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Angestarrt, ausgefragt, abgeführt: Wie die Tiere im Zoo

Kapitel LXXII: Von Boca Santa Ana nach Huanta

Art? Europäer. Familie? Radreisende. Sichtungszeiten: den ganzen Tag. Wie unterschiedlich Kulturen sein können, erleben wir in Peru, als wir auf Straßen unterwegs sind, die sonst kein Tourist bereist. Die penetrante Neugier der Einwohner gibt uns das Gefühl, Tiere in einem Zoo zu sein.

Stadt, Berge, Dschungel: Bilder aus Peru

Durch Regen und Nebel geht es endlich bergab, durch reißende Wasserfälle hindurch, dessen Strömung so stark ist, dass wir zu zweit ein Fahrrad schieben. Wir schlafen in Chirumpiari, bevor wir einen weiteren Berg erklimmen, und anschließend die holprige Abfahrt nach Kimbiri genießen, zu den Bomberos, zu einer kurzen, aber wohlverdienten Pause. Einkaufen, kochen, essen, in Betten schlafen, duschen, Wäsche waschen. Der ganz normale Wahnsinn. Nach einem Tag geht es schon wieder weiter. 5000 Höhenmeter liegen vor uns. Klettern bis zum Umfallen und zurück an die Grenzen des Dschungels.

Der Anstieg beginnt auf losem Gestein. 300 Meter über eine Piste, die uns an den Rand des Wahnsinns bringt, und uns am Rande mit einer Papaya überrascht. Weil keiner von uns die tragen will, hocken wir uns auf die sandige Piste und essen die Papaya im Staub der vorbeifahrenden Autos. Schluckt Staub, denken die sich, und reiben sich drei Stunden später verwundert die Augen, als wir an ihnen vorbeifahren, während sie in einem zweitägigen Stau ausharren. Was die motorisierten Fahrzeuge stoppt, stoppt auch uns. Doch wir haben Glück im Unglück. Die Letzten werden die ersten sein.

Als ich den Anfang und das Ende des Staus sehe, schwant mir Schlimmes. Die Schlange erstreckt sich über eine Ewigkeit. Auto um Lastwagen um Motorrad. Frauen aus den Dörfern versorgen die Wartenden mit Essen, das sie in Schubkarren und Tuktuks herankarren, aber nur gegen Bezahlung, wir sind hier schließlich nicht in Deutschland! Wir radeln an allen vorbei. Gringo. Mama Gringa. No pasaje. Rufen sie uns entgegen. Wir radeln weiter. Bis zum Anfang der Wartenden, wo Polizei und Militär die ungeduldigen Peruaner, die bereits seit anderthalb Tagen warten, in Schach hält. Ein Erdrutsch. Zwei Bagger arbeiten pausenlos an einer Durchfahrt, während wir uns über den ersten in der Schlange lustig machen. Hätte ich bloß auf die Pinkelpause verzichtet – muss er sich gedacht haben, denken wir uns.

Die Letzten werden die Ersten sein. Fast. 20 Minuten nach unserer Ankunft rasen die ersten Geländewagen aus der anderen Richtung am Erdrutsch vorbei. Stop and Go. Denn durch die Erschütterungen rutscht der Hang immer wieder nach. Die Motorräder um uns herum hupen ungeduldig. Wir fühlen uns unwohl. Die haben doch Drogen in den Rädern versteckt, sagen sie, als ob wir sie nicht verstehen würden. Dann sind wir dran. Eine Handvoll Motorräder fahren vor, das letzte stoppt. Weitere Steine fallen. Wir sollen fahren. Wir sollen fahren. Wir fahren. Über das Minenfeld, am Abgrund entlang, während neben uns die Steine herunterpurzeln. Ein Soldat schiebt von hinten. Die Schaulustigen lachen. Dann sind wir in Sicherheit. Der Puls am Anschlag, Adrenalin pumpt durch unsere Körper. Im nächsten Dorf schlafen wir im Schutze der Polizei, die uns zum Essen einlädt.

Weiter berghoch, es liegen immer noch mehrere Tausend Höhenmeter vor uns, immer noch Dutzende Wartende, denn in der Nacht ist der Hang weiter abgerutscht. Uns egal. Wir kämpfen uns Höhenmeter um Höhenmeter nach Huanta, als die Autos von hinten kommen. Hunderte. Eines ungeduldiger als das andere, die uns mit ihren Hupen in den Wahnsinn treiben. Wir sind völlig gestresst, halten im nächsten Dorf, stopfen uns mit Bananenchips, Kartoffeln und Käse voll. Gegen den Stress. Dann geht’s weiter. 1500 Meter radeln wir an diesem Tag, bevor wir an einem Wasserfall in einer Kurve der Straße unsere Zelte aufschlagen. Das Wetter hält, obwohl es regnen sollte.

Vom Asphalt biegen wir auf den Schotter ab, wir haben genug von aufdringlichen, ungeduldigen Fahrern, die von hinten drängeln. Weniger Autos, dafür fordert uns der steile Hang. Der Schweiß fließt, die Beine stöhnen. Kurve um Kurve. Umdrehung um Umdrehung. Antonin will im Dorf schlafen, weil es nicht viele Möglichkeiten am Abgrund entlang gibt. Das Dorf erinnert mich an The Cement Garden von Ian McEwan. Denn in diesem Dorf gibt es nur Kinder. Kein Erwachsener weit und breit. Die sind auf den Feldern. Wir stellen unsere Zelte am Rande auf, doch den Augen der Kinder entgehen wir nicht, die uns erst aus der Ferne beobachten, dann immer näher kommen. Um uns herumrennen, in unsere Zelte springen, auf einem kleinen Hügel wie im Kino sitzen, uns beobachten, über uns reden.

Als die Zelte stehen, klettern wir hinein, schließen ab und warten, bis die Kinder weg sind. Doch kaum trauen wir uns zum Kochen heraus, geht der Zirkus weiter. Nach und nach trudelt das ganze Dorf ein. Immer wieder beantworten wir dieselben Fragen. Wo kommt ihr her? Wohin reist ihr? Seid ihr verheiratet? Selbst als wir schlafen, tanzen sie immer noch um uns herum, reden neben unseren Zelten über uns. Am Morgen geht es so weiter. Immerhin ein Dorfbewohner kommt nicht nur mit starrenden Augen und den immer gleichen Fragen auf uns zu, sondern auch mit frischen Kartoffeln. Wir fühlen uns wie die Tiere im Zoo und suchen uns in der nächsten Nacht einen wilden Zeltplatz.

Doch auch diesmal haben wir kein Glück. Erst taucht der Besitzer des Grundstücks mit seinen Kindern auf, der uns aber sagt, dass wir bleiben können, dann locken wir mit dem Schein unseres Lagerfeuers, an dem wir Kartoffeln grillen, weitere Menschen an, die in der Dunkelheit den Abhang heruntersteigen, einer mit einem Gewehr bewaffnet, uns umzingeln, mit Taschenlampen anleuchten. Sie wollen, dass wir den Platz verlassen, es sei zu gefährlich, wie sollen mit ihnen kommen. Vertrauenswürdig wirken die 30 Schatten nicht unbedingt, deshalb hadern wir, doch es ist auch klar, dass sie uns nicht in Ruhe lassen werden, bevor wir unsere Zelte nicht angebrochen haben.

Sie wollen tatsächlich nur das Beste für uns, helfen uns, Taschen und Fahrräder nach oben zu bringen, die Taschen in einen Geländewagen zu laden (von dem Antonin auf meine Bitte hin ein Foto macht; nur im Falle, falls…) und anschließend leuchten sie uns den Weg über die Schotterstraße, während wir mit den Rädern vorfahren. Bis zum nächsten Dorf. Sie bringen uns zur Municipalidad, zum Rathaus, wo es einen Schlafsaal gibt, in dem wir übernachten. Bevor wir die Tür hinter uns schließen, sagen sie uns, dass in Peru viele Touristen verschwinden würden und dass sie deshalb darauf bestanden hätten, dass wir mit ihnen kommen. Glück im Unglück. Schon wieder. Nach so viel Aufregung genießen wir einen Tag später die Gastfreundschaft der Feuerwehr und einen Ruhetag in der nächsten Stadt, in Huanta, umso mehr.

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