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Kapitel LXI: Von Puerto Natales nach Ushuaia

Die Erde ist eine Kugel? So ein Hokuspokus! Die Erde hat ein Ende, sogar zwei. Eines im Norden und eines im Süden. Doch die letzten Tage zum zweiten Ende der Welt sind gnadenlos.

Alle Bilder aus Süd-Patagonien

Einen Tag nach Puerto Natales bin ich erkältet. Ich fühle mich gut, deshalb fahre ich weiter. Nicht meine glorreichste Entscheidung, wie sich später zeigen wird. Doch der Winter macht mir ernsthaft Panik. Einen Steinwurf von der Antarktis entfernt ist diese Jahreszeit echt kein Witz mehr. Auf dem Weg in den Süden ist der Wind an den meisten Tagen auf meiner Seite, und am Straßenrand stehen Dutzende Schutzhütten, die zumindest für ruhige Nächte, manchmal sogar für warme Nächte sorgen. Tatsächlich habe ich das Gefühl, in der dritten Nacht nach Puerto Natales, in einer Hütte mit Ofen, der die ganze Nacht für heiße Temperaturen sorgt, meine Erkältung einfach auszuschwitzen. Fast.

Ich treffe weiterhin täglich andere Radreisende, was das Erlebnis Patagonien fast langweilig macht. Es ist nicht mehr viel Abenteuer, wenn Hunderte andere Bikepacker auf den gleichen Straßen unterwegs sind wie du. Aber diese Präsenz sorgt immer wieder für lustige Situationen, denn in Patagonien sehen sich Radler immer mindestens zweimal. Als ich an der besagten Hütte mein Nachtlager aufschlug, hatte ich nicht genug Wasser. Ich fragte zwei Irinnen, von hinten kommend, ob sie bis ins nächste Dorf weiterfahren, und mir ihr Wasser geben könnten. Zwei Wochen später treffe ich Rojin und Catherine in der Panaderia La Union wieder.

Mein täglicher Rhythmus auf dem Fahrrad hat sich zum ersten Mal auf dieser Reise wesentlich verändert, eine Leistungskurve, die sonst meine Tage bestimmt hat – morgens Hulk, nachmittags Garfield, abends Hulk Junior – gibt es nicht mehr, weil ich gar nicht mehr so viel Energie aufwende, dass ich mitten am Tag in ein Leistungsloch fallen könnte. Ich bin nie wirklich auf Leistung gefahren, außer in den ersten Wochen, aber mittlerweile ist wirklich alles abgeschaltet, was mich einst vorangetrieben hat. Ich starte irgendwann, ich stoppe irgendwann. Wenn der Gegenwind zu anstrengend ist, halte ich. Nichts treibt mich. Ja, der Winter, zugegeben, aber ich habe mich längst mit dem Gedanken angefreundet, noch ein-, zweimal den Daumen hochzuhalten auf den Weg in den Norden.

Derweil nehmen die Opfer immer weiter zu. Nachdem sich mein Kocher verabschiedet hatte, den ich durch ein billiges Gestell aus China ersetzt habe – mal sehen wie lange der hält, vielleicht überrascht er mich ja -, muss ich auch meine in Fetzen gerissenen Handschuhe entsorgen – und ich fahre wirklich nicht gern ohne Handschuhe; die Löcher in meiner langen Unterwäsche werden von Tag zu Tag größer; das Zelt, fast so zerfetzt wie die Handschuhe, hält mich nur noch dank Ductape trocken; die Ritzel sind so ausgezerrt, dass Ketten nicht mehr lange durchhalten; die Löcher in meinen Taschen lassen sich mit Ductape leider nicht reparieren; und der Sattel? – vielleicht muss ich bald im Stehen fahren.

Apropos stehend radeln: Nach der Wanderung in Torres del Paine habe ich so schlimme Muskelkater, dass ich gar nicht mehr aus dem Sattel hochkomme und auf dem Weg nach Punta Arenas Druckstellen am Po nicht vermeiden kann. Die Fähre bringt mich nach Feuerland, unter Radlern auch als Sturmland bekannt, denn der Wind schweigt nie, gibt nie nach, macht keine Pause und pustet manchmal so stark, dass ich nicht einmal mehr treten muss, oder eben absteigen muss. So lange mein Kompass südlich zeigt, trifft eher Ersteres zu.

Mein Weg führt mich über Schotterwege an der Küste entlang zum Park der Königspinguine. Ich werfe zumindest einen Blick auf die Eintrittspreise, doch die verderben mir mal wieder den Spaß. Ich fahre noch zwei Kilometer weiter zu einer Schutzhütte, denn zwischen den feuerländischen Winden ist Übernachten im Zelt in der baumlosen Ebene nicht möglich. Die Schutzhütte ist bereits besetzt, ein alter Chilene, grauer Bart, löchrige Kleidung, arbeitslos, scheint sich für den Winter in der Hütte eingerichtet zu haben. Ich ziehe iOverlander zur Rate, die App verrät mir, dass es hinter dem nächsten Hügel eine geschützte Stelle zum Zelten gibt.

Während ich bereits im Nachtmodus bin, höre ich Geräusche. Eine zweite Radlerin, die, genau wie ich, erst zur Hütte fuhr, und dann ebenfalls iOverlander befragte. Spieglein, Spieglein an der Wand, wo ist der nächste Zeltplatz in diesem Land? Kuan aus Malaysia, die von SK in Singapur (Tree in Lodge Hostel) auf ihr Abenteuer vorbereitet wurde, ist gerade erst auf ihre erste Fahrradreise gestartet, von Ushaia aus soll es in den Norden gehen. Sie ist völlig überpackt, weiß nicht so richtig, wie sie ihr Zelt zum Stehen bringen soll, und ist sowieso noch völlig verplant. Ich helfe ihr mit allem, und sie ist so begeistert, eine zweite Radlerin zu treffen, dass sie mich am nächsten Morgen mit zu den Pinguinen nimmt.

Über die dürren Ebenen geht es weiter nach Süden, erst gegen den Sturm, dann mit dem Sturm. Am Straßenrand tummeln sich die Guanacos wie die Schafe in Neuseeland. Schlauer sind die südamerikanischen Tiere übrigens auch nicht. Verängstigt springen sie über die Zäune, sobald ich auftauche. Immer wieder sehe ich Skelette an den Zäunen hängen: Guanacos, die es nicht geschafft haben, Beine auf der einen, Kopf auf der anderen Seite das Zauns. Was für eine furchtbare Art zu sterben. Einmal bleibt sogar ein lebendes Guanaco im Zaun hängen, als ich vorbeiradle. Ich bin gerade dabei vom Rad zu springen, um dem Tier zu helfen, als es sich doch selbst aus seiner misslichen Lage befreien kann.

Auf Feuerland gibt es nicht viel, deshalb halte ich immer wieder an den Estancias an, wo ich Wasser, Brot und manchmal eine Hütte für die Nacht bekomme. Auch an der Grenze frage ich nach Brot und werde stattdessen zum Mittagessen in eine der Hütten eingeladen, in denen die Grenzbeamten leben. Die Gastfreundschaft scheint mal wieder grenzenlos. Das zeigt sich auch am Rio Ewan Sur, wo ich zum Grillen eingeladen werde, und in Tolhuin, wo die Bäckerei La Union Anlaufstelle für die Radler dieser Welt ist. Im Lager hat der Chef nicht nur einen Raum anbauen lassen, in dem Radler schlafen können, auch der Keller steht uns zur Verfügung. Denn oft sind es so viele Abenteurer auf zwei Rädern, dass die drei Betten in dem Raum nicht ausreichen.

Als ich in der Bäckerei schlafe, sind wir acht. Unter anderem die zwei Irinnen und Chris, der fast zwei Wochen lang mit Peter geradelt ist, den ich in Puyuhuapi getroffen hatte und in Ushuaia wiedersehe. Chris und ich starten am nächsten Morgen gemeinsam, doch der Bikepacker ist zu schnell für mich. Während er zum Ende der Straße fährt, fahre ich zu einer verlassenen Hütte am Lago Escondido, die durch Mund-zu-Mund-Propaganda als Casa de Ciclistas Berühmtheit unter allen Drahtesel-Abenteurern erlangt hat. Ein spanischer Radler stößt am Abend dazu, den ich ebenfalls in der Bäckerei kennengelernt habe. Doch die Kommunikation hält sich in Grenzen – ich bin schuld.

An diesem Abend zeigt sich, dass ich meine Erkältung besser nicht ignoriert hätte, vielleicht ist es auch eine Lebensmittelvergiftung, wer weiß das schon, aber Magen-Darm schlägt mal wieder mit brutaler Härte zu. Ich komme nach einer üblen Nacht am nächsten Morgen kaum aus meinem Schlafsack. Als am frühen Vormittag eine Polizeikontrolle auftaucht, die nichts macht, außer Personalien zu notieren, muss ich mich hinsetzen, um nicht umzukippen. Währenddessen lächle ich mühsam weiter, unterhalte mich mit den beiden, die mir aufgeregt Videos und Bilder auf ihren Handys zeigen, und möchte mich doch nur wieder in meinen Schlafsack verkriechen, der völlig ausgekühlt es, als die zwei wieder gehen. In der Nacht hat es geschneit.

Der letzte Tag nach Ushuaia ist eine Tortur. Ich sollte im Bett bleiben, aber ich habe ja kein Bett, nur Seewasser, null Grad, und nicht genug zu essen, nicht dass ich etwas essen könnte. Ich gehe es langsam an auf dem Fahrrad, schaffe es den ersten Berg hinauf und auch den zweiten, irgendwie. Doch nach dem Pass ist das Wetter antarktisch. Aus dem dichten Regen wird Schnee. Berghoch falle ich fast vom Rad, weil der Körper fix und fertig ist, bergrunter falle ich fast vom Rad, weil es so eisig ist, dass ich jedes Gefühl in meinen Extremitäten verliere. Auf der letzten Abfahrt bläst mir der Wind das dichte Schneetreiben ins Gesicht, tausend Nadelstiche, und ich sehe nichts mehr.

In Ushuaia fahre ich direkt zu meinem Warmshowers-Host Diego. Die heiße Dusche fällt kurz aus, denn heiß Duschen verbraucht zu viel Strom und Gas, und der Winter hat gerade erst begonnen. Mein Magen ist auch noch angeschlagen. Doch es ist Diegos Geburtstag, die ganze Familie kommt am Abend. Um 23 Uhr gibt es Tacos und Kuchen, sonst schlafe ich um diese Zeit schon. Und alle reden sie auf mich ein. Die nächsten Tage verbringe ich im Bett, ich habe ja eins, sogar einen eigenen Raum. Und WiFi zum Netflixen.

Nach drei oder vier Tagen fahre ich weiter zu Maria, mit der ich schon seit einer Weile in Kontakt bin, weil Heike, Katharina und Matthias mir von ihr erzählt hatten, und mir nahelegten, sie zu besuchen. Gesagt, getan. Auf dem Weg am Hafen entlang halte ich dann auch für das obligatorische Foto und habe mittlerweile wieder genug Kraft zu begreifen, was ich geschafft habe. Ushuaia ist das südlichste Ende der Welt, das mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Ich weiß nicht, ob das Nordkapp das Nördlichste ist, aber zumindest das Nördlichste in Europa. Das heißt: Ich bin vom einem Ende der Welt zum anderen Ende der Welt geradelt.

Einen Blick zurück: Heute vor einem Jahr

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