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Kapitel XLXIV: Weihnachten und Silvester in Quilpué

Florian ist zurück mit seinem Fahrrad. Er will mich für ein Jahr begleiten. Doch seine Reise beginnt mit einem Verlust.

Bilder aus Chile

Als Anna und Lukas Santiago de Chile wieder verlassen, ist Florian, der mich bereits in Vietnam begleitet hat, zusammen mit seinem Fahrrad auf dem einzigen internationalen Flughafen dieses Landes gelandet. Er hat seinen Job gekündigt und will mich für ein Jahr durch Südamerika begleiten. Derweil laden Jorge und Cami mich ein, mit ihnen Weihnachten und Neujahr zu verbringen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich das gar nicht in Erwägung gezogen, weil Weihnachten noch vier Wochen entfernt ist. Doch als sie mich fragen, fällt es mir schwer, ihnen abzusagen. Ich erkläre ihnen, dass mich ein Freund bereits in Santiago erwarte.

Florian jedoch kommt erst einmal nach Quilpué, denn ich muss noch zur chilenischen Polizei. Ich habe meine Tarjeta de Turismo verloren, oder, um ehrlich zu sein, ich habe sie in den Müll geworfen, weil mir gar nicht klar war, dass ich eine Tarjeta de Turismo bekommen habe. Der Zollbeamte an der Grenze hatte mir meinen Pass ohne ein Wort ausgehändigt. Weil ich in meinem Pass auch die ganzen Flugpapiere hatte, nahm ich gar nicht wahr, dass noch ein Zettel dazugekommen war. Aber mithilfe von Jorge, der mich zur Polizei fährt und übersetzt, ist auch dieses Problem schnell gelöst. Von der Polizei bekomme ich in wenigen Minuten eine neue Touristenkarte.

Nun geht’s aber los. Also, nein, irgendwie noch nicht. Denn wir müssen das Weihnachtsproblem noch lösen. Ich würde Weihnachten gern bei meinen Freunden verbringen, bei Menschen, die ich seit vielen Jahren kenne. Bei Jorge und Cami gehöre ich fast zur Familie, ich kann den ganzen Tag im Schlafanzug herumlaufen, oder im Bett liegen bleiben, ohne ein schlechtes Gewissen, oder das Gefühl zu haben, bald wieder aufbrechen zu müssen. Die Gelegenheit ist zu einmalig, um sie verstreichen zu lassen – vor allem nach 19 Monaten auf den Straßen dieser Welt.

Florian ergeht es da natürlich anders, nicht nur weil er Cami und Jorge gar nicht kennt, sondern auch weil er am Anfang seiner Reise, am Anfang seines großen Abenteuers steht, und ich kann mich noch daran erinnern, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich hatte Hummeln im Arsch und wollte nicht noch länger warten. Das sind die Herausforderungen der Zweisamkeit. Deshalb schlage ich vor – nach drei schlaflosen Nächten, in denen ich vergeblich versuche, Weihnachten und Neujahr kleinzureden (schon in Vietnam vor einem Jahr hatten mich die Emotionen zwei Tage vor Weihnachten überrannt) – dass wir erst einmal mit den Rädern nach Norden aufbrechen, und für die Festtage nach Quilpué zurückkehren. Abgemacht.

Wir brechen also auf, verlassen Viña Del Mar und Concon, und radeln durch den dichten Verkehr am ersten Tag bis nach Ritoque. Zwei Polizisten und eine Handvoll Kommunalpolitiker empfehlen uns, am Strand zu übernachten, aber auch der Diebe gewahr zu sein. Wir schieben die schweren Räder über den von der Ebbe freigelegten festen Sand und biegen nach 500 Metern in die Dünen ab, wo wir unsere Zelte aufstellen. Weißer Strand, grüne Halme, der aufgewühlte Ozean vor uns, die Berge hinter uns; in der untergehenden Sonne stehen und rennen die Fischer und Krebssammler; in der Ferne glitzert das valparaísische Stadtkonglomerat. Ein Traum. Wir bleiben zwei Nächte – und werden tagsüber ordentlich durchgerüttelt. Ein Erdbeben der Stärke 5.5 erschüttert die Küste Chiles und meinen Mut. Ich sitze gerade zwischen den Dünen, als die Erde unter mir wie ein Trampolin schwankt. Florian, der mit dem Rad in die Stadt gefahren ist, um Wasser zu holen, merkt davon nichts.

Es geht weiter nach Tebo, dann nach Maitencillo – und dann, ja dann bekomme ich die Quittung für meinen Spagat auf der Grenze meiner Kräfte. Ich unterschätze gern die Strapazen, die so eine Reise hat – und besonders die vergangenen Monaten waren anstrengend: Nach 14 Monaten auf dem Rad bin ich in Australien in nur vier Monaten fast 9000 Kilometer gefahren, mit einem kräftezehrenden Endspurt. (Zum Vergleich: Rechnet man den australischen Schnitt auf das Jahr um, sind das 27.000 Kilometer; ich bin in 2018 tatsächlich 18.500 Kilometer gefahren.) Direkt im Anschluss folgte dann der emotionale Roadtrip mit Anna und Lukas, noch einmal 3000 Kilometer in zweieinhalb Wochen, bis zu 3000 Meter hoch. Und irgendwann ist dann eben mal Schluss.

Während ich versuche, auf einem Campingplatz mit kalten Duschen meine Erkältung auszuschlafen, radelt Florian über die Panamericana nach La Serena, wo er bei Jean und Herman warmshowert. Jean nimmt ihm am nächsten Tag mit zum Nationalpark der Humboldt-Pinguine, doch die Fischer die die Touristen hin- und herfahren, sind an diesem Tag nicht unterwegs. Über Ovalle, durch die Berge, fährt Florian wieder zurück. Auch ich habe Glück: Alejandro und Pati vom Campingplatz helfen mir, mein Spanisch aufzubessern, versorgen mich mit Suppen, Fleisch und Sandwiches. Als ich mich wieder besser fühle, fahre ich, ehrgeizig und naiv wie ich bin, über die Berge zurück nach Ritoque, und werde gleich wieder krank.

Vier Tage vor Weihnachten treffen Florian und ich uns in den Dünen von Ritoque wieder, während dunkle Wolken in der Ferne den Himmel über Valparaíso und Viña verdunkeln. Waldbrände. Und der Sommer hat noch gar nicht angefangen. Gemeinsam geht es am 21. Dezember zurück nach Viña. Mit Koffein versuche ich, die 50 Kilometer bis zu Cami und Jorge zu überwinden, was erst einmal großartig funktioniert. Am nächsten Tag jedoch geht’s mir noch dreckiger. Immerhin habe ich wieder ein Bett, in dem ich die Tage bis Weihnachten verbringe und in Selbstmitleid versinke. An Heiligabend, nach drei Tagen im Bett und Camis wunderbarem Selbstgekochtem, kehrt das Leben allmählich zurück.

Weihnachten im römisch-katholischen Chile ist eine Mischung aus christlichen Traditionen und amerikanisiertem Kitsch. Der Tag vor Heiligabend ist für die Familie. Den heiligen Abend selbst verbringen wir recht beschaulich. Ein bunt geschmückter Tannenbaum mit Lichterkette sorgt für weihnachtliche Stimmung, während wir verschiedene Salate, Rinderfilet und Kroketten essen. Es gibt selbst gemachten Pisco Sour und Kindersekt für Emilia und Joaquín. Der Weihnachtsmann kommt nicht, singen und Gedichte aufsagen muss auch niemand, aber Santa kommt auch nicht durch den Schornstein. Bescherung ist um 23 Uhr, die Geschenke unterm Baum übersichtlich, jeder bekommt eins. Auch Florian und ich: einen chilenischen Magneten, den wir an unseren Stahlrädern anbringen können.

Die Feiertage verbringen wir völlig entspannt: schlafen, essen, lesen, an den Fahrrädern arbeiten. Ich arbeite vor allem digital: Bilder, Videos, Blog, Emails, Social Media – muss ja auch irgendwann mal gemacht werden. Außerdem besuchen wir Valparaíso, streifen durch die engen Gassen voller Straßenkunst und kaufen einen Stapel Postkarten. Florian schreibt seine noch am Abend voll.

Den nächsten Tag nimmt Jorge uns mit nach Viña, wo wir nicht nur knapp 50 Briefmarken, sondern auch Briefpapier und Umschläge kaufen. Florian verstaut alles in seinem Rucksack. Dann geht es zur Tankstelle, wo wir Wifi haben, und auf Jorge warten. Als dieser nicht mehr weit ist, brechen wir auf, doch etwas fehlt. Florians Rucksack. Wir gehen zur Kasse, erklären, dass der Rucksack verschwunden sei. Der Manager zeigt uns eine Viertelstunde später auf seinem Handy, wie zwei Männer den Rucksack von Florians Seite entfernen und mitnehmen, zusammen mit den beschriebenen Postkarten samt Briefmarken sowie Kamera, Luftpumpe und Reisepass.

Jorge kommt an – wir haben ihn per WhatsApp bereits vorgewarnt, dass sich das Mittagessen heute verschieben könnte – und übersetzt. Anschließend fährt er mit Florian zu den Carabiñeros, zurück zur Tankstelle, und dann zur Polizei. Cami sucht derweil heraus, wann das deutsche Konsulat in Viña geöffnet hat. Wir müssen bis Montag warten, um einen Ersatzpass zu beantragen, doch Florian hat Glück: Der Besuch beim Konsulat bleibt ihm erspart. Da sich ein Reisepass schlecht verkaufen lässt (schätze ich mal, so viele blonde Menschen gibt es ja nicht in Chile ;-), lassen die Diebe ihn am Strand zurück, wo ihn ein Rettungsschwimmer findet, der ihn zur Polizei bringt. Cami holt den Pass für Florian ab. (An dieser Stelle eine Runde donnernden Applaus für die zwei unvergleichbaren Cami und Jorge, die sich wünschen in Kapitel 12 meines Buches zu sein. Das lässt sich sicher irgendwie einrichten.)

Zu Silvester kochen Florian und ich als Dankeschön. Es gibt selbstgemachte Schupfnudeln mit Sauerkraut und Speck, Kässpätzle für die Kinder und zum Nachtisch Zupfkuchen mit chilenischen Zutaten. Während wir kochen, trudeln die deutschen Neujahrsgrüße ein. Als es vier Stunden später in Chile soweit ist, treffen wir uns mit den Nachbarn auf der Straße. Feuerwerk gibt es nicht, das ist verboten, dafür Musik und Sekt und zahlreiche „feliz año nuevo“ mit einem Küsschen auf die rechte Wange, wie es üblich ist in Chile. In diesem Sinne wünsche ich allen ein frohes neues Jahr, mit vielen wunderbaren Abenteuern. Ich zumindest kann es kaum erwarten, in die Anden aufzubrechen und die höchsten Pässe hochzuradeln, die ich je mit dem Fahrrad erklommen habe.

So geht’s weiter…

2 comments on “Glück im Unglück: Rucksack weg, Reisepass wieder da

  1. Dir auch ein gutes neues Jahr, und halte Maß mit Deinen Kräften.

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  2. gabiwinck sagt:

    Rucksack weg … hmmmhhhmmm … meinen Freunden ist vor zwei Wochen auch in Chile ihr gesamtes Reisegepäck „verloren gegangen“. Auto aufgebrochen … Ich hoffe, du bist / ihr seid in Zukunft von solchen Vorfällen verschont!! Gute Weiterfahrt!!!!

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