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Kapitel LVIII: Von San Martin des los Andes nach Puerto Varas

Mein Weg durch Nordpatagonien führt mich über el Paso Cardenal Samore zurück nach Chile. Spiegelglatte Seen und schneebedeckte Vulkane durchpflügen die blühende Region zwischen San Martín und Puerto Varas. Während südamerikanische Touristen mich nach dem Weg fragen, versuche ich, mich in Geduld zu üben: die Beine hängen immer noch durch.

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Die Reise durch Patagonien beginnt mit el camino de los siete lagos. Der Weg der sieben Seen durch den Lanín Nationalpark hat all das, was mir auf der Ruta 40 fehlte: hochragende, grün bewaldete Berge, kristallklare Seen, plätschernde Flüsse, Feuchtigkeit, Morgennebel, kalte Nächte, lauwarme Tag. Vögel singen im Kanon, Adler hocken am Straßenrand, entgegenkommende Radler winken, grüßen auf Spanisch, auf Englisch und ein Servus bekomme ich auch zugerufen.

Ich rase die erste Ansteigung von San Martín de los Andes hoch, am weitläufigen, von Bergen umzingelten Lago Lacar vorbei, in dem sich die ersten Strahlen der Morgensonne spiegeln. Was für ein Bergidyll. Die Beine drehen sich wie von selbst, während ich die feuchte Luft gierig einsauge. Der Ruhetag im Garten mit Steaks und Pizza hat Wunder gewirkt – zumindest für einen Tag.

Vom Lago Villarino fahre ich zum Lago Espejo, vom ersten freien Campingplatz zum nächsten. Ich schlafe nicht unbedingt gern auf diesen Plätzen. Sie sind laut und dreckig und unsicher – so ist das nach 21 Monaten Wildzelten: Anfangs zahlte ich 20 Euro, um Menschen um mich herum zu haben, obwohl Wildzelten in Skandinavien legal ist, heute würde ich dafür zahlen, nachts keine Menschen um mich herum zu haben. Jeden Tag zu radeln fordert seinen Tribut und ich kann am besten regenerieren, wenn ich gut schlafe. Aber wenn es dieses Angebot schon einmal gibt, nehme ich es auch an. In der Nacht kommen die Oropax in die Ohren, die trotz rauschender Partys um mich herum für einen erholsamen Schlaf sorgen.

Es geht wellenartig hoch und runter im Nationalpark, kaum Zeit zum Luftholen – und das spüre ich am zweiten Tag. Meine Beine sind immer noch weit von dem entfernt, was sie in der Lage sind zu leisten, sie sind müde. Ein Gefühl, dass ich so intensiv selten auf dieser Reise erlebt habe. Der Anstieg am nächsten Tag zur chilenischen Grenze zerrt an den wenige Kräften. Die Fahrt durch Pinienwälder genieße ich dennoch. Der intensive Geruch löst heimische Gefühle aus.

Die argentinische Grenze ist schnell überquert. Tatsächlich werde ich als Radler von Beamten immer wieder aus der Schlange geholt, Stempel drauf und weiter. Sie wissen wohl, was ich noch vor mir habe. Weitere 600 Meter hoch zum Pass. Ich habe nicht nur mit Gegenwind und nervigen Fliegen zu kämpfen, sondern auch mit einer klebrigen Straße, die auf mehreren Kilometern erneuert wird.

Nach ein, zwei kleineren Wutanfällen – die dämlichen Fliegen, die mir ständig in den Augen rumsurren, als wenn ich nicht genug zu tun hätten, muss ich auch noch nach diesen Mistviechern schlagen – komme ich mit hängender Zunge oben an, und in der blöden Abfahrt habe sie auch noch einige Steigungen eingebaut. Immerhin etwas Glück ist kleben geblieben: Ich fahre an einer Mülltonne vorbei, in der ich endlich meinen Müll entsorgen kann, nachdem ich es an der Grenze vergessen hatte, und finde eine Instant-Hühnersuppe, Brötchen und Käse in der Tonne. Alles eingeschweißt natürlich. Und ich schlinge gleich ein Käsebrötchen herunter. Doglife. Geil.

Die Chilenen gestalten die Grenzüberschreitung etwas aufwendiger. Doch nach 40, 50 Minuten ist auch das abgehakt – und meine zwei Aprikosen sind auch noch in den Taschen. Illegalerweise geschmuggelt. Ich habe sie sogar deklariert, aber den Zoll nicht unbedingt darauf aufmerksam gemacht. Mein Nachtlager schlage ich nicht weit vom Zoll entfernt am Rio Anticura im Puyehue Nationalpark auf, gleich hinter der Werkstatt der Park-Ranger, die mir trotz Campingplatzes auf der anderen Straßenseite erlauben, bei ihnen frei zu zelten. Ich bin nicht die einzige. Zwei Backpacker und ein Bikepacker leisten mir in der Nacht Gesellschaft.

Auch am nächsten Tag steckt die Müdigkeit immer noch tief in den Beinen. Der Frust entlädt sich diesmal an der Straßenführung. Denn statt diese blöde Straße durch das Tal zu bauen, haben die Chilenen einfach noch einen – gefühlt gigantischen – Berg hineingebaut. Ich kann nicht mehr. Dieses Mal muss ich den Tag frühzeitig beenden, denn es ist einfach nichts mehr da, mit dem ich gegen Wind und Steigungen ankämpfen könnte.

Alle Bilder von der Ruta 40 und Nordpatagonien

Ich schlage mein Zelt am Lago Puyehue auf. Durch Zufall, oder einen erfahrene Riecher entdecke ich einen der schönsten Wildzeltplätze auf dieser Reise, am Ende einer Schotterstraße, auf einer kleinen Anhöhe am Seeufer, auf grüner Wiese, zwischen grünen Bäumen, mit einem weiten Blick über den See. Ich überlege, den Platz bei iOverlander einzutragen, aber dann denke ich, diese Geheimnis behalte ich lieber für mich. Als es am nächsten Morgen regnet, bleibe ich entspannt im Zelt liegen, lese, bis sich die Regenwolken am Nachmittag verziehen.

Am Lago Rupanco vorbei geht es weiterhin gegen den Wind nach Puerto Octay, wo mich die Touristen reihenweise auf Spanisch ansprechen, um ein Foto bitten und nach Richtungen fragen, während ich gerade kalte Pasta am zentralen Plaza genieße. Äh… no hablo español… äh… no soy de Chile. Dennoch fühle ich mich geschmeichelt, dass sie alle denke, ich wäre von hier.

Während ich im öffentlichen Wifi nach einem Schlafplatz für Puerto Varas suche, stolpere ich zufällig über das Benutzerkonto von Cornelia Prenzlau, die Radlern anbietet, auf ihrem Bio-Bauernhof mit Café, 7 Kilometer von Puerto Octay entfernt, zu zelten. Ich schreibe ihr eine WhatsApp, und bekomme ruckzuck eine Bestätigung. Als ich ankomme, bin ich überrascht, als 20, 30 Autos auf dem Parkplatz stehen. Es ist kein kleines Farm-Café, wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern ein riesiges Restaurant mit Spielplatz und Souvenirshop und Panorama-Blick auf Osorno Volcano und Calbuco Volcano. Und das beste kommt erst noch…

Während Cornelia mich zum Zeltplatz bringt, lädt sie mich ein, am Abend zum Restaurant zu kommen, um gemeinsam mit allen zum Abendbrot zu essen. Ich kann es kaum fassen. Ich esse den ganzen Nachmittag nichts, ich will einen leeren Magen haben, denn das Buffet ist riesig. Zusammen mit Pia und Camilo, zwei Bikepacker, die am Abend dazustoßen, stürzen wir uns auf den bunten Mix aus chilenischer und deutscher Küche. Fleisch und Krautsalat, Kartoffeln und Reis, Dutzende Salate, Puddings, Kuchen und Obst zum Nachtisch. Alles hausgemacht. So viel Vielfalt auf einem Teller. Ich weiß nicht, ob ich das seit Beginn der Reise jemals hatte.

Pia, Camilo und ich verabschieden uns am nächsten Morgen – immer noch mit vollen Mägen – und fahren gemeinsam weiter über Frutillar nach Antuquelen. Es ist ein entspannter Tag, voller Gespräche und Begegnungen. Von einem Bauern bekommen wir Pflaumen, am Wegesrand sammeln wir Brombeeren, die überall wild wachsen, und gerade beginnen zu reifen. Ein Platten stoppt uns, es trifft Camilo, ich werde hinterhältig von einer Biene in den Kopf gestochen.

In Antuquelen verabschieden wir uns. Während die zwei nach Llanquihue weiterfahren, schlage ich mein Zelt bei Camis Schwester auf, die auf ihrem Grundstück am Lago Llanquihue Ferienhütten vermietet. Zwei weitere Tage werde ich mit Essen, Liebe und Gesprächen versorgt und umsorgt. Wir verbringen den Tag am See, paddeln und baden, fahren Luis zum Hundefriseur. Auf dem Rückweg von Patagonien und Feuerland will ich wieder vorbeikommen und wahrscheinlich länger bleiben. Doch die kalte Luft aus Antarctica kommt mit Riesenschritten auf Patagonien zu, deshalb muss ich mich ein bisschen sputen, weil ich eine Frostbeule bin.

Ganz ohne Pause geht es aber nicht, schließlich werden die Beine nicht besser, wenn ich sie jeden Tag vorantreibe. Außerdem muss ich noch ein bisschen arbeiten, bevor ich auf den überwiegend Wifi-freien Carretera Austral abbiege – das geht am besten mit einem Tisch und Stühle und Netz und Küche und Bad. Ich komme im Conservatorio Musica y Bellas Artes del Sur bei Jean Paul Harb und José Valderrama unter, wo ich einige Tage die Beine hochlege, Eis esse, schreibe, Bilder sortiere und Postkarten verschicke, bevor es am Lago Llanquihue entlang zum Carretera Austral geht.

Einen Blick zurück: heute vor einem Jahr

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