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Luisa Rische

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Kapitel LXXV: Vom Great Peru Divide zur Cordillera Blanca

Ich tausche Schnee und Eis gegen Sand und Stein und kehre zu Schnee und Eis zurück. Hin und Her. Auf und Ab. Ich dachte mal, Bolivien sei eine Achterbahnfahrt. Doch Peru stellt Bolivien und seine Berge in den Schatten. Währenddessen verraten mir entgegenkommende Radler, dass der Trans Ecuador noch härter ist. Das neue Land ist nicht mehr weit, die Menschen Perus treiben mich langsam in den Wahnsinn.

Bilder vom Great Divide in Peru

Hinab und hinauf. Über Felsen und Weiden. Durch Flüsse und Kuhscheiße. Auf dem Weg hinunter vom Cordillera Huayhush, weg Schnee und Eis, an Wasserreservoirs und Minen vorbei, deren nächtliche Explosionen in der Ferne mir immer Mal wieder das Herz springen lassen, trage und wuchte und hieve ich mein Fahrrad zum Anfang eines befahrbaren Weges. Ich radle nach Cajatambo, wo mich zwei Arbeiter einer Mine zum Mittagessen einladen, wo mich der Besitzer eines Hotels eine Nacht ins Hotel einlädt, hinunter aus den Bergen in die staubtrockene Hitze eines Tals, geformt vom Fluss Cuchichaca. Kaktus statt Lagune, Sand statt Wiese, die Sonne brennt, der Fluss ist schwarz, dunkelgrau. Es ist immer das gleiche: Sobald ich durch wüstenartige Landschaften fahre, will ich zurück in die unberechenbare Bergwelt, die mir nachts die Zähne klappern lässt.

Auf dem Weg zurück hinauf geht mir das Wasser aus, weil ich daran gewöhnt bin, überall Wasser zu finden. Der einzige Lastwagen, der mir auf dem steilen Pfad nach Rajan entgegenkommt, hat zwar kein Wasser, dafür eine Banane. Ein Motorradfahrer kann mir ebenfalls nicht mit Wasser aushelfen. Peruaner trinken nicht viel, weder auf 4000 Meter noch in trockenen Tälern, weder Wasser noch Brause, und wenn dann doch Brause oder Avena, Quinoa und Maca für Farmer, da Wasser aus Leitung und Flüssen als eher selbstmörderischer Versuch der Hydrierung gilt. Die Menschen kauen stattdessen Coca (die Basis für Koks), formen mit der Zunge eine matschige Kugel, die sie in den Wangen verstauen, kalorienreich und sättigend, zügelt Appetit und Durst, hat bereits den Inca Superkräfte verliehen, und wäre wohl eine Diät in weißen Ländern, wäre Coca legal in weißen Ländern.

Peru. Unzähmbar, unregierbar, unfassbar. Vieles ist für mich nach einem Jahr in Südamerika Alltag, vieles Alltägliche ist manchmal Nervensache, aggressive Kinder, aufdringliche Peruaner, dieselben Fragen hundert Mal am Tag beantworten. Wo kommst du her? Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Was am Anfang noch lustig war, ist nach dem tausendsten Gringo einfach nur noch nervig – und wenn dann doch bitte Gringa, so kurz sind meine Haare nicht mehr, aber immer noch zu kurz in der patriarchalen Macho-Gesellschaft Perus. In meiner Begeisterung für die Natur, sind die Sitten, Traditionen und Eigenarten der Peruaner zuletzt untergegangen. Kultur und Geschichte sind aber nicht weniger spannend und Grund genug, das Land zu bereisen, denn Peru ist viele Länder in einem, zusammengewürfelt durch eine nationale Grenze, die nicht einen kann, was nicht zusammengehört.

Wenn die Menschen kein Coca kauen, knabbern sie vielleicht Popcorn, das es in allen Größen, Formen und Farben überall zu kaufen gibt, oder essen Meerschweinchen, Cuy, eine Delikatesse in Peru; das Nationalgericht ist Ceviche. Castellano ist die Amtssprache, Quechua die Sprache der Indigena, ein Wort, das in Peru mit einem schlechten Beigeschmack ausgesprochen wird. Lärm ist das Zeichen der Zivilisierten, Stille das Zeichen der Eingeborenen, deren Kultur, Sprache und Geschichte wie in allen einstigen Kolonien seit Einfall der Spanier erniedrigt und erdrückt wurde und wird. Die Indigena, die vor allem in den Anden und im Amazonas leben, haben wenig Respekt für sich selbst übrig, während sie dreimal im Jahr die Felder bestellen. An der Küste, in den großen Städten, sehnen sich die Menschen nach dem amerikanischen Lebensstil. Zwei Welten. Ich weiß, welche mir besser gefällt.

Ich radle wieder hinauf, auf 3000, 4000 Meter, wo die aufdringliche Neugier der Menschen mich zwar auf die Probe stellt, aber nicht so sehr wie die Ignoranz der Städte – auch wenn die peruanische Radiomusik, lallende Folter in Dauerschleife, mich in den Bergen wie in den Tälern verfolgt. Peru ist wie Bolivien eine Baustelle, denn solange ein Haus als Baustelle gilt, müssen die Peruaner keine Steuern zahlen, weshalb viele Häuser nie fertiggestellt werden. Nicht dass der Arm der Regierung über die Anden hinausreichen würde, unregierbar soll Peru sein, die Menschen regieren sich selbst, Schläge und Peitsche gibt es für Diebe. Die Indigena interessieren sich wenig für Gesetze aus Lima, obwohl die Regierung vor Wahlen immer mal wieder Geschenke ausschüttet: bunte Klohäuschen oder Kunstrasenplätze, die dann irgendwo im Nirgendwo auftauchen, ungenutzt für immer. So wie die Kirche in jedem Dorf, meist abgeschlossen, baufällig, als Schuppen genutzt. Wer nicht wählt, muss zahlen, falls er bei der nächsten oder übernächsten Wahl auftaucht.

Die Menschen regieren und helfen sich gegenseitig. Fahrende Flickenteppiche fahren hupend und rücksichtslos an mir vorbei, Colectivos und Micros – das öffentliche Verkehrssystem – die mich genauso in den Wahnsinn treiben wie das Gestarre und die ständigen Gringo-Rufe. Wem das Geld fehlt, der geht zu Fuß, oft mit einem Esel, der die Kartoffel- und Maissäcke schleppt. Zeit spielt in den Anden keine Rolle. Bewegungslos warten die Peruaner stundenlang auf die Colectivos, die keinem Zeitplan folgen. Ohne Handy, ohne Spiele. Sie sitzen einfach da, weil sie das immer gemacht haben. Schon als Baby sitzen sie schweigend in den Awayos, dreieckige, selbst gewebte Tücher, auf den Rücken ihrer Mütter, in denen Kartoffeln und Holz, in denen alles getragen wird, wenn gerade kein Kind drinnen sitzt. Zeitlos. Wer von uns wäre in der Lage, zehn Minuten auf den Bus zu warten, ohne sein Handy zu zücken, um Zeit totzuschlagen?

Ich fahre immer noch hinauf, zurück auf den Rücken Perus, zur Puna. Wasserlos. Kraftlos. Einen halben Tag hinab, 3 Tage hinauf. Das ist Peru. Auf halbem Weg nach oben finde ich eine Überdachung in einer Serpentine. Am nächsten Tag komme ich nicht viel weiter; in einem verlassenen Dorf richte ich mich in einem verlassenen Haus ein, und stehe früh auf, um die letzten Höhenmeter nach Rajan zu klettern, wo ich auf Anja und Barbara treffe, zwei Bikepackerinnen aus Slovenien, die den Berg per Anhalter hochgefahren sind. Hätte ich vielleicht auch mal machen sollen, dann hätte ich nicht altes Wasser und Apfelsaft aus weggeworfenen Flaschen am Straßenrand trinken müssen. Immerhin bin ich nicht verdurstet und habe wieder zwei Gleichgesinnte an meiner Seite, mit denen ich nach Huaraz radle.

Im Dorf Ticllos halten wir an der Pfarrkirche, wo uns die italienische Wirtin mit Käse, Brot und Kaffee versorgt – ein bisschen Heimat, da bekomme ich gleich Heimweh – bevor wir uns in den nächsten Berg stürzen. Von 30 Grad zurück zu Null Grad in vier Tagen, es bleibt extrem. Oben angekommen, hüllt uns eine Wolke ein, das Blut schafft es nicht mehr bis zu den Fingerspitzen. Die letzte Etappe ist (fast) nur bergab, zum ersten Mal wieder auf Asphalt, nach Huaraz, das Ende des Great Peru Divide, der Anfang der Cordillera Blanca, höchste tropische Gebirgskette der Welt, von der wir während unserer Zeit im Hostel El Tambo nichts sehen, denn dunkle Regenwolken umzingeln die weiße Gebirgskette, die nicht nur den höchsten Berg des Landes beherbergt, Huascaran (6768 Meter), sondern auch das Symbol von Paramount Pictures, Artesonraju.

Trotz der täglichen Schauer stürze ich mich wieder allein in die Cordillera Blanca, Barbara und Anja haben, wie zuvor schon Antonin, genug von Kälte, Berghoch, Regen und Schotterwegen. Kurzweilig überlege ich, ihnen zu folgen, mit ihnen Weihnachten und Silvester zu feiern, doch zum einen kann ich nicht an der Cordillera Blanca (weiße Gebirgskette, weil schneeweiße Gipfel und Gletscher das ganze Jahr) vorbeifahren, zum anderen ist alles Weihnachtsgefühl soweit weg, dass ich es nicht erzwingen will. Allein, allein kämpfe ich mich nach einer langen Pause (viel länger als geplant, doch das Faulenzen hat so gut getan) zurück in die Berge, zum berühmtesten Nationalpark des Landes.

8 comments on “Auf dem Rücken Perus steht die Zeit still

  1. Alles Gute meine Liebe, ich bewundere Deinen Mut und die Konsequenz mit der Du Deinen Weg fährst.

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  2. Oh Mann, Gringa, momentan leide ich immer innerlich mit, wenn du schreibst. Deine Schilderung Perus ist grandios, total nachvollziehbar, aber irgendwie auch niederschmetternd. Auf weniger Quälerei in 2020. wie lange gibst du dir noch?

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    1. luisarische sagt:

      ich habe eher angefangen, mich wieder mehr zu quälen. das war mir alles zu langsam und zu wenig im letzten jahr. haha. nein, ernsthaft, ich bin im januar – acht tage vor ende des monats – deutlich mehr geradelt als in allen anderen monaten im letzten jahr 😉

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  3. Ich bin selbst Radler, nur wenige Entbehrungen sind mir zu anstrengend. Aber du überwältigst mich immer wieder. Respekt, du bist bewundernswert

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    1. luisarische sagt:

      Je mehr entbehrungen, desto intensiver ist das reisen. es ist wie berghoch fahren, am berg denkst du: so ein scheiß, ich halte das nächste auto an, das mich hochbringen soll. und wenn du dann aus eigenen kräften oben ankommst, sind alle qualen vergessen 😊

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  4. Rapha sagt:

    Ich lese deine Beiträge richtig gerne. Das motiviert für die eigene Reise 🙂

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    1. luisarische sagt:

      so soll es sein. wo gehts denn hin?

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      1. Rapha sagt:

        Erst einmal plane ich ein paar kleinere Reisen. Im Mai geht es von riga nach Köln. Dazwischen ein paar Wochenendtrips. Mit dem Bus irgendwo hin und dann zurück. Nächstes Jahr dann eine große Reise durch Europa und Amerika 😊

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