search instagram arrow-down
Luisa Rische

Translator

Instagram

Schenke mir eine Nacht im Hostel

Dir gefällt, was ich mache? Dann überlege doch, mich zu unterstützen. Nach Wochen im Sattel, im Zelt hilft mir eine Nacht im Hostel mit Dusche und Küche, neue Kräfte zu sammeln.

€10,00

Fast vergessen

Follow Mein Fahrrad, die Welt und ich on WordPress.com

Kapitel LXVII: Von Cochabamba nach Laja

Glück und Unglück treffen auf dem Weg nach La Paz zusammen. Platten und Krankheiten plagen uns, während wir Unterschlupf in Kirchen und frisches Obst auf der Straße entdecken.

Von Sucre nach Laja: Bilder aus Bolivien

Nachdem Antonin sein Hinterrad wieder eingesetzt hat, drehe ich mich zur Straße um und verfolge einen Kleinlastwagen, der um die Kurve rast und einen Teil seiner Ladung an die Fliehkräften verliert: Ein oranger Sack purzelt aus dem Anhänger, fällt auf die Straße und rutscht in den Graben. Kugelrunde Orangen rollen über die Straße. „Oranges, oranges, oranges“, kreische ich im Sopran über die Straße, „Oranges, oranges, oranges.“ Doglife. Antonin dreht sich verwirrt um. Er hat nicht mitbekommen, was passiert ist, er hat nicht gesehen, wie der Lastwagen seine wertvolle Ware verloren hat. Wir laufen zum Straßengraben, immer noch ungläubig staunend, sammeln die Orangen auf der Straße vor den Augen der vielen Autofahrer ein. Doch 50 Kilogramm sind schon ein Kraftakt, schließlich tragen wir dieses Gewicht bereits auf unseren Rädern. Ich nehme die Charango und die Bananen, die wir zuvor ebenfalls am Straßenrand entdeckt haben, Antonin schnallt den Sack auf sein Fahrrad. Auf der nächsten Brücke entdecken wir noch eine Ananas. „After something bad happened, something good happens“, erklärt Antonin. Er spielt auf die drei Platten an, die wir ebenfalls an diesem Tag hatten. Am Fuße der nächsten Steigung schlagen wir unsere Zelte auf und pressen Orangensaft.

Cochabamba liegt hinter uns, La Paz vor uns. Wir folgen dem Highway zur höchstgelegenen Hauptstadt der Welt, denn im Gebirge sind Regen, Sturm und Gewitter für die ganze Woche angesagt. Doch selbst auf dem Highway kommen wir ins Stocken. In der zweiten Nacht höre ich, wie Antonin schwerfällig stöhnt und minutenlang verschwunden ist. Weil ich selbst so müde bin, bin ich am nächsten Morgen nicht sicher, ob ich geträumt habe oder wach war. Als Antonin sich neben mir stöhnend aufrichtet und vor Schmerzen krümmt, ist mir klar, ich war wach. Antonin hat Krämpfe und die Scheißerei. Nicht verwunderlich. Wir trinken das bolivianische Leitungswasser, seitdem wir im Land sind. Antonin will allerdings weiterfahren. Weiter berghoch.

Ich muss mich nicht besonders anstrengen, da ist Antonin bereits hinter mir verschwunden. Ihm fehlt die Kraft, doch er will weiter. Also fahren wir, stetig berghoch. Drei Weizenbrötchen fliegen vor meinen Augen aus dem Fahrerfenster eines fahrenden Lastwagens. Aus dem Schatten des Berges läuft eine Frau auf die Straße, sammelt die Brötchen eilig ein, bevor sie in den Schatten zurückkehrt. Unter der weiten Kleidung, hellblaues Hemd, rosa Rock, weiter Basthut ist nur zu erahnen, dass nicht mehr als Haut und Knochen die bolivianische Obdachlose vor dem rauen Wetter in den Bergen Boliviens schützt. Nur ihr Gesicht gibt Einblick in ihre Geschichte. Faltig und ledrig von der knallenden Sonne, eingefallene Wangen von den bitterkalten Nächten. Ich geben ihr meine letzten Brötchen.

Früher waren überall Menschen an der Straße, die Armen Boliviens, vor allem Kinder, die bettelten, erzählte mir der bolivianische Ingenieur Eduardo in Cochabamba. Wenn er als Junge vor 20 Jahren mit seinem Vater im Auto unterwegs war, haben sie immer wieder Tüten mit Nüssen aus dem Auto geworfen. „Wir waren zu schnell, um anzuhalten, deshalb haben wir das Essen in Tüten gepackt.“ Es sei eine prägende Erfahrung für ihn gewesen. Heute sind diese Bilder selten. „Das hat Evo geändert“, sagt Eduardo, „er hat die Armut erfolgreich bekämpft.“

Doch nun, nach acht Jahren Amtszeit, tritt Evo Morales, der einstige Coca-Baur, entgegen den Bestimmungen der Verfassung ein drittes Mal an. „Das ist falsch und das macht mich wütend. Er hat die Menschen, die für die Einhaltung der Verfassung verantwortlich sind, gekauft.“ Eduardo will das Land verlassen, sollte Evo gewählt werden. Dass er gewählt wird, daran zweifelt Eduardo nicht. „Wenn er nicht genug Stimmen hat, wird er die Wahl fälschen. Nach acht Jahren an der Macht hat er alle Institutionen gekauft“, sagt der Ingenieur aus Tajina, der ein zweites Venezuela befürchtet.

„Evo Si“, steht es Weiß auf Blau an der Häuserfassade von Bernardo Flores, ein Minenarbeiter und Kartoffelbauer, der genauso wenig an der Wiederwahl Evos zweifelt. Er sei der richtige, der einzige, er habe das Land aus der Armut geholt, er hat Bolivien stark gemacht, erklärt er mir, während ich auf Antonin warte, der schweißnass vor mir hält, das Fahrrad und sich in den Staub fallen lässt. „I‘m destroyed.“ Bernardo gibt uns Feuerkartoffeln zum Essen, aus eigener Ernte. Danach fahren wir weiter nach Kochi Pampa, wo wir in einer Schule nach Unterschlupf fragen. Kein Problem, sagt der Lehrer, doch nach drei Stunden fliehen wir wieder, drei Stunden, in denen wir von den Grundschulkindern bis zur Unendlichkeit gepiesackt werden. Sie treten uns, während wir im Gras schlafen, schlagen uns mit Gürteln, und stechen uns mit Bleistiften ins Gesicht.

Wir fliehen in die Felder. Während wir unsere Zelte aufschlagen, tauchen weitere Bolivianer auf, Erwachsene, die sich zu uns setzen, uns zuschauen, ein Gespräch anfangen wollen. Doch wir sind durch. Als unsere Zelte stehen, klettern wir hinein und schließen die Reißverschlüsse. Schluss. Aus. Genug für heute. Wir radeln den dritten Tag berghoch und landen in Pongo, im Schlafsaal einer Kirche. Ich überrede Antonin, zu bleiben, auszuruhen, denn er kommt mit dem Parasiten in seinem Darm kaum voran. Wir bleiben. Nisten uns ein, während draußen die Gewitter toben. Auf dem Markt decken wir uns mit Gemüse und Obst ein. Bis es Antonin wieder besser geht.

Weitere drei Tage radeln wir hoch und immer höher, bis auf 4500 Meter. Wir sind seit mehr als 2 Monaten auf mehr als 2000 Höhenmetern unterwegs, haben uns an die dünne Luft gewöhnt, doch ab 4200 Metern spüren wir wieder, dass nicht viel Sauerstoff unsere Lungen füllt. Schnappatmung. Selbst im Schlafsack, wenn wir uns umdrehen. Über die Hauptstraße radeln wir bis kurz vor La Paz, die Stadt meiden wir, stattdessen biegen wir nach Laja ab und haben Glück. Am Morgen hatte ich Antonin gesagt, dass ich gern mal wieder ein Ambiente hätte, fließend Wasser und Strom. In Laja fragen wir bei der Kirche nach und landen in einem 20-Personen-Schlafsaal. Wir sind nicht die einzigen, die die Gastfreundschaft der Gemeinde genießen. 30 Kommunionskinder aus La Paz sind ebenfalls zu Gast. Wir helfen den Betreuern beim Kochen und kommen so in den Genuss der bolivianischen Küche.

Nach zwei Tagen geht es weiter, über die bolivianischen Schotterwege, die uns beide an unsere schlimmsten Schotterwege in Argentinien und Chile erinnern, zum Lago Titicaca. Weil Antonin schon wieder krank ist, mit einer Erkältung, fragen wir erneut nach einem Ambiente in Cumana. Eine der Autoritäten, zu erkennen an dem bunten Stab, den er auf seinem Rücken trägt, sagt, das sei kein Problem. Wir warten, während der monatliche Gemeinderat auf dem Fußballfeld tagt. Als die Sonne untergegangen ist, führt uns der Mann zu seinem zu Haus, wo wir in einer Abstellkammer schlafen. Am nächsten Morgen dann die böse Überraschung: Er will Geld haben. Wir zahlen und decken uns anschließend mit den Kartoffeln ein, auf denen wir geschlafen haben. In der nächsten Nacht zelten wir wieder wild.

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: