehre ich mit der Fähre nach Clifton Springs zurück, auf der anderen Seite von Port Phillip. Denn in Clifton Springs habe ich zwei, drei Kilogramm Gewicht zurückgelassen, bevor ich nach Tasmanien gefahren und mit leichtem Gepäck die Berge hochgeradelt bin.

Über den Bellarine Rail Trail geht es in den Süden zur Fähre nach Queenscliffe, weiter zum Stony Point, mit der nächsten Fähre zur Phillip Island und weiter Richtung Bairnsdale. Ich halte mich so lange wie möglich von dem großen Highway, der Melbourne und Sydney verbindet, fern, radle stattdessen auf Küstenwegen, über stillgelegte Eisenbahnstrecken, durch dichte Wälder und über asphaltierte Radwege. Auf dem East Gippsland Rail Trail treffe ich drei Bikepacker aus Sydney, die mich kurzerhand zu sich einladen. Chris, Caroline und Vaughn sind in Canberra gestartet und nun am Ende ihrer Reise angekommen.

Für mich geht es in die Hügel der Südostküste, die bis Sydney kein Ende nehmen. Hinauf und hinunter, immer steiler, senkrecht in den Himmel hinauf. Nach drei Tagen bin ich leicht frustriert, am fünften Tag gehen mir die Kräfte aus – trotz meines mittäglichen Superman-Sandwiches: Rosinenbrot mit Marmelade, Bananen und Zucker. Das Mittag muss ich teils mit Oropax in den Ohren genießen, denn die Grillen grillen lauter als die Triebwerke eines Flugzeugs beim Start dröhnen. Die Nächte verbringe ich weiterhin auf meiner fingerdicken Yogamatte. An den harten Untergrund habe ich mittlerweile so gewöhnt, dass es mir schwer fällt, in den butterweichen Betten der Australier Schlaf zu finden.

Je näher ich Sydney komme, desto länger werden die Abschnitte, die ich auf dem Princess Highway radeln muss. Während dieser anfangs noch ruhig ist, werden es Richtung Eden immer mehr Fahrzeuge, die sich an mir vorbeidrängeln. Die Autofahrer sind ungeduldig, aggressiv und arrogant. Die Australier schimpfen gern auf die Asiaten, doch in Asien hatte ich nie solche Angst, von einem Auto überfahren zu werden. Zum ersten Mal wünsche ich mir einen Spiegel an meinem Fahrrad. Mit 110, 120 Stundenkilometern rasen Autos, Busse und Lastwagen an mir vorbei, ohne auch nur einen Zentimeter zur Seite zu weichen.

Jeden Tag radle ich mehr Höhenmeter, mehr Kilometer, obwohl ich mir jeden Tag vornehme, weniger zu radeln. Nicht dass der Flieger früher abheben würde, weil ich früher in Sydney ankomme, aber ich kann es wahrscheinlich kaum erwarten, nach Chile zu fliegen, um Anna in die Arme zu schließen.

Zwischen Eden und Narooma radle ich am Meer entlang, die Serpentinen hoch und durch duftende Pinienwälder. Es fühlt sich ein bisschen an wie Radeln in Frankreich. An einem Fluss schlage ich mein Zelt auf. In der Nacht entscheiden sich zwei Jungs, direkt neben meinem Zelt die Nacht zu verbringen. Ob sie mich sehen, weiß ich nicht, aber ich kann sie hören. Bis fünf Uhr morgens. Als sie weg sind, breche ich völlig übermüdet auf. An diesem Tage sehe ich zum ersten Mal zwei riesige Schlangen.

Ich habe die Nase voll von den aggressiven Autofahrern auf einer Straße, die so viel befahren ist wie die A1, die aber an einigen Abschnitten nicht mehr als eine Landstraße ist. Am Ausgang von Batemans Bay halte ich den Daumen hoch und muss nicht lange warten. Nach zwei, drei Minuten kommt Narayan mit seinem 550000-Kilometer-Toyota-Bus um die Ecke gefahren.

Der Bus ist voll mit Gerümpel – alles, was der Mensch nicht braucht und noch mehr. Über die Ukuleles, Kartenspiele, Teddybären, Sombreros und Luftschlangen packen wir Anton. Dann brechen wir zu unserem 200 Kilometer- Roadtrip auf. Narayan ist mindestens so froh wie ich, dass wir uns begegnet sind. Ich komme kaum zum Sprechen, und bin erleichtert, dass ich meine Geschichte nicht zum tausendsten Mal erzählen muss, sondern Narayan von seinem Leben erzählt. Das sowieso viel spannender ist, denn der Australier arbeitet als Clown in einem Sydney-Casino, therapiert Demenz-Patienten, ist Schauspieler in einer Shakespearean Company, Yogi und Surfer.

Im Royal National Park, im Süden von Sydney, setzt er mich ab. Ich schlafe in einer der Picknickbereiche. Am nächsten Morgen kommt Celia mit ihrem Fahrrad vorbei. Wir unterhalten uns gerade, als ein Ranger mich darauf hinweist, dass ich hier nicht zelten könne. Ich erzähle ihm, dass ich den Tag hier verbringen will und am Nachmittag verschwinden werde. Celia fragt mich, wo ich übernachten werde und ob ich nicht zu ihr kommen will. Dankbar nehme ich an und radle am Nachmittag den Hügel zu ihr hinauf. Als ich ankomme, ist sie mit Tochter auf dem Sprung. Die Schwiegertochter hat gerade ein Baby geboren, sie sind auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich solle es mir gemütlich machen. Sturmfrei. Eigentlich bin ich eine Fremde für diese Menschen, doch ihr Vertrauen scheint grenzenlos.

Sturmfrei habe ich auf zwei Tage später. Von Celia geht es weiter zu Caroline und Chris, die Bikepacker, die ich auf dem East Gippsland Rail Trail getroffen habe. Es ist Samstag, einen Tag vor dem Gong Charity Ride. Die zwei haben vier Freunde aus Canberra und England zu Besuch, die ebenfalls am Rennen teilnehmen wollen. Auch mich juckt es, ein Rennrad auszuleihen und mitzufahren, doch ich bin zu müde, und bleibe im Bett liegen. Die letzten Tage in Sydney bin ich bei Dave, der Freund einer Neuseeländerin, der mich zum Paddeln mit auf den See mitnimmt.

Am Sonntagmorgen, am 11.11., Beginn der fünften Jahreszeit, geht es zum Flughafen. Dave fährt mich mit dem Auto nach Manly, dann radle ich mit dem Fahrrad weiter zur Fähre. Von der Fähre geht es in den Zug und vom Zug über drei Fahrstühle zur Abflughalle des Flughafens. Ich verstaue Fahrrad, Yogamatte, Schlafsack und Zelt im Karton, den Rest in meiner XXL-Plastiktüte, die ich vor fast acht Monaten in Chinatown in Singapur gekauft habe. Was mir beim Packen nicht klar ist, dass ich meine 2×23 Kilogramm nicht verteilen kann, wie ich will.

Also packe ich um. Dreimal, bis alles passt. Dann gibt es auf einmal Diskussionen, dass ich kein Rückflugticket habe, doch aus das ist am Ende kein Problem. Vor 18 Monaten wäre ich in so einer Situation in Panik ausgebrochen; nach einer halben Weltreise allein auf dem Fahrrad versetzt mich so etwas heute nicht mehr in Stress. Ich bringe mein Gepäck noch zum Oversize-Schalter, dann kann ich mich auf dem Weg zum Terminal machen. Wir starten um 12.40 Uhr am 11. November und landen 13 Stunden später um 11.25 Uhr am 11. November in Chile. Zeitreisen war nie leichter.

Das war Australien. Gastfreundlich und ungeduldig. Weit und eingezäunt. Naturverbunden und arrogant. Wie überall auf der Welt gibt es Begehrendes und Abschreckendes: grenzenlose Gastfreundschaft gegenüber Fremden, grenzenlose weiße Strände an einem türkisblauen Meer; unendliche Zäune sowie unendliche Aggressivität auf der Straße. Australien. Nun kommt Chile. Doch Südamerika beginnt nicht auf dem Fahrrad, sondern im Mietauto mit Anna und Lukas. Roadtrip in die trockenste Wüste der Welt, die Atacama.

So geht’s weiter…

One comment on “Über den Höllen-Highway, Schienenwege und per Anhalter nach Sydney

  1. Wow, schon in Südamerika, Chile! Mich packt das Fernweh. Ich bin den Jakobsweg von Österreich nach Santiogo geradelt. Ein bisschen Freiheitsgefühl kenn ich schon, aber Deine Reise.., Respekt! Gute Reise weiterhin und viel Segen!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: