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Luisa Rische

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Kapitel LX: Von Chile Chico nach Puerto Natales

In Südamerika, auf der Ruta 40 und der Ruta 7, sind so viele Radreisende unterwegs, dass es fast schon langweilig ist, dass ich nicht einmal mehr anhalte, sondern nur noch im Vorbeifahren ‚Hola‘ rufe. Trotz all der Reisenden, radle ich weiterhin allein, weil ich allein sein will, erst wieder mit mir klarkommen muss, bevor ich mich dem Rhythmus eines anderen anpassen kann. Dennoch sind es die Begegnungen, dir mir das Seil zuwerfen, aus meinem Motivationsloch wieder herauszuklettern.

Alle Bilder aus Süd-Patagonien

Wenn wir etwas dringend benötigen, taucht es am Straßenrand auf, sagt Heike. Das kann eine Leuchtweste sein, das kann ein Schutzdeckel für das Objektiv sein, das kann eine Packung mit frisch gebackenen Cookies sein, das kann eine Mütze, das können Handschuhe sein, das kann Uwe sein, der mich in sein Pizza-Restaurant einlädt, das können Menschen sein, die einem helfen, sich selbst besser zu verstehen, Menschen, die Gespräche, Essen und Betten mit einem teilen.

Für mich drehte sich das Leben auf dem Fahrrad immer mehr um das Fahrrad als um das Leben – das wird mir vor allem im Gespräch mit Heike klar: Ich bin gereist, wie ich früher gelebt habe, und das brennt einen früher oder später aus. Seitdem ich die Lust am Radeln irgendwo zwischen Chile und Argentinien verloren habe, was mich immer noch frustriert und ungeduldig macht, stehe ich vor der Herausforderung, das Leben auf dem Rad nach dem eigenen Wohlbefinden auszurichten, anstatt täglich voranzukommen. Was ich brauche, weiß ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht. Doch im Rückblick sind es die Begegnungen, die mir geholfen haben, weiterzufahren.

Es fing mit Katharina und Matthias an, die zwei Österreicher am Yelcho Gletscher, mit denen ich zum ersten Mal über mein Motivationsloch in meiner eigenen Sprache sprechen konnte, während wir Grießbrei aßen. Dann kam Heike, mit der ich zwei Tage über Krisen, Höhepunkte, die Essenz des Radelns sprach, Natasha, die mich nicht nur zu einer übergroßen Fleischplatte, sondern auch zu sich nach Hause in Bariloche eingeladen hat. Und es hört mit Natasha nicht auf.

Der Sturm hält mich in Bajo Caracoles fest. Die Nacht davor habe ich an den roten Felsen verbracht. Ich hatte mein Zelt bereits auf dem Parkplatz aufgeschlagen, als Freiwillige des Nationalparks vorbeikamen und mir erklärten, der Parkplatz sei zu unsicher, aber ich könne mein Lager am Informationszentrum, 4 Kilometer weiter in den Nationalpark hinein, aufschlagen. Dort schlief ich nicht nur sicher und windgeschützt, sondern hatte Zugang zu Toilette, Strom, WiFi und Wasser. Der Nationalpark sei Teil eines Projekts, die geschützten Flächen in Argentinien auszuweiten und mit den chilenischen Nationalparks zu verbinden, erklärte mir Luca.

Zunächst mit Rückenwind brach ich am nächsten Morgen auf, durch die öde Weite des argentinischen Patagoniens. Eine Mittagspause später hatte der Wind gedreht, blies mir bremsend ins Gesicht statt schiebend gegen den Rücken. Mit schweren Beinen kam ich in der 12-Seelen-Oase Bajo Caracoles an, in der die Touristen täglich die Einwohner outnumbern, denn es ist die einzige Tankstelle, der einzige Shop zwischen Perito Moreno – 160 Kilometer entfernt – und Gobernador Gregores – 230 Kilometer entfernt. Es gibt ein teures Hotel, dass die Reisenden ausnimmt, eine Krankenstation, eine Schule für vier Kinder, einen Zeltplatz im Hinterhof eines ständig pfeifenden Einwohners und einen freien Zeltplatz, der von Juan Carlos, der Krankenschwester, angeboten wird.

Ich bin die erste, die sich auf dem kostenfreien Schlafplatz einrichtet, doch wenige Minuten später kommen zwei Schweizer mit Thurgauer Kennzeichen und zwei Engländer mit Fahrrädern an. Alle auf dem Weg nach Süden. Während es am Abend drückend warm und windstill ist, fallen die Temperaturen am frühen Morgen, als der Wind wieder aufkommt, ins Bodenlose. Der Wind hat einen Rhythmus, fast überall auf der Welt, er steigert sich über den Tag hinweg, schläft ein in der Nacht. Heute ist alles anders. Schon vor Sonnenaufgang biegen sich die Bäume, Fensterläden schlagen wild durcheinander, dichte Staubwolken liegen in der Luft.

Ich will weiter. Bin schon am Packen. Doch der Sturm kennt keine Rücksicht, bläst seitlich von vorne. Ich verbringe den Tag mit John und Fern, während immer mehr Motorräder und Camparvans in Bajo Caracoles landen. Nicht der Sturm hat sie in das Nest geweht, sondern der leere Tank, doch Bajo Caracoles bekommt erst in zwei Tagen wieder Benzin. So sitzen wir alle fest. Während die einen ein Vermögen für das Hotel ausgeben, hocken John, Fern und ich, Tee trinkend, im Haus am kostenfreien Campingplatz. Oder in der Krankenstation, in der wir das Wifi nutzen können.

Die zwei reisen seit einem Jahr, sind in Wales gestartet, über die Seidenstraße gefahren und nach Neuseeland geflogen. In Südamerika sind sie in Buenos Aires gestartet. Wir tauschen uns aus, über die Dinge, die wir am Straßenrand gefunden haben, über kuriose Unfälle, über unseren Rhythmus auf dem Fahrrad, über unsere Abneigung gegenüber Neuseeland, darüber, wie wir nackt durch billige Hotels in China getanzt sind. John ist der erste Radler, den ich treffe, der meine Leidenschaft teilt, vor dem Sonnenaufgang aufzustehen, in den Sonnenaufgang zu radeln.

Am nächsten Morgen entscheide ich mich, noch einen Tag zu bleiben, weil ich eine Unterkunft, ein Dach, einen Wasserkocher, eine Heizung, Internet und Strom habe. Für Umme. Luxus für mich. Während John und Fern weiterreisen, per Anhalter nach Gobernador Gregores. Ich kehre in die Krankenstation zum Arbeiten zurück, in der mich Juan Carlos nicht nur zum Mittag, sondern auch zum Abendbrot einlädt, Nudelsuppe, selbstgebackenes Brot, Fleisch, Bier und Limonade. Den Abend verbringe ich mit zwei tschechischen Rucksackreisenden. Am nächsten Morgen hängt ein totes, gehäutetes Tier in unserer Hütte, mit einem Draht an der Ablage aufgehängt, auf dem der Wasserkocher steht. Würg.

Es geht weiter. Ebenfalls per Anhalter. Eigentlich wollte ich diese Option erst auf dem Rückweg nutzen, doch John und Fern haben mich für die Idee so begeistert, und die Landschaft ist so öde, dass ich den Daumen hochhalte. Es sind nicht viele Menschen unterwegs, im Schnitt kommt alle zehn Minuten ein Auto oder Laster vorbei, weshalb es eine Weil dauert. Eigentlich halten gleich die ersten zwei Autos an, doch sie haben nicht genug Platz. Dann kommen Caesar und Nicolas angerast. Viel Platz haben auch sie nicht. Doch mit vereinten Kräfte quetschen wir Anton auf Rückbank und Kofferraum.

Ich habe mir nicht überlegt, wohin ich eigentlich will, denn es gibt nur eine Straße nach Süden. Die zwei sind auf dem Weg nach Torres del Paine zu ihrem jüngsten Bruder. Ich entscheide mich spontan, den ganzen Weg mitzufahren, weil, ja weil… weil es sich gut anfühlt, weil es eigentlich völlig egal. In Calafate will ich auf dem Rückweg halten. Nicolas spricht ein bisschen Englisch, Ceasar weniger, ich ein bisschen Spanisch. Es reicht, um uns unterhalten zu können. Sie kommen aus San Vicente und wollen das Auto zu ihrem Bruder bringen, der Führer im Torres del Paine ist, und mit dem Auto am Saisonende über den Carretera Austral zurück nach San Vicente fahren will.

Mitten in der Nacht landen wir in Puerto Natales. Robinson wohnt am Rande der Stadt, Nicolas und Caesar verfahren sich ständig, diskutieren übers Abbiegen, Nicolas soll eigentlich navigieren, doch das vergisst er immer wieder, sodass wir, ziellos durch die Stadt irrend, nur stockend zu deren Ränder vorstoßen. Der kleine Bruder ist der Klischee-Kleine-Gute-Laune-Bruder, mit dem alle befreundet sind, mit dem alle befreundet sein wollen, gut aussehend, aufgedreht, intelligent, mit der nötigen Portion Glück und Abenteuergeist ausgestattet. Als wir vorfahren springt die Schattengestalt wie ein Flummi hoch und runter, springt aufs Auto, bringt es zum Wackeln, ruft, schreit und singt.

Ich kann mit bei Robinson schlafen und muss nicht noch mitten in den Nacht einen Schlafplatz finden. Doch zuvor fahren wir in die Stadt zum Pizza-Essen, Nicolas am Steuer. Es ist 23 Uhr. Ich im Geiste schon im Land der Träume. Pizza, Crêpes, Pasta, Bier, Torres del Paine. Robinson fragt mich, was ich morgen mache, ob ich zum Torres del Paine fahre. Ich schüttle meinen Kopf, erkläre ihm, dass der Eintrittspreis zu hoch für mich sei. Er fragt mich, was wäre, wenn er deshalb was machen könne, sodass ich umsonst reinkomme. Dann würde ich natürlich zum Torres del Paine fahren. Am nächsten Morgen sitze ich wieder mit Caesar und Nicolas im Auto, auf dem Weg in den Torres del Paine. Spanische Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Robinson ist bereits im Park, er führt um 9 Uhr eine Gruppe hinauf zum Aussichtspunkt. Wir starten um 10.

Während Caesar und Nico die ersten Kilometer hochrasen, nehme ich das Tempo raus. Es geht 8 Kilometer berghoch, danach 8 Kilometer wieder hinunter. Wir sind nicht die einzigen. Es ist Torres del Paine. Es sind so viele Wanderer unterwegs, dass ich mich frage, ob wir in der Saison überhaupt einen Fuß vor den anderen hätten setzen können. Reiter kreuzen unseren Weg. Dann geht es weiter, steil berghoch, bis sich ein weites Tal vor uns eröffnet. Wir wandern durch Wälder, an einem Fluss vorbei, hoch runter, vor uns und hinter uns sind Wanderer, wir werden überholt und überholen. Die Sonne scheint, ich schwitze in meinem Zweibellook, entblättere mich.

Mehr als 4 Stunden dauert der Aufstieg, Nicolas übt Englisch, ich Spanisch, wir unterrichten uns gegenseitig und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als wir den letzten Steinfelsen überwinden, und sich die die drei Türme des blauen Himmels vor uns erstrecken, hinausragen über die trübe Lagune. Ein Condor kreist über uns. Robinson und seine Gruppe haben wir eingeholt, der jüngste Bruder stößt zum Lunch an der Lagune zu uns dazu. Dann geht es wieder hinunter, Schritt und Schritt, meine Beine zittern, der Abstieg nimmt kein Ende.

Als es wieder flach ist, folge ich neugierig den Augen zweier Wanderer, die einen Hügel hinaufstarren und hitzig diskutieren. Ein löwenartiges Tier dreht sich gerade in die Büsche weg. Ein Löwe? Das kann ja nicht sein… Ein Puma, erklären die Wanderer. Natascha hatte mir erzählt, dass es Pumas in Patagonien gibt, weshalb ich die nächste Nacht allein im dunklen Wald nicht schlafen konnte. Ich erkenne den Puma erst einmal nicht, weil ich dem Trugschluss erliege, dass Baghira ein Puma war, und der war ja schwarz und nicht braun. Aber Baghira war ein Panther, was mir erst Wochen später auf dem Fahrrad klar wird. Trotzdem bin ich aufgeregt, einen Blick auf einen wilden Puma erhascht zu haben, und auf der Rückfahrt entdecken wir noch einen zweiten.

Meine Beine sind Wackelpudding, meine Augen hinter meinen schweren Augenlidern nicht mehr zu sehen. Doch der Tag ist noch nicht zu Ende. Nach und nach trudeln Freunde bei Robinson ein, das Bier fließt, ein Joint macht die Runde, der mir endgültig den Knock-out verpasst. Weil alle im Wohnzimmer sind, wo mein Schlafplatz wäre, versuche ich vergeblich gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Der große Bruder hat Mitleid, bringt mich in eines der Zimmer mit Betten und zeigt mir, wo ich schlafen kann. Zwei Sekunden später bin ich so tief im Land der Träume versunken, dass ich von der rauschenden Party nichts mitbekomme. Am nächsten Morgen, als ich auf Toilette gehe, entdecke ich, dass Nicolas auf dem Sofa schlafen musste. Die Beine auf der Lehne, der Kopf angewinkelt, eine Jacke als Decke in dem kalten Haus. Schlechtes Gewissen.

„You are one lucky traveller, so you must do something right“, sagt mir Robinson zum Abschied. Ich bin mir nicht sicher über Letzteres, aber ich weiß, wie viel Glück ich in den vergangenen Wochen hatte. Wenn du etwas wirklich benötigst, dann taucht es am Straßenrand auf, schwirren mir Heikes Worte durch meinen Kopf. Nachdem ich gegen eine Wand gerast bin, habe ich so viele Menschen getroffen, die mir geholfen haben, nicht zu mir zurückzufinden, sondern mehr ein neues Ich in mir zu entdecken, mich als Radlerin, Reisende und Mensch weiterzuentwickeln, mich zu verändern, einen anderen Rhythmus zu finden, der es mir erlaubt, weiterzureisen, weiter zu entdecken, weiter zu begegnen, weiter die Grenzenlosigkeit des Sich-Treiben-lassens zu genießen.

Am ersten Abend in Puerto Natales fragte mich Robinson, ob es nicht gegen die Regeln sei, zu trampen. Anstatt ihm zu erklären, dass ich gerade keine Lust auf Radeln habe, dass die Landschaft mich angeödet hat, dass mir das Essen ausging, dass der Wind zu stark war, sage ich nur: „Auf so einer Reise gibt es keine Regeln.“

Einen Blick zurück: Heute vor einem Jahr

One comment on “Eine Lektion darüber, warum eine Reise weder Pläne noch Regeln kennt

  1. hey, Luisa, so toll geschrieben, (ok, ein adjektiv :-))
    Dreimal habe ich diesen Blogeintrag gelesen, und ich werde ihn noch mehrere Male lesen..

    Und so auf den Punkt gebracht:“ Auf dieser Reise gibt es keine Regeln.“
    Ja, so einfach.
    Obwohl, ich finde, eine Regel gibt es, aber nur eine:“ Sieh zu, dass es dir gut geht.“

    Dir frohe Ostern und alles Gute
    HEike

    Liken

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