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Luisa Rische

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Kapitel LXXIV: Peru’s Great Divide (1)

Vier Wochen, 900 Kilometer, 20.000 Höhenmeter: Perus Great Divide bringt Antonin und mich, Mensch und Material an die Grenzen und darüber hinaus. Erst zu zweit, dann wieder allein kämpfe ich mich über Bergpässe, die bis in die Wolken reichen, über Bergpfade, die Antonins Speichen brechen lassen, in einer Saison, in der es täglich regnet, hagelt oder schneit.

Bilder vom Great Divide in Peru

 

Wie durch einen Strohhalm fließt die Luft in dünnen Fäden durch den Mund und Röhre zur Lunge. Ich sauge und stoße und schnappe, als ob ich gerade 100 Meter gesprintet wäre, als ob ich fünf Minuten die Luft angehalten hätte, als ob ich über die Stufen des Empire State Building bis zur Aussichtsplattform gelaufen wäre, obwohl Treppen mich nicht mehr aus der Puste bringen. Es gibt nich viel, dass mich noch aus der Puste bringt, auch nicht 4 Kilometer über den Ufern des Pazifiks. Bis auf diese Straße, dieser lose Trampelpfad zwischen Huancavelica und Huancaya, am schneebedeckten Nevado Tanranioc vorbei ins Nor Yauyos-Cochas Reservat.

Bis 4810 Meter über Null ist der Sauerstoff durch den Körper wie das Wasser durch die Flüsse geflossen, von den Lungen in die Muskeln. Nun lassen mich meine Oberschenkel im Stich. 4890 Meter. Die Luft ist so dünn, dass ich Tränen in den Augen habe. Seit mehr als zwei Stunden fahren wir berghhoch. Meine Beine sagen mir, dass es 8 Stunden sein müssen. Immer wieder halte ich an, schüttle die Beine, lasse den Sauerstoff nachkommen, während ich minutenlang hechle und den Reifendruck kontrolliere. Manchmal fühlt sich das Hinterrad an, als ob keine Luft mehr drin wäre. Luftleer wie meine Muskeln. Zunge raus, wie ein Hund in der Sonne. Nach jeder Kurve geht es weiter berghoch. Es nimmt kein Ende. Doch ich lasse mich nicht in die Knie zwingen.

Vor 10 Tagen haben wir den Schutz der Feuerwehr von Huancavelica hinter uns gelassen. Seitdem ging es hoch und runter. Landschaftlich und gesundheitlich. Wir beide haben immer noch mit Durchfall zu kämpfen und bereits am ersten Anstieg überrolt uns die erste Regenwolke, deren Tropfen eisig auf unsere Haut schlagen und die Widerstandsfähigkeit unserer Jacken auf die Probe stellen. Als aus Wasser Schnee wird, halten wir an, schlagen die Zelte auf, und verkrümeln uns in die trockenen Schlafsäcke, während ein Regenbogen unsere Zeltplatz vor schwarzgrauen Wolken einrahmt. Am nächsten Tag fahren wir prustend bis zum Sattel des ersten Anstiegs auf Peru‘s Great Divide. 4700 Meter. Es ist das Aufwärmen vor dem Anstieg nach Mordor, wie Antonin die schwarzblaue Bergkette in der Ferne getauft hat.

Die Landschaft ist karg, blaue Lagunen stechen wie Farbklekse aus der graubraunen Landschaft heraus. In der Ferne ziert ein roter Berg den Horizont. Je weiter wir ins Tal rollen, desto grüner wird es, an Schafen und Kühen vorbei nach Viñas, wo uns Javier in den Schlafsaal der Municipalidad und zum Frühstück einlädt einlädt. Das Dorf am Rio Anda, an der Straße nach Huancayo, feiert Jubiläum, 3 Tage lang. Wir bleiben 2, unterhalten uns mit den Dorfbewohnern, mit den Polizisten aus Acombambilla, schauen uns die Sportturniere an, Fußball und Volleyball, und wagen uns wieder an das Straßenessen heran. Mondongo oder Sopa de Patasca. Maissuppe. Am nächsten Tag geht es über den nächsten Berg nach Acombambilla, wo wir im Polizeirevier schlafen.

Dann verlassen wir die zivilisierte Welt. Nicht dass es viel Ziviles gegeben hätte, aber nun radeln wir durch Regionen, wo es mehr Lagunen als Menschen gibt. Der erste Anstieg zum Lago Quinina ist kräftezerrend, im Schnitt schleppen wir unsere Ausrüstung auf einer Steigung von 12 Prozent hinauf, das ist Kampf, das ist Wille, das ist das zweite Aufwärmen vor der wahren Herausforderung. Antonin kann nicht mehr folgen. Auf 4700 Metern hängen auch meine Beine durch. Doch wir brauchen Wasser. Wir schleppen uns zum Quinina und schlagen unsere Zelten auf, während der Himmel uns mit murmelgroßen Hagelkörnern bewirft. Als ich im Zelt hocke, und das Blut in meine Finger zurückkehrt, stöhne ich vor Schmerzen.

Es folgt der leichte Teil, leichtes Terrain, hoch und runter zwischen 4400 und 4800 Metern. Was auf dem Höhenprofil unserer Navigations-Apps wie Entspannung aussieht, ist die reinste Tortur. Jede Banane wiegt schwer in unseren Taschen, während der nächsten Hagelsturm über uns hinwegfegt. Bevor uns ein weiterer Sturm einholt, suchen wir Schutz in einem Haus entlang der Straße. Es ist eine Polizeistation, mit zwei Betten für durchgefrorene Reisende, selbst gekochtes Essen und frisch gefangener Forelle. Weil es ein Geschenk ist, essen wir die Forelle, obwohl Antonin vegetarisch lebt und ich dabei bin, mich auf vegan umzustellen.

Am nächsten Tag ist Antonin krank. Kopfschmerzen. Wir bleiben bei Edwin und Isaac, die mit ihrem Nachbarn an diesem Tag ein Schaf schlachten. Während Antonin im Bett liegt, schaue ich mir das grausige Spektakel an, wie das Blut fließt, der Kopf neben dem Körper liegt, die Eingeweide hinausgezogen, der Magen geleert wird. Mein Magen ist auch kurz davor, sich zu leeren. Am nächsten Morgen geht es weiter. Antonin hat mal wieder einen festen Plan, wo er am Abend ankommen will. Ich halte mich schweigend zurück. Lange Zeit habe auch immer vorausgeplant, mittlerweile schlafe ich dort, wo meine Beine mich hintragen.

Wie immer fahre ich voraus. Wie immer kann Antonin mir nicht folgen. In Bolivien war es noch andersherum. Antonin fuhr voraus, ich hinterher. Mittlerweile warte ich. Die bucklige die Oberfläche der Abfahrt schlägt wie Pflastersteine gegen unsere Räder, die Erschütterungen laufen durch Speichen und Rahmen über Arme und Beine in jeden Knochen. Zwangpause. Eine Stützstange von Antonins Gepäckträger ist gebrochen. Ich esse Mittag, während Antonin den Gepäckträger wieder befestigt. An der nächsten Mine bekommen wir Maracujasaft, bevor es wieder hinaufgeht. Bellavista ist nicht weit, doch Antonins Plan rennt der Realität hinterher. Wir halten an einem Bauernhof, wo wir uns im Schlafsaal der Frauen ausbreiten dürfen.

Obwohl der Gemeinschaftsbauernhof des Dorfes mit Küche und Saal ausgestattet ist, kochen die Frauen im Schuppen auf offenem Feuer. Wir setzen uns dazu, werden mit Suppe und Semola bewirtet. Vor Einbruch der Nacht stoßen auch die Männer hinzu. Bis 8 Uhr sind alle im Bett. Es ist der letzte Tag für die sechsköpfige Gruppe auf dem Bauernhof, am nächsten Tag kommen andere Dorfbewohner, die sich eine Woche lang um die Schafe kümmern, bevor auch sie wieder abgelöst werden. Wir bedanken und verabschieden uns am nächsten Morgen nach einem warmen Frühstück, und starten auf die letzte Etappe nach Mordor.

500 Höhenmeter sind nicht viel. Selbst mit einem bepackten Fahrrad sind 500 Höhenmeter nach 2 Stunden abgehakt. Doch wenn diese 500 Höhenmeter zwischen 4500 und 5000 Metern liegen, dann ziehen sich die Stunden in die Länge. Bis zum Lago Carcuna, der wie ein Fisch aus dem Wasser aus dem Berg hinausspringt, kristallklar und bewegungslos zwischen den grauen Felsen ruht, radle ich mit erhöhter, aber konstanter Herzfrequenz hinauf. Ich erinnere mich an den ersten Anden-Anstieg in Chile, Cristo Redentor de los Andes, als ich auf 3900 Meter mit der Ohnmacht kämpfte. Nun kann ich die Euphorie über meine gigantische Leistungssteigerung kaum herunterschlucken. Antonin ist aus meinem Blick verschwunden.

Zu früh gefreut. Als ich denke, dass es nicht mehr weit sein kann, holt auch mich die Realität ein. Auf einer Höhe, die der Spitze des Mount Everests näher ist als dem Meeresspiegel, fällt das Kurbeln der Pedalen immer schwerer, immer häufiger muss ich pausieren, schnappe minutenlang nach Luft, während die Beine unter mir kurz davor sind, zusammenzuklappen. Meter um Meter kämpfe ich mich voran, doch nach jeder Kurve geht es weiter hinauf, bis zur nächsten Kurve. Kopfsache. Ich kämpfe mich weiter über das lose Gestein, holpere über Schlaglöcher, drücke die Pedalen im Stehen hinunter, Fahrrad und Gepäck auf einer Steigung von bis 21 Prozent hinauf.

Die letzte Kurve ist nicht mehr weit, die letzte Steigung flach. Ein Blick zurück, über die weite Landschaft, schwarze Berge, blaue Lagunen, grüne Ebenen. Schatten um Schatten blicke ich auf die andischen Bergketten. Zwei Kurven unter mir hockt Antonin, völlig frustriert, erklärt er mit eine halbe Stunde später. Während mich der Blick auf die stetig steigende Straße verzweifeln lässt, bin ich es, die Antonin verzweifeln lässt, denn nach jeder Kurve sieht er mich 50 Meter höher um die nächste Kurve radeln, während er das Radeln längst aufgegeben hat und seinen Drahtesel schiebt. Auf 4950 Metern über Null führt der Weg über den Pass ins grüne Tal und ins Nationalreservat. So hoch war ich noch nie, selbst in den Anden sind nicht viele Berge so hoch, weshalb ich auf die meisten steil aufragenden Bergspitzen hinunterblicke.

One comment on “Die höchste Herausforderung meines Lebens

  1. Beate sagt:

    Wir wünschen dir aureichend warme Mahlzeiten und wohlig warme Herbergen.
    Liebe Grüße aus Bad Schwartau
    Klaus und Beate

    Liken

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