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Luisa Rische

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Kapitel LXXIII: Von Huanta nach Huancavelica

Huancavelica ist eigentlich gar nicht so weit entfernt. 3 bis 4 Tage planen wir ein, als wir die Bomberos in Huanta verlassen. Doch das Haar ist in der Straßensuppe, die uns Tage und Nächte vermiest.

Dios. Patria. Humanidad. Danach lebt die Feuerwehr in Peru. Gott. Vaterland. Mensch. Wir bleiben einen Tag in Huanta, wo uns die Sonne die Frostbeulen der Berge wegbrennt, wo die Kakteen anfangen Früchte zu tragen, unter dem Dach der Bomberos, die sich verwundert die Augen reiben, als wir um 20 Uhr in unser Zelt verschwinden. Wir leben mit der Sonne, erklären wir ihnen am nächsten Morgen, als wir zusammenpacken, um nach Huancavelica aufzubrechen. „Wie lange braucht ihr nach Huancavelica?“, fragt uns Feuerwehrmann Freddy. „Von Huanta? 3 Tage“, behauptet Antonin selbstbewusst. Ich bin nicht ganz so euphemistisch, aber mehr als vier Tage plane ich auch nicht ein.

Auf der Abfahrt (die uns mit Tomaten am Straßenrand beglückt) zum ersten Anstieg begegnen wir Maestro Gutierrez, der viele Jahre durch Peru gereist ist, und in Huanta Antonins Gangschaltung repariert hat. Er empfiehlt uns, die südliche Route zu nehmen, wir hatten geplant, im Norden zu radeln. Wir schlafen am Fluss, am Fuße des Anstiegs, auf dem Grundstück eines Restaurants. Am nächsten Morgen beginnt das Dilemma. Durchfall. Da ich in Huanta nur gekocht und Tee getrunken habe, denke ich, dass es der Stress der vergangenen Wochen ist. Tägliches Radeln, fast 20.000 Höhenmeter in einem Monat, extreme Wetterwechsel zwischen Dschungel, Bergen, Tälern, Wüste und dann noch die beißenden Insekten, deren Stiche mir in der Nacht den Schlaf rauben.

Wir brechen dennoch auf, denn ich behalte mein Elend erst einmal für mich. Wird schon, denke ich mir, nur die Harten kommen in den Garten. Oder nicht? Ich muss erst einmal in den Schatten, während sich mein Magen schmerzhaft verkrampft. 300 Meter geschafft. 1000 Meter noch vor mir. Ich komme nie oben an, denke ich mir, während Antonin gar nicht mehr zu sehen ist. Weiter, immer weiter. An Stieren vorbei, die misstrauische Blicke auf meine roten Taschen werfen. Langsam, aber stetig schleppe ich Rad und mich Meter um Meter nach oben. Bis nach Marcas. Zum Zelten habe ich keine Kraft mehr. Wir fragen in der Municipalidad nach und werden mit zwei Betten belohnt.

Am nächsten Morgen fühle ich mich schon wieder besser, wenn auch aller Energie beraubt. Wir gehen es wieder langsam an, hoch und runter, bis nach Choclococha. Die Straße ist asphaltiert, und führt durch die Berge, deren Hänge mit Äckern übersät sind. Kartoffeln und Mais. In Choclococha finden wir keine Unterkunft. Wir radeln weiter nach Acobamba. Eine Frau hängt sich aus dem Auto, winkt, und fragt uns, ob wir aus Kanada seien. Aus Frankreich und Deutschland, rufen wir ihr entgegen, während wir weiterfahren. In Acobamba fragen wir in der Pfarrkirche nach und müssen auf den Pfarrer warten.

Während wir auf den Stufen sitzen, kommt eine Frau von hinten aus der Kirche. Es ist die Frau aus dem Auto, die uns viele Geschichten erzählt und schließlich ins Hostel einlädt, als der Pfarrer nicht auftaucht. Luz ist aus Lima, doch Acobamba war die Heimat ihrer Großeltern. Sie selbst will am Abend nach Choclococha zurückkehren. Im Hostel erzählt sie uns weitere Geschichten. Antonin und ich kommen nicht viel zum Reden, doch als wir erzählen, wo wir langgefahren sind, mitten durchs Koka-Gebiet, schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen. Mir kommen im Nachhinein die vorbeifahrenden Geländewagen in den Sinn, auf denen vier schwer bewaffnetet Soldaten hockten, Gewehre in alle vier Himmelsrichtungen ausgerichtet. Meine Güte, wie naiv wir doch sein können.

Luz redet so lange auf uns ein, bis keiner von uns mehr Lust hat zu kochen. Wir laufen durch die Stadt, bis wir vegetarisches Straßenessen finden. Suppe. Wir schlagen uns die Mägen voll, quatschen mit den Locals, die uns neugierig, aber zurückhaltend ausfragen. Zum ersten Mal fühlen wir uns wohl zwischen all den Peruanern, nicht bedrängt wie in den Wochen seit Cusco. Am nächsten Morgen jedoch hocke nicht nur ich auf der Toilette, sondern auch Antonin. Die Suppe war‘s, sind wir uns sicher. Mit meinem angeschlagenen Magen trifft es mich mit voller Wucht, doch Antonin geht es nicht viel besser. Weiter, immer weiter. Huancavelica ist so nahe.

Nach Paucara. In der Municipalidad fragen wir erneut nach Hospidalidad und werden nich enttäuscht. Das Tourist-Office lädt uns ins Hostel ein. Schon wieder zwei Betten, und zum ersten Mal, seit Wochen, eine heiße Dusche. Noch viel wichtiger: zwei private Toiletten. Nachdem ich die Nacht auf einer dieser Toiletten verbringe, mit Toilettenpapier in der einen und Bepanthen in der anderen Hand, legen wir eine Pause ein, kaufen Medikamente, ruhen uns aus. Weil ich mich am nächsten Tag wieder gut fühle, geben ich Antonin den Rest der Medis, weil es ihm nicht so gut geht. Hoch und runter. Das gilt nicht nur für Peru.

Aber vor allem für Peru. Weiter hinauf und hinunter nach Yauli. Huancavelica ist nicht mehr weit, doch heute erreichen wir es nicht mehr. Wir fragen in der Kirche nach einer Unterkunft und werden erneut ins Hostel eingeladen. Während das Dorf Allerheiligen feiert, versuchen Antonin und ich die letzten Kräfte für die letzen Kilometer zu sammeln. Durch die Berg und über einen Alptraum von Straße kommen wir nach 7 Tagen in Huancavelica an, checken wieder bei den Bomberos ein. Pause. Drei statt einem Tag. Denn ich habe meinen nächsten Rückfall. Zurück zur Apotheke, zurück zu Haferschleim und Reis, zurück zur Toilette.

Als wir mit den Rekruten die Wache geputzt und dem Feuerwehrchef die Hand geschüttelt haben, und die Marktfrauen so vertraut mit uns sind, dass sie uns Geld in die Hand drücken, um neue Plastiktüten für sie zu kaufen, brechen wir auf, in die Berge, zum Cordillera Central, zum Great Peru Divide. Der unter Radlern weltbekannte Schotterweg, der in Peru so bekannt ist wie der Neckartalradweg, hält was er verspricht, bringt uns nicht nur in eine Region mit einzigartigen Aussichten auf einzigartige Landschaften, sondern auch an die Grenzen des physisch Machbaren: Auf 4900 Metern ist die Luft so dünn, dass uns auf den letzten Metern die Kräfte im Stich lassen.

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