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Kapitel LIX: Die Carretera Austral, Teil 2

Nach zwei Tagen auf dem Zeltplatz mit Heike geht die Sonne wieder auf, die Reise weiter. Über die Carretera Austral radle ich bis nach Chile Chico, an Gletschern und roten Riesen vorbei, an wilden Flüssen entlang und über aufgewühlte Seen. Vor allem die landschaftliche Vielfalt der Carretera Austral und die abgelegenen Wildzeltplätze wollen mich nicht mehr loslassen, als ich nach Argentinien zurückkehre.

Alle Fotos von der Carretera Austral

Ich kenne Heike nicht. Sie kennt nicht nicht. Wir haben uns noch nie getroffen, noch nie miteinander geredet. Ihre E-Mail ist das erste Lebenszeichen, das ich von ihr erhalte. Ein Freund hat Heike vor fast zwei Jahren den ersten Artikel geschickt, den ich für die Lübecker Nachrichten geschrieben habe. Heike war zu diesem Zeitpunkt selbst mit dem Fahrrad unterwegs. In den vergangenen Monaten hat sie in Deutschland gearbeitet, Geld gespart, und ist im Dezember zu ihrem nächsten großen Abenteuer auf dem Fahrrad aufgebrochen, von Ushaia nach Tuktoyaktuk. Ganz entspannt. Mit ihrem Fahrrad Charlotte. Und 23 Kilogramm Basisgepäck.

Als sie ihm patagonischen Dauerregen unterm Dach des Zeltplatzes in Puyuhuapi festsitzt, fängt sie aus Langeweile an, meinen Blog zu lesen, und entdeckt, dass ich gar nicht weit weg bin. Wie nahe ich tatsächlich bin, ist uns beiden nicht klar. Ich schlage gerade mein Zelt auf einem verwaisten Nationalpark-Zeltplatz, 11 Kilometer von Puyuhuapi entfernt, auf, als ich die E-Mail empfange, die ich am nächsten Morgen im öffentlichen WiFi von Puyuhuapi abrufe. Eher zufällig. Ich halte nur in Puyuhuapi, um Brot zu kaufen, bevor ich weiter durch den Regen radeln will. Doch es gibt öffentliches WiFi, also logge ich mich fix ein und überrasche Heike 10 Minuten später in ihrem Zelt. Wie verrückt ist das denn!

Wir frühstücken, quatschen, ich entschließe mich, aus einem Bauchgefühl heraus, das Geld zusammenzukratzen und zusammen mit Heike eine Nacht auf dem Zeltplatz zu bleiben. Denn bis auf den kommenden Winter treibt mich nichts, und ich genieße es, mit Heike übers Radeln, übers Essen, über zu Hause, über Hürden und Begegnungen zu reden. In der eigenen Sprache. Wir reden lang, stundenlang, unterbrochen nur vom Essen, über das wir genauso viel reden wie essen. Vor allem Grießbrei. Seit Neuseeland mein Lieblingsfrühstück stecke ich auch Heike damit an. Am zweiten Abend – Heike überredet mich und lädt mich ein – kommt Radler Peter vorbei mit 2 Litern Wein.

Am nächsten Morgen geht die Sonne zum ersten Mal wieder auf, zurück auf die Räder. Peter fährt zum Nationalpark Ventisquero Colgante, Heike immer nach Norden, über den Futaleufu-Pass nach Bariloche, ich immer nach Süden, über Coyhaique nach El Calafate. Nach fünf Tagen Regen sind die umliegenden Gipfel schneeweiß, doch mit der Sonne steigen auch die Temperaturen wieder, jeder Wasserfall ein dröhnendes Ereignis, das sich schon von Weitem ankündigt. Es gibt ein Regenopfer zu beklagen. Mein Cycle2Charge. Damit sind jetzt alle meine Möglichkeiten, unterwegs Strom zu produzieren, futsch, und Strava erst einmal wieder stillgelegt.

Der Pass am Ventisquero Colgante verlangt meinem Rücken alles ab – dabei erklärte ich einen Abend zuvor noch stolz, ich hätte noch nie Probleme mit dem Rücken gehabt – , während Tara, die ich auf der Passhöhe treffe, fröhlich erzählt, wie entspannt sie die Auffahrt fand. Vater und Tochter kommen auf einem Tandem den Berg hochgeradelt, dahinter Mutter und Sohn. Aus Australien. Not too far now, rufe ich ihnen entgegen. Am Fuße des Passes schlage ich mein Zelt auf. Es gibt Nudeln mit Tomatensauce zum Abendbrot, das Nudelwasser mit Grieß als Vorspeise. Das sättigt schon einmal vor und spart Geld.

Am nächsten Morgen, verschlungen vom Nebel zwischen den Berghängen, weckt mich ein weiteres Grießfrühstück mit frisch gepflückten Brombeeren sowie Liegestütze. Ja, du hörst richtig. Weil ich noch nicht genug Sport tagsüber treibe, mache ich jetzt auch noch Frühsport. Um Gottes Willen, natürlich nicht. Das Ganze hat mal wieder einen ganz praktischen Hintergrund. Muskeln sollen einen ja warmhalten, und da ich in die Kälte radle, dachte ich, ich bereite meinen Oberkörper so gut es geht auf die kommenden Minusgrade vor.

Peter trifft Tara, Peter und Tara treffen mich am Lago Las Torres. Die zwei sind zu fix für mich und ich nach zwei Jahren entspannt genug, mich nicht von den Tempi anderer mitzerren zu lassen – Heike, du färbst ab auf mich, die Iren-Geschichten habe ich nicht vergessen. Ich schlafe auf einem Bauernhof, und starte am nächsten morgen in aller Frühe in den Sonnenaufgang. Etwas zu früh. Die Sonne braucht eine Ewigkeit, um über die Hügel zu klettern. Ich bin halb erfroren, als die ersten Sonnenstrahlen durch den dicken Nebel kaum Wärme bringen.

Die Kälte sitzt so tief in Armen und Beinen, im ganzen Körper, dass ich gar nicht mehr aufhören kann zu zittern und am Rio Manihuales frühzeitig mein Lager aufschlage, was tatsächlich weniger mit den Beinen als mit der Zeltplatz-Oase zu tun hat. Eine Wiese am wilden Fluss, weit entfernt von der Straße, gegenüber steile Klippen. In Gedanken reise zurück in die französische Verdun-Schlucht, wo Sirje und ich durch den Fluss schwammen und Hanno mit seinen Handballer-Armen die Steine die Klippen hochfliegen ließ.

Ich lasse weiteren Ballast zurück, weil mich das Gewicht des Rads frustriert, und weil Heike mit 23 Kilogramm unterwegs ist. Handtuch, zweiten Ersatzreifen, Bremsflüssigkeit, Klamotten – alles landet in der Tonne oder in den Händen anderer Radler. Ich lasse nicht nur freiwilligen Ballast zurück. Der Feuerspucker keucht nur noch, zieht kein Gas stattdessen Luft. Ich nehme ihn auseinander, reinige ihn, baue ihn wieder zusammen, rede ihm gut zu. Doch ich kann meinen Gaskocher nicht wieder ins Leben flüstern. Ich kaufe einen neuen in Coyhaique, denn ohne Kocher, ohne warme Mahlzeiten, könnte ich auf dem Rad nicht überleben.

Von hinten kommt Natasha am nächsten Tag angeradelt. Hola. Hello. Hallo. Sie spricht Spanisch, Englisch und Deutsch. Kommt aus Bariloche. Hat 12 Jahre als Skilehrerin in der Schweiz gearbeitet. Zwei Kinder und einen guten Freund, der sich bereit erklärt hat, sie mit dem Fahrrad bis nach Calafate zu begleiten. Während es den Berg hinauf geht, quatschen wir. Über dies und jenes. So vertieft, dass wir den Berg hochfliegen, nicht mehr wahrnehmen, dass unsere Beine gerade arbeiten müssen. Während Natasha auf ihren Freund wartet, fahre ich weiter.

In Coyhaique finden wir uns wieder. Ich auf der Suche nach Wifi, die zwei mit einem Bier im Café. 5 Minuten später halte auch ich ein kaltes Rotes in den Händen. 30 Minuten später wanke ich zurück auf mein Fahrrad, als hätte ich gerade die Nacht durchgezecht. Es dreht sich, es hebt sich, ich brabble und stottere leichtzüngig die Menschen an. Weil Natasha und Tutuk mich zum Abendbrot eingeladen haben, entscheide ich mich gegen das Wildzelten und verbringe die Nacht auf dem Campingplatz. Am Abend gibt es eine große Fleischplatte, bis nichts mehr hineinpasst. Die Reste gib es am nächsten Tag zum Mittag.

Auf Baby-Po-glattem Apshalt radle ich zum Cerro Castillo. Das Wetter Glanz und Gloria, Welten von den eiskalten Regenschauern in Nordpatagonien entfernt. Der Schweiß läuft mir übers Gesicht. Die Landschaft ist so anders wie das Wetter. Grün ist braun gewichen, Regenwald Steppe. Erst im Nationalpark fühle ich mich wieder heimisch, in dem auf dichten Wäldern rot-pink-gelbe Bergspitzen thronen, von denen sich in der Sonne glitzernde Bäche ihren Weg ins Tal bahnen. Eigentlich sollen die Räder bis Puerto Ibanez durchlaufen. Doch ich bleibe mal wieder stehen. Im Augenwinkel habe ich eine Lichtung gesehen, zwischen Bäumen und Büschen, im Schutz eines Berges, fern der Straße. Ein Platz zum Verweilen, ein Platz, der mich gar nicht mehr loslassen will.

Rückenwind trägt mich bis nach Puerto Ibanez, die Fähre bis Chile Chico. Die Ausblicke vom höchsten Punkt des Carretera Australs rauben mir den Atem. Über ein Tal hinaus, durch das sich ein Fluss schlängelt, erstreckt sich Hügel um Hügel, zerfurcht von grünen Wäldern, die sich zwischen braunem Gefels wie Schlangen über die Bergketten ziehen. Die Wolken scheinen aus diesen Bergen heraus zu erwachsen, dicht gedrängt, unten dunkel, oben schneeweiß, dazwischen ein Vorhang, der auf Regenschauer schließen lässt. Ich blicke vielleicht nicht Hunderte aber Dutzende Kilometer weit. Das ist die Vielfalt der Carretera Austral, einmalig.

Es ist Nacht, als ich in Chile Chico nach einem wilden Ritt über den Lago Buenos Aires ankomme. Auf dem Weg zum Zeltplatz werde ich von Hunden verfolgt. Keine Seltenheit. Doch ich sehe nichts, die Hunde nerven mich, und zum ersten Mal brülle ich die kläffenden Nervesägen an: VERPISST EUCH! Ob es die fremde Sprache, die Lautstärke, oder der Ton ist? Völlig überraschend bleibt ihnen das Gekläff im Halse stecken, sie machen Sitz und schauen mich mit schrägen Köpfen an. Das hätte ich schon viele früher machen soll.

Über die Grenze geht es zurück nach Argentinien, zurück in die Steppe, in die trockene Ödnis der Ruta 40. Ich bin kurz davor umzudrehen, die graue Weite langweilt mich so sehr, dass ich Hörbuch höre. Ich will zurück zum Carretera Austral, doch die letzten Kilometer bis nach Villa O‘Higgins würden mich viel Zeit kosten. Hügeliger Schotterweg. Eine Fähre, auf die ich tagelang warten müsste. Ich muss aber von Ushaia noch zurückradeln und wenn ich nicht erfrieren will, muss ich mich sputen, der Herbst hat Patagonien längst fest im Griff.

Einen Blick zurück: Heute vor einem Jahr in Bangkok

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