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Luisa Rische

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Kapitel LXIX: Von Juliaca nach Cusco

Jeder Tag ein Abenteuer – das kann anstrengend sein. Diesmal trifft es mich: In Juliaca ist die Luft raus, während sie in meinen Bremsen drinnen ist. Antrag des PhotoTans, eine abgenutzte Felge und ein träumender Antonin bringen meine Geduld an ihre Grenzen.

Systemcrash. Einen Tag nach meinen Geburtstag bin ich so krank, dass ich nicht einmal die Kraft habe, zu trinken. Mein ganzer Körper ist Schmerz, Fieber, Kopfschmerzen, alles dreht sich. Nach fünf Stunden zwischen wachen und schlafen, sammle ich all meine Energien, um Antonin nach „Wasser“ zu fragen. Danach schlafe ich wieder, ich versuche es zumindest, denn nach 2 Stunden ist die Luft aus meiner Matratze entwichen (durch ein so winziges Loch, dass ich es selbst in Eduardo’s Badewanne nicht finden konnte), sodass ich auf dem Boden liege, was die Schmerzen noch unerträglicher macht. Dann muss ich zwischen Pest und Cholera wählen: Schmerzen ertragen oder die Luftmatratze mit hämmerndem Kopf wieder aufblasen. Die Leiden eines mittelalten Radreisenden.

Zwei Tage bin ich an den dreckigen Boden unseres Raums gefesselt, am dritten will ich schon wieder aufbrechen. Doch Giovanni bremst mich ein. Tranquilo. Wir bleiben noch einen Tag und verabschieden uns am nächsten Morgen mit einem französisch-deutschen Crêpe-Frühstück. Giovanni drückt mir noch eines der Schilder in die Hand, das Autofahrer um Respekt und 1,5 Meter Abstand bittet. Dann geht es zurück in den Verkehr von Juliaca und auf die Schnellstraße nach Cusco. 95 Kilometer haben wir eingeplant, doch nach 45 Kilometern sind meine Kräfte am Ende. Unsere Suche nach einer Unterkunft verläuft glücklos, doch der Presidente von Tuni Grande erlaubt uns, auf dem Schulhof zu übernachten.

Am nächsten Morgen werden wir rüde von einer Lehrerin geweckt, die beim Anblick unserer Zelte vor dem Schulgebäude völlig durchdreht. Was wir hier machen würden? Wer uns das erlaubt hätte? Das dürfen wir nicht. Und wir sollen zahlen. Und wie sind unsere Namen? Und, und, und… Wir geben der meckernden Frau falsche Namen, packen ein, ignorieren ihre Forderungen nach Geld und brechen auf, weiter über die Schnellstraße, durch die Pampa des Altiplano, durch Städte und an Käsefarmen vorbei, an denen wir immer wieder anhalten, um uns mit Käse, Joghurt und Gebäck einzudecken. Diese Nacht zelten wir wild an einem Fluss und genießen die Ruhe fern von lärmenden Straßen und fluchenden Lehrerinnen, stattdessen zwischen Schafen und Kühen, auf einer grünen Wiese.

Es geht weiter bergauf. Die Kräfte halten sich weiterhin in Grenzen, doch der Anstieg ist nicht steil. Entspannt radeln wir hoch auf 4370 Meter, über den Pass zwischen Juliaca und Cusco, wo sich Touristen mit peruanischer Kleidung eindecken. Wir ziehen uns warm an, zapfen das Bergwasser an, und stürzen uns in die Abfahrt, auf der uns drei Radler entgegenkommen und meine Bremsen den Geist aufgeben. Bis zum Anschlag drücke ich die Hebel durch, die Räder rollen weiter. Ich schieße an Antonin vorbei – „Ich dachte, du wärst ein Auto“, erzählt er mir anschließend – und nehme meine Schuhsohlen zur Hilfe. Die Nacht schlafen wir wieder wild, fern der Straße, fern von Menschen, zwischen Ruinen am Quimsachata Vulkan.

Die Kräfte halten sich auch am vierten Tag nach Cusco immer noch in Grenzen, der dichte Verkehr und die streikenden Bremsen stressen mich zusätzlich, dass ich am Abend die Geduld mit dem oft träumenden Antonin verliere. Als ich in der Nacht, als es bereits dunkel ist, aus dem Zelt klettere, um mich zu erleichtern, fesselt mich der Anblick eines Waldbrandes, der sich auf der Spitze eines Berges austobt und den Sternenhimmel wie eine Fackel erleuchtet. Ich hole Antonin aus dem Zelt, verängstigt und fasziniert zu gleich. Vereint im Anschein des brennende Berges vertragen wir uns wieder. Doch in der Nacht träume ich von zu Hause, und habe am nächsten Morgen den Wunsch, eine Auszeit vom Reisen zu nehmen, zwei oder drei Tage, nach Konstanz zu jetten und Tretboot zu fahren.

Ich vergrabe meine Gefühle tief im Nirgendwo und kehre auf den Sattel zurück, die Schuhe in Lauerstellung, um mich zu bremsen. Der Verkehr wird dichter, die Abfahrten schlittere ich mit einem Fuß auf dem Asphalt hinab, sodass ich die Hand frei habe, um rücksichtslosen Autofahrern den Stinkefinger zu zeigen. Wir halten an den Inca-Ruinen eines Aquaeducts, decken uns mit Erdbeersaft und frischem Brot am Straßenrand ein. „Ich wäre bereit für comida“, sage ich zu Antonin. Er auch. Als wir an der Ruine eines Kolonialhotels halten, gestehe ich Antonin: „To be honest, I started being hungry two hours ago.“ Wir lachen. „Me too“, erklärt er. Tägliches Radeln, und das Essen ist schneller verdaut, als wir „ich bin satt“ sagen können.

Wir bleiben 5 Tage in den zwei Casas Ciclista in Cusco. Erst am Stadtrand, im Garten von Walter, dann zentral im Zentrum in der Wasicleta-Bar. Nicht nur um auszuruhen, sondern auch um uns auf die Berge vorzubereiten. Höchste Priorität: meine Bremsen. In einer WhatsApp-Gruppe frage ich nach Rat, und bekomme einige Geschichten zu hören von Radlern, die ganz ähnliche Probleme mit Magura haben und hatten. Michael ruft mich an, erklärt mir, wie ich das Problem lösen kann. Die Luft muss aus dem System. Wie die da hineingekommen ist? Ich habe ein Leck in einem meiner Bremshebel. Dafür benötige ich einen neuen Bremshebel. Da es den in Südamerika nicht gibt und ich nicht mehrere Wochen auf Ersatzteile aus Europa warten will, wechsle ich auf mechanische Bremsen.

In Cusco laufen wir dann zufällig Melanie und Flavio über den Weg, die einen Tag, bevor ich ankam, die Casa Ciclista Uyuni verlassen hatten, mich aber aus den Erzählungen Heikes kennen, mit der sie mehrmals zusammen geradelt sind, und die wohl einen Tag, bevor Antonin und ich im Zentrum von Cusco ankamen, Cusco wieder verlassen hat. (Derweil kommt Kuan in Juliaca an – die Welt ist manchmal so winzig, und wir treffen einen uns bekannten argentinischen Radler zweimal mitten in Cusco). Was aber noch interessanter ist: Melanie hat dasselbe Bremsproblem. Aber Glück im Unglück: Familienbesuch aus der Schweiz bringt ihr einen neuen Bremshebel nach Cusco.

Als ich mein Fahrrad mit den neuen Bremsen wieder abholen will, kommt gleich das nächste Problem auf mich zu: Ich brauche ein neues Hinterrad – eine Wahrheit, die ich lange verdrängt habe, doch der Mechaniker erklärt, die Felge halte nicht mehr lange – und der Cordillera Blanca wird das Rad nicht schonen. Also altes Rad raus, neues rein, während wir in der Casa Ciclista aushelfen und uns durch den Touri-Schmelztiegel Cusco essen. Bei den fern-weltlichen Problemen, die ich aus dem Ausland nicht lösen kann, weil sowohl die Krankenkasse als auch die Bank Informationen nur telefonisch erhalten und hinausgeben, aber keine Internet-Telefonie anbieten, rettet mich meine Mutter aus der Misere. Dann geht es mit freiem Kopf weiter.

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