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Luisa Rische

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Kapitel LXXIV: Peru’s Geat Divide (2)

Auf leisen Sohlen schleicht nicht der Nikolaus in unser Zeltlager. Sondern der Frust. Während Weihnachten so weit entfernt ist wie Deutschland, driften Antonin und ich leise, schleichend auseinander. Dem einen lässt das Material, der anderen der eigene Körper im Stich. Leise, schleichend erkenne ich, was es bedeutet, seine Grenzen täglich zu überwinden.

Bilder vom Great Peru Divide

Einssein. Mit sich selbst. Mit seinem Gefährten. Mit der Natur. Über Stock und Stein. Eingebremst von Schlaglöchern und Flussläufen. Durch Schnee, Hagel und Regen. Allein zu zweit in der Abgeschiedenheit. Aussichten, die den meisten Menschen verborgen bleiben. Über die höchsten Pässe dieser Erde. Schwer atmend. Sich verlieren, verloren sein zwischen Frust und Freude. Der Gebirgspfad durch Zentralperu verändert mich mehr als jede andere Straße. Es ist eine Grenzerfahrung, die schwer in Worte zu fassen ist, die jeder selbst erleben muss, um sie zu verstehen.

Es ist ein Kampf, der mich ermüdet. Es sind Landschaften, die mir den Atem rauben. Es sind Straßen, die meine Knochen zum Knirschen bringen. Es ist kalt, erschöpfend, einsam. Es ist so fern von einem Alltag entfernt, dass es mir schwer fällt, darüber nachzudenken, in einen Bürostuhl zurückzukehren, obwohl ich dieses Bild vor Augen habe, als ich im Blickwinkel des schneebedeckten Nevado Tanranioc meine Beine zwinge, sich weiter zu drehen, entgegen aller physischen Gesetze des mir Machbaren. Meine Muskeln lechzen nach Sauerstoff. Fallen. Was mache ich hier eigentlich? Bin ich denn völlig bescheuert? So scheiße hart, so unfassbar schön. Der Geat Peru Divide.

Nachdem auch Antonin fluchend den Pass erreicht hat, rollen wir über loses Gestein ins grüne Tal des Nationalreservats, als Antonin das nächste Problem mit seinem Rad hat. Eine Speiche am Hinterrad ist gebrochen. Er hat zwei Ersatzspeichen dabei, doch er kann die gebrochene Speiche nicht wechseln, weil die Kassette seiner Schaltung im Weg ist. Der nächste Fahrradladen ist weit entfernt. Doch eine gebrochen Speiche ist kein Weltuntergang, denke ich. Antonin dagegen will den Divide verlassen. Er ist frustriert. Wir radeln bis nach Llapay, wo es keinen Schlafplatz für uns gibt, dafür Menschen und Essen. Wir zelten am Rande des Dorfes am Rio Cañete, dessen Wasserfälle die Touristen ins Nor Yauyos-Cochas Landschaftsreservat lockt.

Nach der Einsamkeit des Gebirges erschlagen mich die Menschen, das Gewusel, die Geräusche, die Preise. Ich will zurück, zurück in die Fern, fern von allen Menschen. Sogar die Straße ist asphaltiert, wenn auch nur für 7 Kilometer. Danach geht es zurück auf den Schotter, zurück in den Berg, hoch zum nächsten Gipfel. Mir schwinden die Kräfte, während der schiebende Antonin seine Oberschenkel nicht einmal spürt. Er schiebt weiter, während ich weiter jede Steigung radle. Ich warte, während Antonin das nächste Problem mit seinem Fahrrad hat. Die Gangschaltung. An der Lagune Piquecocha halten wir. Es gibt einen kostenfreien Zeltplatz, auf dem ich bleiben möchte. Antonin will weiter, weil er nichts zu essen habe. Doch ich kann nicht mehr. Das nächste Dorf ist weitere 300 Höhenmeter entfernt.

Diese 300 Höhenmeter sind uns beiden dann am nächsten Tag genug. Ich bin am Ende meiner Kräfte, und Antonin so frustriert von seinem Fahrrad, dass wir bleiben. Wir beide sind so schlecht gelaunt, dass wir einfach ins nächste Hostel einchecken, anstatt uns zu einer kostenfreien Unterkunft durchzufragen. Keiner von uns beiden hat die Kraft dafür. Während Antonin mit seiner Familie telefoniert, versuche ich meinen Bedarf an Zucker zu decken. Der lange Tag im Hostel hilft. Am nächsten Tag kurbeln die Beine wieder, doch ich warte immer noch auf Antonin, der weiterhin schiebt, und mich langsam in die Verzweiflung treibt. Als uns schwarze Regenwolken von allen Seiten umzingeln, nisten wir uns der Schule des nächsten Dorfes ein.

Weiter geht’s. Immer weiter hinauf. Mein Sprint am Tag zuvor war nur das letzte Aufbäumen eines Körpers am Ende seiner Kräfte, stelle ich fest, während wir den kristallklaren Wasserfällen des Cañete folgen, die dieses Tal über Jahrtausende gestaltet und geformt haben. Das durchdringende Rauschen des Flusses und seiner Fälle liegt uns beiden tagelang in den Ohren, auch wenn unser beider Ohren abgelenkt sind. Ich mit mir, Antonin mit seinem Rad. Wir treffen zum ersten Mal einen anderen Bikepacker. Stefan aus Deutschland, der die Nacht mit zwei anderen Radlern in Tanta verbracht hat, die wohl jeden Tag bis zu 60 Kilometer radeln. Mein Gott, wie machen die das? Ich will mein Rad nur noch in den Fluss werfen.

Doch Antonin treibt mich weiter. Noch einen Berg, und noch einen Berg hinauf. Der schiebende Antonin. Die schweigende Lulu. Minuten vor dem Sonnenaufgang, nach 1300 Höhenmetern, schlagen wir unsere Zelte auf. Am nächsten Morgen beginnt das Elend, ich bin so müde, dass ich kaum aus dem Schlafsack herauskomme. Doch Antonin will weiter, in die nächste Stadt, um sein Rad zu reparieren. Der nächste 5000er wartet. Ich radle weiter. Auf der Hälfte des Anstiegs steige ich ab, um zu schieben, Luft zu holen. Antonin ist mir Kilometer voraus. Ich bin kaum abgestiegen, als zwei Minenarbeiter von hinten angefahren kommen, anhalten und mich fragen, ob sie mich mitnehmen können. Ich denke nicht lange nach: Antonin will an diesem Tag über den Pass, doch ich schaffe das nicht.

5 Minuten später haben wir Antonin eingeholt, sein Fahrrad aufgeladen. Mit Motorpower erklimmen wir den Anstieg, der unseren ersten 5000er-Pass in den Schatten stellt. Die Straße ist nach all den Regenfällen an vielen Stellen weggespült, die Kurven der Serpentinen noch steiler. Dann fängt es an zu schneien. Meine Gefühle verursachen einen kleinen Wirbelsturm. In diesem Moment bin ich froh, in einem Auto zu sitzen. Gleichzeitig bereue ich es. Ich hätte den Anstieg lieber selbst erklommen, doch dafür hätte ich einen Tag Pause gebraucht. Es ist klar, dass Antonin und ich uns in wenigen Tagen trennen werden. Antonin will nach Junin, raus aus den Bergen, auf flache, asphaltierte Straßen. Ich fühle mich sowohl in der Einsamkeit der täglichen Steigungen. In diesem Moment, als wir im Auto den Pass überfahren, bin ich froh, bald wieder meinem eigenen Rhythmus folgen zu können. Wir sind nicht mehr eins. Die Belastungen des Divides haben uns auseinandergetrieben.

Wir schlafen in einer Schule, bevor wir auf den Carretera Central von Lima nach Cerro de Pasco abbiegen. Mir geht es noch schlechter als am Tag zuvor. Mein Kreislauf wippt hin und her, während Karawanen von Lastwagen an uns vorbeiziehen. Ich ziehe die Notbremse in Chicla und lasse keine Diskussion zu. Wir finden ein leerstehendes Zimmer auf einer Tienda, dass irgendwann mal ein Hostel werden soll. Im Moment ist es eine Baustelle. Die Besitzerin bringt uns das Gestell eines Bettes, das wir gemeinsam aufbauen. Dann verschwinde ich im Bett, schlafe durch den Nachmittag und die Nacht, während mein Körper nicht mal mehr in der Lage zu sein scheint, Essen zu verdauen.

Langsam geht’s weiter, ganz langsam. Hinunter vom Carretera Central zum Schlafsaal einer Mine. Wieder schlafe ich durch Nachmittag und Nacht, dann geht es den nächsten Berg hinauf. Pedale um Pedale. Der Wind ist eisig, die Aussichten atemberaubend. Auf schneebedeckte Berge und grüne Täler, rote Felsen stechen zwischen den fast schwarzen Bergen hervor. Wir schlafen in einem leerstehenden Gebäude in einem verlassenen Dorf, das uns vor dem stundenlangen Regen schützt. Es ist die letzte gemeinsame Nacht. Am nächsten Tag trennen sich unsere Wege. Wir wollen in Ecuador oder Kolumbien wieder zusammenkommen. Auch wenn wir in den vergangenen Tage auseinandergedriftet sind, hatten wir in den 125 Tagen davor einen guten Rhythmus, wie die Kette ins Kettenblatt haben wir ineinandergegriffen. Wir waren eins. Doch der Divide ist das Härteste, das wir beide je gemacht haben. Nur wer eins mit sich und seinem Gefährten ist, kann diese Tortur nicht nur überleben, sondern auch genießen.

5 comments on “Aus der Balance: Das Überwinden aller Grenzen hat Konsequenzen

  1. Tino S. aus Lübeck sagt:

    Liebe Luisa !
    Wieder der totale Wahnsinn, was du so schreibst 🙂
    Ich wünsche dir weiterhin ganz viel Kraft für die weiteren Anstiege und Abstiege und all die ganzen Herausforderungen, die auf dich warten. Gute Gesundheit, stabiles Material und hoffentlich ein wenig Weihnachtsgefühle in den nächsten Tagen 🙂

    Wie viele Kilometer du geradelst bist, weißt du vermutlich schon gar nicht mehr 🙂 ?

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    1. luisarische sagt:

      Haha. Da ich dir Frage immer wieder gestellt bekomme, weiß ich es ungefähr: 40.000 plusminus… da geht noch was, würde ich sagen 😉

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  2. Tino Salzwedel sagt:

    oh, zu früh gesendet 🙂

    Frohe Weihnachten und einen tollen Jahreswechsel wünsche ich dir.

    Liebe Grüße von
    Tino aus Lübeck

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  3. heike sagt:

    hallo liebe luisa,
    wieder einmal toller bericht.

    ok, „toll“. ein adjektiv

    sehr sehr anstrengend muss es sein. und trotzdem, wie sehr freue ich mich auf peru. ab mai. wenn die regenzeit aufhoert.

    ich schreibe dir aus paso de la patria, Argentinien, auf dem weg zu den iguazu wasserfaellen. ja, ich bin 2000 km zurueckgefahren.

    und nun frage ich mich, was ist schlimmer, das was du erlebst oder die hitze hier, 51,2 grad auf meinem tachometer…

    dir ein frohes neues jahr
    viele liebe gruesse
    heike

    Gefällt 1 Person

    1. luisarische sagt:

      Heike, Mensch, nur wegen ein bissl Regen radelst du 2000 Kilometer zurück. Du bist ja verrückt. So etwas würde mir im Leben nicht einfallen. Trotz der Herausforderungen genieße ich Peru total! Vielleicht gerade wegen der Leiden 😂. Auf 50 Grad kann ich gut verzichten. Genieße Argentinien und grüße Iguazu von mir und ein frohes neues Jahr!

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