search instagram arrow-down
Luisa Rische

Instagram

Unterstütze mich

Du machst es möglich

Dir gefällt, was ich mache? Dir gefällt, was du liest und siehst? Dann überlege doch, mich zu unterstützen. 5 Euro - und du gibst mir eine heiße Schoki aus. 10 Euro - und du lädst mich zu einer Nacht im Hostel mit Dusche ein. 20 Euro - und du hilfst mir, eine neue Fahrradkette zu kaufen. Mit deiner Hilfe ist dieses Abenteuer möglich.

€5,00

Fast vergessen

Follow Mein Fahrrad, die Welt und ich on WordPress.com

Kapitel LV: Von Quilpué nach Los Puquios

Auf zu neuen Abenteuern! Die Faulenzerzeit ist endlich vorbei, der Urlaub vom Reisen endgültig zu Ende, der Aufstieg in die Anden beginnt. 3834 Höhenmeter liegen vor uns.

Bilder vom Paso de la Cumbre

Als der Reisepass zurück in den Händen Florians, das Ersatzteil für meine Schaltung hergestellt und angebaut ist, die Taschen gefüllt und gepackt sind, verabschieden wir uns aus Quilpué. Erst von Cami und der vierbeinigen Rasselbande, dann von Jorge, der uns schweigend bis nach La Calera zur Panamericana fährt.

Es regnet. Vielleicht zum ersten Mal, seit ich in Chile bin. Der Himmel weint, denke ich, genau wie ich. So nahe bin ich eigentlich nicht am Wasser gebaut, aber es war ein seltenes Gefühl der Geborgenheit, sich einige Wochen in den sicheren Schoß von Cami und Jorge fallen zu lassen. Als ich diese Komfortzone verlasse, und zwei Menschen, die alles für mich tun würden, schmerzt das doch so sehr, dass ich die Tränen einfach nicht zurückhalten kann. Jorge umarmt mich, als er die Tränen sieht, und lässt mich so schnell nicht wieder los. „I love you too much, Piefke!“

Wir fahren stetig bergauf nach Los Andes, die Sonne brennt, der Wind weht von hinten. Der Anfang fällt mir schwer, in Gedanken bin ich noch bei Cami und Jorge, während Florian davonfährt. Abschiede sind mir noch nie leicht gefallen. Wir schlafen in der Garage von Cristian, während dieser sein eigenes, stadtweit bekanntes Bier braut. Am nächsten Tag beginnt der Aufstieg. 3000 Höhenmeter liegen bis zum Gipfel des Paso de la Cumbre vor uns, 80 Serpentinen – wenn ich mich nicht völlig verzählt habe.

Doch der Aufstieg beginnt entspannt, flach. Im zweiten Gang geht es stetig bergauf, während die Menschen uns winken, grüßen, hupen, anhalten, uns ausfragen, Bananen und Kekse geben. Neben uns fließt der Rio Aconcagua ins Tal; Hängebrücken, teils baufällig und gesperrt, verbinden die zwei Ufer. Die letzten zehn Kilometer bis zu unserem Zeltplatz sind die schwersten, die Steigung deutlich steiler. Wir treffen zwei brasilianische Bikepacker, die nach Los Andes wollen.

Der Zeltplatz liegt leicht erhöht, 500 Meter von der Straße entfernt. Eine für mich neue App, iOverlander (sehr praktisch, das Teil, danke, Anna!), hat uns auf den Wildzeltplatz aufmerksam gemacht. Die flache Ebene mit Feuerstelle liegt an einem eiskalten Bergfluss, geschützt von einem Baum und einer Mauer. Ein Esel beobachtet uns von einem Hügel, dahinter erheben sich die grauen, zerklüfteten Berge, dahinter thronen schneebedeckte Gipfel. Der Fluss ist so laut, dass der Lärm der Straße nicht zu hören ist. Nachdem ich mein Zelt aufgebaut hat, setze ich mich in den Fluss. Schnappatmung. Die Muskeln freuen sich. Regeneration. Als die untergehende Sonne zwischen Wolkendecke und Horizont durchlugt, taucht sie die umliegende Felsen in gleißendes Orange.

Am nächsten Tag beginnt der richtige Aufstieg. Die Serpentinen. Wir sind gerade in die 80 Kurven gestartet, als ein Ziehen durch meinen Kopf schießt. Ich erkenne das Vorzeichen. Höhenkrankheit. Das kann ja was werden, denke ich mir, nehme all mein Tempo raus und radle, so entspannt wie möglich, die Serpentinen hoch, pausiere regelmäßig, achte auf eine konstante Armung, trinke, trinke und trinke. Das Wasser in meinen Flaschen kommt aus den Flüssen um uns herum. Die Kopfschmerzen verschwinden. Ich komme unerwartet gut die Serpentinen hoch, Kurve und Kurve, während der Druck steigt, der Sauerstoffanteil sinkt. Florian hat keine Probleme, fliegt um die Kurven, bis ihn ein Platten stoppt.

Zwischen dem Tunel del Cristo Redentor des Paso Libertadores und der chilenischen Grenze treffen wir auf Urs und Franziska aus der Schweiz, die uns von hinten einholen. Sie sind zwei Stunden vor uns an diesem Tag gestartet, haben gut 500 Höhenmeter mehr in den Beinen und wollen per Anhalten durch den 3 Kilometer langen und 30 Jahre alten Tunnel fahren. Florian und ich wollen weder per Anhalter noch mit den Rädern durch den Tunnel, wir wollen die letzten 660 Höhenmeter zum Kamm des Paso de la Cumbre und zur Statue Cristo Redentor de los Andes hochfahren. Aber nicht mehr an diesem Tag. Während die Schweizer auf eine Mitfahrgelegenheit warten, schlagen wir unsere Zelt in einem leerstehenden Steingebäude am Fuße des Anstiegs auf.

Die Mauern schützen uns vor eisigem Wind und Schnee. Mein neuer Schlafsack (vielen Dank an alle, die mir bei der Anschaffung geholfen haben) leistet auf 3200 Metern alle Arbeit. Anstatt mich durch die Nacht zu zittern, wie zuletzt auf Tasmanien, mit Eiszapfen an den Füßen, ist mir so warm, dass ich den Schlafsack in der Nacht öffnen muss. Wir kalt es ist, weiß ich nicht, doch die Bäche ums Haus herum sind am nächsten Tag zugefroren.

Gib mir eine heiße Schokolade aus

Dir gefällt, was ich mache? Dann kannst du mich unterstützen. Auf dem Fahrrad trinke ich Wasser aus dem Fluss oder der Leitung, doch wenn ich in einer Stadt ankomme, gibt es für mich nichts Prickelnderes, als eine heiße Schoki in einem kuscheligen Café zu genießen, die mir hilft, den nächsten Pass zu erklimmen.

€5,00

Der Anstieg beginnt überraschend gut. Mit nur leichten Kopfschmerzen. Obwohl es steil und die Straße Schotter ist, überwinden wir die ersten 250 Meter in weniger als anderthalb Stunden. Dann beginnt die Folter. Während Florian keine Probleme mit der Höhe hat, trifft es mich nun mit voller Wucht. Der Kopf schmerzt, die Beine sind völlig leer, mir ist schlecht. Alle zehn Meter schaue ich aufs Handy und denke: schon wieder nur 10 Meter. Ich kann es nicht schaffen. Niemals. Keine Chance. Ich habe keine Energie mehr, ich weiß nicht, womit ich das Rad zum Rollen bringen soll, während ich im losen Schotter immer wieder den Halt verliere.

Ich trete weiter. Mehr im Delirium als bewusst. Auf einmal sind es nur noch 80 Höhenmeter. Jetzt kann ich es schaffen, ich muss. Als ich oben ankomme, bleibt mir die Freude im Halse stecken. Mir ist so schlecht, so schwindlig, dass ich all meine Energie aufwenden muss, nicht umzufallen. Ich ziehe mich um. Die nassen Klamotten aus, die Thermounterwäsche an. Dann geht es wieder hinunter. Dem Sauerstoff entgegen. Doch wir schaffen es gerade um die nächste Kurve, als sich die gesamte farbenprächtige Weite, der höchste Berg Südamerikas, der Aconcagua, und die majestätische Gewalt der argentinischen Anden vor uns erstreckt. In diesem Moment überkommt mich all die Freuden, die ich bei Ankunft auf dem Sattel nicht spüren konnte.

Dann geht es endlich bergab. Über Schotter und Sand ins Tal. Auf dem ungefederten Rad werde ich so durchgerüttel, dass es mir unten nicht unbedingt besser geht. Und der Tag ist noch nicht fertig mit mir, der Berg lässt mich nicht los. Erst löst sich eine Schraube von meinem Fahrrad, die ich zunächst – bis zum Abend – mit Kabelbinder ersetze, dann habe ich einen Platten in der Abfahrt. Ein Dorn bohrt sich durch meine Umplattbar-Reifen tief in meine dorn-sicheren Schläuche. Florian ist zu weit vorne, um ihn mit Rufen abfangen zu können. Ich lasse ihn radeln und tausche meinen Schlauch aus.

Als ich gerade den Mantel wieder befestige, halten zwei Argentinier an, die sich als Biker bezeichnen und mir helfen wollen. Ich sage ihnen, dass alles gut sei, doch sie geben keine Ruhe, nehmen mir Rad und Pumpe aus der Hand. Im Herzen wunderbare Menschen, die es wirklich nur gut meinen, haben sie leider keine Ahnung von Fahrrädern, zumindest nicht von deutschen Rädern mit australischen Schläuchen und französischen Ventilen.

Sie versuchen, den Reifen aufzupumpen, ohne das Ventil zu öffnen oder den Ring zur Stabilisierung aufzuschrauben. Während ich mit ihnen über Schlauchgröße, Mantel, Flicken und Luftpumpen diskutiere, vergeht gut eine Stunde, an deren Ende auch Florian wieder dazustößt. Zum Glück. Die zwei Männer verabschieden sich, als mein männlicher Begleiter auftaucht. Und ich kann endlich meinen Schlauch wechseln, mein Rad wieder einbauen, aufpumpen und weiterfahren. 15 Minuten. Mehr brauche ich dafür nicht. Leider haben die zwei in ihrem guten Willen noch das Ventil des kaputten Schlauchs zerstört, weshalb ich erst einmal ohne Ersatzschlauch weiter muss.

Es geht durch den schwärzesten Tunnel, durch den ich jemals gefahren bin, zum Aussichtspunkt auf den umwölkten Aconcagua, 6961 Meter hoch, und weiter bis zur argentinischen Grenze; am Zoll sagen sie uns nur: Go and be happy. Das machen wir. Wir radeln an der Puente del Inca vorbei, eine natürlich, vom Schwefel rotbraun gefärbter Felsbogen üder dem Rio de las Cuevas, und biegen einige Minuten später auf einen Schotterweg zu genau diesem Fluss ab, wo wir unser Zelte an einer Hängebrücke aufschlagen. Es ist geschafft. 3834 Meter. Mein höchster Pass – bis jetzt. Schlaftrunken falle ich auf meine Isomatte und träume von noch höheren Bergen.

 

Gib mir eine heiße Schokolade aus

Dir gefällt, was ich mache? Dann kannst du mich unterstützen. Auf dem Fahrrad trinke ich Wasser aus dem Fluss oder der Leitung, doch wenn ich in einer Stadt ankomme, gibt es für mich nichts Prickelnderes, als eine heiße Schoki in einem kuscheligen Café zu genießen, die mir hilft, den nächsten Pass zu erklimmen.

€5,00

 

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: