search instagram arrow-down
Luisa Rische

Translator

Instagram

Schenke mir eine Nacht im Hostel

Dir gefällt, was ich mache? Dann überlege doch, mich zu unterstützen. Nach Wochen im Sattel, im Zelt hilft mir eine Nacht im Hostel mit Dusche und Küche, neue Kräfte zu sammeln.

€10,00

Fast vergessen

Follow Mein Fahrrad, die Welt und ich on WordPress.com

Kapitel LIX: Von Puerto Varas nach Pyuhuapi

Das Leben auf dem Fahrrad ist nicht immer so glorreich wie es den Anschein hat. Es ist harte Arbeit und ein stetiges Sein fern der gelernten Komfortzone. Wenn Kopf, Körper und Rad harmonisieren, ist das keine Belastung, es gehört dazu, es ist Abenteuer, Freude, die manchmal erst kommt, wenn der Berg überwunden ist. Aber die Zahnräder greifen nicht immer ineinander, dann kann der Alltag auf dem Fahrrad und im Zelt zur Qual werden.

Alle Bilder dieser Reise

Der Regenwald am anderen Ende der Welt verschluckt mich in seiner feuchten Einsamkeit, durchdrungen vom Zwitschern der Vögel, vom Rauschen der Flüsse. Am Ende des Sommers ist der Herbst schon längst da, der Winter nicht weit. Während die schwarze Farbe der Brombeeren und Maquis am Straßenrand explodiert, plärrt es von oben nass herunter, durch die Entlüftungsschächte meines Helms hindurch in den Nacken. Der Schirm meiner Mütze hält mir die Sicht frei, während ich in die dunkelgrauen Vorhänge aus Regen fahre, die sich seit Tagen über mir ergießen, während unter mir das lose Gestein bröckelt, in dem meine Reifen nach Halt suchen.

Noch eine Steigung und noch eine Steigung. Schrittgeschwindigkeit. Hinauf und hinab über das Waschbrett. Immer steiler. Bis ich schieben muss. Denn die Straße ist löchriger als jeder Acker, ein Meer aus Bodenwellen vibriert durchs Fahrrad in Arme und Beine; nach 5 Tagen auf dieser Straße zwischen Puerto Varas und Hornopiren ächzt der Rücken unter Schmerzen, am Fuße jedes Hügels denke ich nur, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Wenn mein Kopf frei dieser Gedanken ist, denke ich darüber nach, wo ich das Zelt aufschlage, und ob ich den Tag nicht einfach sofort beende. Die schwarzen Strände, die Ebbe, die ganze Küstenabschnitte freilegt, die unendliche Weite des Fjords, die grauen Vorhänge der Regenschauer, die steilen Berge, dunkelgrün am Fuß, nackt und grau am Kopf, nehme ich nur am Rande wahr.

In Contao warmshowere ich spontan bei Simon, weil ich nicht zelten und nicht radeln will. Die Beine sind so schwer, der Kopf müde, ich frustriert. Ich bin immer noch überzeugt, dass ich meiner Form hinterherhinke, dass ich frustriert bin, weil die Beine nicht arbeiten wollen, als ein Freund mir schreibt, der mit seinem Fahrrad gerade durch Afrika fährt. Seine Worte berühren mich wie ein Spiegel, der mir meine eigenen Gefühle aufzeigt. Verloren in der Lustlosigkeit, die Motivation verloren. Das Unterwegssein ist in diesem Moment so anstrengend wie noch nie. Die eine Frage drängt sich mir auf: Warum mache ich das eigentlich?

Das Leben auf dem Fahrrad ist dreckig, das Leben auf dem Fahrrad ist anstrengend. Bilder täuschen. Es fordert erschöpfende Disziplin, jeden Tag sein Leben in fünf Taschen zu verstauen, jeden Tag 60 Kilogramm berghoch zu schleppen, gegen den Wind anzukämpfen, Zeltplätze zu finden, jeden Tag an ein Budget gebunden zu sein. Es fällt schwer, schutzlos den Launen der Natur ausgeliefert zu sein, sich nirgendwo verstecken zu können. Das Leben auf dem Fahrrad war meine Wahl, ist meine Wahl, weil es mir nie schwer gefallen ist, dieses Leben zu leben. Das ist auf dem Weg zum Carretera Austral, auf dem Weg an der Küste nach Hornopiren anders, während die Wellen, die morschen Fischerboote, die tangigen Gerüche mich an zu Hause erinnern.

Die Fähre bringt mich von Hornopiren durch den Fjord zum nächsten Streckenabschnitt, zum nächsten grauen Schotterweg, der sich durch undurchdringbares, atmendes Grün schlängelt. Hinauf und hinunter durch den Nationalpark, über Santa Barabara nach Chaiten. Wilde Brombeeren halten mich am Laufen, während ich einen unbändigen Appetit auf Zucker habe, den ich mit schüsselweise Brombeeren in Milch – in im Wasser aufgelösten Milchpulver – esse. Warum mache ich das? Ich schlafe zwischen Bäumen und Vögeln, schöpfe Energie im Bach, der die Gänsehaut über meinen Körper jagt, der mich nachts in den Schlaf plätschert.

Verstecken. Das ist das einzige, worüber ich auf dem Carretera Austral nachdenke. Für die grüne Landschaft um mich herum, die ich so herbeigesehnt habe, habe ich keine Kraft übrig. Wenn alles läuft, wenn alle Zahnräder ineinander greifen, ist es nicht belastend, diszipliniert zu sein. Es fühlt sich nicht an wie Disziplin, sondern ist Abenteuer, Herausforderung, Spaß an den Grenzen der eigenen Komfortzone entlangzulaufen, ihnen entgegenzulaufen, ihnen den Stinkefinger zu zeigen, denn das Reisen mit dem Rad hat mir immer mehr zurückgegeben, als ich gegeben habe. Verstecken.

Eine deftige Käseplatte mit frischem dunklem Brot, Quarkbrötchen mit Rosinen, knuspriges Schokomüsli mit frischer Milch, Salted Caramel Eiscreme. Mit diesen Dingen würde ich mich gern in meine alten Wohnung am Zähringerplatz einsperren, geschützt vor Regen, Nässe und Kälte, einige Tage einfach mal nix tun, auf dem Sofa lungern und netflixen. Ich schäme mich im ersten Moment für diese Gedanken, denn was für Probleme sind das schon, mit denen ich hadere. Monatelang bin ich im Rückblick auf einer Welle des Glücks geschwommen, das weiß ich erst in diesem Moment zu schätzen, in dem Moment, in dem ich nach Hause will.

Unterstütze mich

Nach Hause. Nach fast zwei Jahren hört sich zu Hause nicht so schlecht an. Ziemlich verlockend sogar. Ich fahre weiter. Warum?, frage ich mich. Weil das Leben auf dem Rad wie eine Sucht ist, weil ich die Reise so nicht beenden kann. Frustriert. Lustlos. Verloren. Ich radle weiter. Weil ich der Erinnerung eines Gefühls hinterherradle, das mich die vergangenen Monate getragen hat. Freude, in meinem Sattel zu sitzen, Menschen zu begegnen, zwischen Bäumen und an Flüssen zu schlafen, mit dem Minimalsten zu leben und das größtmögliche Glück darin zu finden. So schnell es geht, so lange es geht, auf der Suche nach der Motivation, die mir hilft, nicht an Dutzenden Steigungen und feuchten Schlafsäcken zu verzweifeln.

Die Tage im Sattel geben mir Zeit, über alles nachzudenken. Doch der Moment, als ich erkenne, dass nicht meine Beine, sondern mein Kopf müde ist, ist der erste Schritt zur Besserung. Die Akzeptanz, dass ich gerade keinen Bock auf dieses Leben habe, gibt mir die nötige Ruhe, mich mit einem neuen Gedanken anzufreunden: nach Hause zu fliegen. Nicht in einem Jahr, sondern vielleicht schon nach Patagonien. Ich finde wieder, was ich für einen Moment vergessen hatte: dass ich ein zu Hause habe, das auf mich wartet, zu dem ich jederzeit zurückkehren kann.

Als ich mich mit diesem Gedanken angefreundet habe, als ich erkenne, dass ich längst alles geschafft habe, was ich schaffen wollte, dass ich seit fast zwei Jahren allein mit dem Fahrrad in einer einst für mich fremden Welt unterwegs bin, und dass ich jederzeit in meine Komfortzone zurückkehren kann, fängt das Kurbeln wieder an, leichter zu fallen. Nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Asphalt. Ab Chaiten fließt die Straße wieder und ich kann mir zum ersten Mal eingestehen, dass ich Asphalt liebe, dass ich es liebe, auf diesem glatten, rutschenden Boden dem Horizont entgegenzufliegen.

Ich fliege, nichtsahnend, meinem ersten Gletscher entgegen. Ventisquero Yelcho Chico. Es ist trocken an diesem Tag, der Wind bläst seit Puerto Varas zum ersten Mal von hinten. Als ich auf dem Zeltplatz am Fuße des Gletschers ankomme, treffe ich auf Katharina und Matthias aus Österreich, die mit ihrem Tandem vor einigen Monaten aufgebrochen sind und, so wie ich, die Welt erobern wollen. Wohin es geht, wissen sie noch nicht, wie lange auch nicht. Sie lassen sich Zeit. Damit haben sie etwas begriffen, wofür ich Monate gebraucht habe, dass es beim Reisen mit dem Fahrrad nicht ums Radeln, sondern ums Anhalten geht.

Nach einem Grießbrei mit Brombeeren, der Magen und Herz durchwärmt, starte ich am nächsten Morgen durch den Regen in die erste längere Steigung seit Beginn des Carretera Australs. Die Beine fühlen sich zum ersten Mal wieder gut an, es fällt mir fast leicht, die 500 Höhenmeter zu überwinden, die Regenjacke hält dicht, während ich die störende Regenhose in der Tasche gelassen habe. Fünf Radler kommen mir im strömenden Regen entgegen. Katharina und Matthias haben mir allerdings versichert, dass ich nicht der einzige Depp bin, der im März anfängt, nach Ushaia zu radeln. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die größte Frostbeule unter diesen Deppen bin.

Nach einer Nacht in einer Holzhütte an der Straße startet ich nahezu trocken in den nächsten Tag. Meine Füße bekommen seit 24 Stunden nur das frostige Ende meines Blutstroms ab, mit kalten Füßen schlafe ich, mit kalten Füßen radle ich. Es regnet immer noch, es hat noch nicht aufgehört zu regnen. Doch auch an diesem Tag genieße ich es auf dem Rad zu sein, auch an diesem Tag finde ich im Nationalpark Queulat ein überdachtes Plätzchen, das mir Schutz gewährt, ein versteckter Zeltplatz am Lago Rispateon. Es hat auch immer noch nicht aufgehört zu regen – nur damit das auch allen klar ist…

Am nächsten Tag komme ich nicht weit. Nach einem Abstecher zur Panaderia suche und finde ich in dem kleine Kaff namens Puyuhuapi Internet. Als ich gerade die E-Mail von Heike lese, die ebenfalls mit dem Fahrrad um die Welt fährt, von einem Freund aus Lübeck von mir erfahren hat, und – wie es der Zufall so will – gerade in Puyuhuapi auf dem Zeltplatz darauf wartet, dass der Regen aufhört, kommt Peter um die Ecke, ebenfalls aus Deutschland, ebenfalls auf dem Rad und auf dem Weg nach Cohaique – so wie ich. Doch zunächst radle zum Zeltplatz um die Ecke und überrasche Heike in ihrem Zelt, die gerade dabei ist, meinen Blog zu lesen.

Einen Blick zurück: heute vor einem Jahr

img_7688

3 comments on “Zwischen Zweifeln und Regen: Ertrinkend durch Patagonien

  1. Tino Salzwedel sagt:

    Alles Wahnsinn 🙂
    Ich hoffe Kopf und Beine tragen dich weiter ……..
    Auch ich habe es lieber warm beim Radeln. Daher fliege ich Ende Juni nach Athen und radel zurück. Kalte Füße sollten da Mangelware sein 🙂

    LG Tino
    aus Lübeck

    Gefällt 1 Person

    1. luisarische sagt:

      Wow! Das hört sich großartig an. Genieße die Reise, das wird sicher wunderschön 😊

      Gefällt mir

      1. Tino Salzwedel sagt:

        jedenfalls bestimmt schön warm 🙂

        Ich hoffe doch, dass du nach deiner tollen Reise von dieser erzählen wirst ?
        Am 11.05. bin ich bei einem Outdoorfestival, auf dem Sven Marx von seinen Erlebnissen berichten wird.

        LG
        Tino

        Gefällt mir

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: