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Luisa Rische

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Fast vergessen

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Kapitel LXIV: Von Perito Moreno in die Salar de Uyuni

Lang ist‘s her, dass ich euch von meiner Reise berichtet habe. Ich bin weder entführt, noch ins Gefängnis gesteckt worden. Ich brauchte Abstand. Von meinem Fahrrad und davon, alles digital zu dokumentieren. Detox auf allen Ebenen sozusagen, außer bei der Ernährung. Die Pause hat geholfen. Die Krise ist überwunden. Es rollt sich so leicht wie schon lange nicht mehr – und das auf 4000 Metern über Meeresspiegel.

Mein Weg nach Bolivien: alle Bilder

Es ist kalt. Bitterkalt. Zähneklappernd-kalt. Gefühllose-Zehen-kalt. Ich liege in meinem Zelt – das aufgrund einer spielfreudigen Katze noch drei Löcher dazugewonnen hat – in meinem Schlafsack, in meinem Schlafsack-Fleece-Inlet, versteckt unter einem Kapuzenpullover, eingewickelt in zwei Schichten Merino-Wolle. Über das Fußende meines Schlafsacks habe ich meine Daunen-Weste und Regenjacke gestülpt. Ich muss mal. Ich will nicht. Wenn ich aufstehe, wird mir danach nie wieder warm. Ich halte an. Bis die Sonne aufgeht, Licht und wohlige Wärme ins Zelt bringt.

Neben mir liegt Heike, eingewickelt in noch mehr Schichten, mit Mütze und Handschuhen, in ihrem superdicken Daunenschlafsack, der das halbe Zelt ausfüllt. In diesem Daunen-Monster würde ich jetzt auch gern schlummern, denke ich. Doch auch Heike hat in der Nacht gefroren. Denn die Kälte kommt nicht aus der Luft, sondern dringt aus dem Boden durch unsere Isomatten in unsere Schlafsäcke. Ich schlüpfe aus all meinen Schichten, öffne atemlos das Zelt, um mich nach Stunden endlich zu erleichtern. Alles ist weiß. Mein kondensierender Atem verschwindet vor dem weißen Ozean, der bis zum Horizont und darüber hinaus reicht.

Es sieht aus wie Schnee und Eis, es fühlt sich an wie Schnee und Eis, es ist kalt wie Schnee und Eis. Es ist kein Schnee und Eis. Es ist Salz, unter den Füßen knirschendes Salz, dessen Kruste von einem Bienenwaben-Muster durchzogen ist. Ich bin in der Salar de Uyuni auf 3600 Metern angekommen, zusammen mit Heike aus Deutschland, Raphael aus Frankreich und Suwanna aus Thailand. Ich bin zurück auf meinen zwei Rädern, die endlich wieder die Welt für mich bedeuten. Mit freiem Kopf. Mit leichten Beinen. Alle Zweifel sind verschwunden. Freiheit. Abenteuer. Die Reise kann weitergehen.

Ich fahre Fahrrad, seit ich Denken kann. Meine frühestens Erinnerungen drehen sich um das Zweirad: wie ich zum ersten Mal – noch vor meinem dritten Geburtstag – ohne Stützräder fuhr, wie ich den Hügel im Garten meiner Großeltern hinunterschoss – nicht dass es viel zu schießen gab auf zwei Metern Höhenunterschied -, wie meine Eltern mich auf den Dachboden in der Westhoffstraße führten, wo sie ein rot-glitzerndes BMX versteckt hatten, auf dem ich lernte, freihändig und auf dem Hinterrad zu fahren. Fahrräder waren nicht immer meine Welt, aber immer schon ein Teil meiner Welt.

Doch in den vergangenen Monaten hatte ich meinen besten Freund verloren. Wie Autoren Schreibblockaden haben, jagte ich der Freude hinterher, die mich fast 30.000 Kilometer um die Welt auf meinem Fahrrad begleitet hatte. Das Fahrradfahren machte mir nicht nur keinen Spaß mehr, mir fehlte einfach der Glaube. Immer wieder dachte ich an Norwegen, Finnland und China zurück, als ich jeden Tag 100 Kilometer geradelt war. Wie hatte ich das geschafft? Selbst in Kambodscha, als ich tagelang nicht gefahren und völlig untrainiert war, fuhr ich an einem Tag 160 Kilometer, wenige Tage danach 180 Kilometer. In Patagonien jedoch schienen mir 80 Kilometer eine Welt entfernt zu sein. Du wirst halt auch nicht jünger“, kommentierte Heike, als ich ihr in Calama von meinen Zweifeln erzählte.

Die letzten Tage in Patagonien waren nicht weniger hart als die ersten. Ich träumte vom Essen und von Essen. Die Kälte. Der Wind. Schnee und Regen. Wie müde ich war, erkannte ich erst, als ich auf der Rückbank im Geländewagen von Daniel und Frederico saß, die mich den ganzen Weg bis nach Puerto Montt mitnahmen. Jeweils eine Woche blieb ich am Lago Llanquihue bei Marian, Rodrigo und Violeta sowie in Bariloche bei Natascha und ihrer Familie. Mit einem Bett und Selbstgekochtem. Gesprächen und Wärme. Pause, die das Heimweh nur noch schürte. Doch ich blieb dickköpfig.

In Osorno traf ich Kuan wieder, zusammen fuhren wir mit dem Bus nach Santiago, wo ich zunächst bei Tuty und danach bei Javiera unterkam. Tuty hatte ich am Anfang meiner Reise durch Südamerika am Strand von Ventanas kennengelernt, Javiera ist Warmshowers-Gastgeberin und beherbergte zur gleichen Zeit Kuan. Als ich meine Gelbfieberimpfung erhalten hatte, fuhr ich nach zwei Wochen in Santiago weiter. Mit dem Bus nach Viña Del Mar, mit dem Fahrrad nach Los Vilos. Die ersten Tage auf dem Rad waren nicht leicht. Nach einem Monat im Stillstand, schlief ich jede Nacht fast 12 Stunden, um mich von der Anstrengung zu erholen. Ich ließ mir Zeit und nahm noch einmal den Bus nach Taltal.

Ich radelte am Meer entlang und durch die Wüste nach Calama, wo ich Heike nach vier Monaten wiedertraf. Zusammen verließen wir Chile, das sich mit einer Laola-Welle der Gastfreundschaft verabschiedete. Die erste Nacht schliefen wir im Gasthaus der Gemeinde von Chiu-Chiu, das an ein französisches Provence-Dorf erinnert und die älteste Kirche Chiles beherbergt. Die zweite Nacht hielten wir in der Station San Pedro, um unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Ein Arbeiter der Eisenbahngesellschaft setzte all seine Überredungskünste ein, um Heike zu überzeugen, die Nacht in einem der Schlafräume zu verbringen. Mich hatte er schon beim „Hola“ überzeugt. Wir hatten nicht nur ein warmes Bett für die Nacht, sondern auch Tee, Thunfisch-Sandwiches, Reis mit chilenischem Curry und Marmeladen-Sandwiches zum Frühstück, bevor wir weiter die Anden hochradelten.

Die dritte Nacht verbrachten wir zusammen mit Marco und Xenia, die ich im Februar in Argentinien getroffen hatte – und deren Katze mein Zelt weiter zerstörte -, bei den Carabiñeros in Ascotan auf fast 4000 Metern Höhe. Die Einladung zum Abendbrot schlug ich aus. Unfreiwillig. Die Höhe hatte mir so den Kopf verdreht, dass ich nichts mehr essen konnte. Mit angeschwollenen und blut-unterlaufenen Augen versicherte ich einem Polizisten am nächsten Morgen dreimal, dass es mir gutginge. Heike und ich schalteten zwei Gänge runter. Höher mussten wir erst einmal nicht mehr.

Wir radelten 30 Kilometer, um gefrorene Salzseen herum, auf denen sich die Flamingos spiegelten, und an steinernen Fröschen vorbei, bis Cebollar, wo uns das nächste Hotel erwartete. Beheizter Schlafsaal, Betten und Decken, heiße Dusche, Toiletten und Essen (ich weiß, ich rede viel vom Essen, aber es ist nun einmal eines der essenziellen Dinge auf Fahrradtouren): Bananen, Äpfel und Orangen am Nachmittag, ein deutsch angehauchtes Abendbrot mit Kartoffelbrei mit chilenischem Gulasch, Käse-Brötchen und Spiegeleier zum Frühstück.

Nach einer bitterkalten Nacht in der Grenzstadt Ollagüe schlossen wir uns an der bolivianischen Grenze Raphael und Suwanna aus Frankreich und Thailand an, um gemeinsam nach Uyuni zu radeln. Nach drei Tagen auf der Altiplano bereitete mir die Höhe keine Probleme und kein atemloses Schweigen mehr. Ich hatte den Kopf endlich wieder für meine spektakuläre Umgebung frei. Auf der zentralen Hochebene der Anden liegt Salzsee an Salzsee, umgeben von Bergen, deren Oberfläche Gelb-, Rot- und Brauntöne wie in einem Regenbogen verbindet. An den Rändern der Salzkrusten bauen die Bolivianer, die sich unter Hüten und hinter Tüchern vor der Sonne verstecken, Quinoa an.

Raphael und Suwanna entschleunigten uns. Wir schliefen in einem leerstehenden Bahnhof, in einer Herberge der Gemeinde San Juan, die von Aida und Alberto betreut wird, die sich am Abend zu uns setzten, und in einem leeren Raum der Gemeinde Colcha K, bevor wir uns gemeinsam in die weiße Salzwüste stürzten, die Salar de Uyuni. Die ersten Meter auf dem weißen Ozean fühlten sich eigenartig an. Obwohl mir klar war, dass ich auf Salz radelte, sagten mir meine Augen etwas anderes. Ich erwartete, auf Eis abzubiegen, ich erwartete, wegzurutschen. Doch nichts geschah. Ich hob den Blick. Auf die unendliche Salzwüste, ohne Schutz, der nächtlichen Kälte gnadenlos ausgeliefert.

Über die Salzwüste nach Uyuni: alle Bilder

2 comments on “Befreiung in Bolivien: Es rollt wieder

  1. urselbine sagt:

    Wie schön, wieder von dir zu hören!!!! Freue mich, dass es dir gut geht, soll so bleiben! Liebe Grüße von Urselbine

    Gefällt 1 Person

  2. Tino Salzwedel sagt:

    Hallo Luisa. Schön mal wieder etwas von Dir zu lesen 😁.
    Wir haben übrigens gemeinsame Bekannte 😄
    Familie Schneider, mit Marie (die nicht weiter kenne) und ihrem „kleinen“ Bruder Max Michel, der bei mir im Verein Tischtennis gespielt hat, und Ute Ulmia.
    LG Tino

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