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Luisa Rische

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Kapitel LXXVI: Die Cordillera Blanca

Die weiße Gebirgskette liegt vor mir, doch das Wetter spült meine Laune in die nächste Pfütze. Ich verlasse die geplante Route, und treffe Max in Huamachuco, der mich daran erinnert, warum ich eigentlich mit dem Fahrrad um die Welt fahre.

Das Kurbeln fällt schwer, nicht nur wegen der Höhe. Die seit zwei Monaten andauernde Regenzeit hat die Schotter-, Sand- und Erdwege bis zur Unfahrbarkeit aufgeweicht. Straßenbreite Pfützen, Hangabrütsche, tiefster Modder. Antons Elefantenpo versinkt. Ich kämpfe, hechle, stöhne lauf auf. Mir läuft der Schweiß, obwohl es eisig kalt ist. Ich radle nicht viel, zu anstrengend, zu schlechtes Wetter, zu schön allein mit der Natur. Trotz der 50 shades of grey, in denen sich der Himmel Tag für Tag präsentiert, ist der Nationalpark vielleicht spektakulärer als alles, was ich bisher in Peru gesehen habe. Die weißen Gipfel zum Greifen nah, ein Tal, das wie die Kulisse eines Films wirkt, zwei Lagunen eingebettet zwischen Bergen. Ich schlafe zwischen rot-grünen Bäumen, deren Rinde wie Blätterteig scheinbar abfällt, fahre hinauf zu den weißen Riesen, die sich am vierten Tag nach Huaraz endlich zeigen. Scheu lugen der Huascaran und der Artesonraju über die grauen Wolken hinaus, während mein Rad sich Tropfen und Tropfen tiefer in die aufgeweichte Erde gräbt.

Mit zwei Schritten habe ich die fensterlose Kammer am nördlichen Ende des Nationalparks durchschritten. Grau in Grau. Eine zweiteilige Tür, die sich unten und oben öffnet, wie in einem Stall. Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, eine Plastiktüte mit Kleidung. Nach drei Tagen im Nationalpark Huascarán, nach 5 Tagen Regen, seitdem ich Huaraz verlassen habe, habe ich für diese Nacht ein Dach gefunden, ein leerstehendes Zimmer einer Bodega, in dem ich nicht nur schlafen, sondern auch Handy und Tablet aufladen kann. Am nächsten Morgen versorgt mich die alte Frau noch mit einem Tee, dann kehre ich zu meinem Alltag zurück, zurück auf das Fahrrad, treten, kurbeln, lenken, hinunter, hinauf, hinauf, genießen, grüßen, die Gringo-Rufe und hupenden Colectivos ertragen.

Zu viele Menschen. Das hatte ich nicht erwartet. Dorf grenzt an Dorf grenzt an Dorf, Menschen überall, zwei Tage vor Weihnachten wandern die Frauen und Kinder zwischen den Dörfern hin und her, kaufen ein, Paneton, das die Peruaner traditionell am 23. Dezember essen. Die Frauen sprechen mich selten an, auch wenn sie immer freundlich sind, die Kinder starren, brüllen und laufen hinterher, was mich vor allem bergauf in den Wahnsinn treibt, wenn ich den Kindern nicht davonradeln kann. Die Männer rufen nicht nur Gringo, sondern beginnen immer wieder Gespräche. Ihre immer gleichen Fragen – Woher? Verheiratet? Kinder? – beantworte ich ein Dutzend Mal am Tag. Ja, ich bin ein bisschen genervt. Zu viele Menschen. Und dieses dämliche Gestarre.

Ob ich keine Angst hätte, fragen mich die Menschen manchmal, die, die sich tatsächlich für mich interessieren. Nach zwei Jahren ist die Angst zu einem stillen Begleiter geworden, der mich nicht mehr belästigt. Die Steigungen machen mir immer mal wieder Angst. Kann ich das schaffen? Nachdem, was ich alles geschafft habe, sollte ich mir eigentlich keine Gedanken darüber machen, doch das tägliche Hochfahren ist herausfordernd und manchmal frage ich mich immer noch, ob ich die Kraft dafür habe. Oft geht es viel leichter, als erwartet. Ich fahre durch Llumpa und Pomabamba zum nächsten Pass. Auf der Passhöhe hat sich die ganze Region zu einem Fußballturnier versammelt. Sie starren alle. Es ist der erste – oder war es schon der zweite? – Weihnachtsfeiertag. Weihnachten ist weit weg, von Kopf und Herz. Deshalb erzwinge ich die Weihnachtsstimmung nicht und mache das, was ich immer mache: Radeln, ohne auf Wochentage oder Daten zu achten.

Auf dem moddrigen Lehmweg des Cordillera Blanca Bikepacking Loop – außerhalb des Nationalparks – komme ich noch schwieriger voran. Verzweiflung, Frustration. In einem leerstehenden Haus richte ich mich nicht nur eine, sondern zwei Nächte ein, versteckt von allem Gestarre. Dann kämpfe ich mich weiter über die ausgespülten Wege, durch den Regen nach Pasacancha, wo ich eigentlich nach rechts zum Regenwald abbiegen will, doch der Regen treibt mich so in den Wahnsinn, dass ich nach links Richtung Küste abbiege. Zur Küste will ich nicht, aber erst einmal raus aus dem Regen, für zwei, drei Tage mal wieder trocken sein. Als mich die nächste Wolke auf dem nächsten Pass erwischt, richte ich mich kurzerhand in einer Felsnische am Straßenrand ein, bevor es am nächsten Tag 3500 Meter hinunter ins dürre Tal geht.

Kaum bin ich nach stundenlanger Abfahrt, die im Nebel begann und bei 35 Grad endet, unten ankommen, will ich schon wieder nach oben. Immer das Gleiche, hatte ich schon erwähnt. Die Menschen sehen genervt aus, ignorant, zu viel Verkehr, zu heiß, die Landschaft zu langweilig. Gähn. Wäre ich doch in den Dschungel gefahren, überlege ich, doch der Regen, dieser blöde Regen, ich liebe den Dschungel, die Geräusche, das ganze Obst. Und halte Regen auch sehr viel länger als andere Radler aus, aber irgendwann ist auch meine Grenze des Nasssein überschritten. Stattdessen genieße ich drei Tage ohne einen Tropfen, finde eine verlassene Mango-Plantage, auf der ich mich mit Mangos eindecke, und genieße die Kilometer auf der asphaltierten Straße. Dann geht es wieder hinauf, 3000, 4000, 5000 Meter, auf nicht-asphaltierten Wegen. Es nimmt kein Ende und Peru ist erst der Anfang, der Trans Ecuador gilt als noch härter als der Peru Divide.

Silvester verbringe ich wie Heiligabend. Schlafend. Dafür erlebe ich einen besonderen Neujahrstag. Nachdem ich vier Stunden an einer Baustelle warten muss, um weiterzufahren, lädt mich Frank zum Essen mit seiner Familie in Angasmarca ein. Der 27-Jährige und seine neun Schwestern fragen mich vier Stunden lang aus, die Gespräche drehen sich vor allem um die Unterschiede zwischen Deutschland und Peru. Während Englisch wie Deutsch über meine Lippen fließt, ist Spanisch wirklich anstrengend für mich und nach vier Fragestunden bin ich völlig am Ende. Da hilft nur Radeln. Über Cachicadan fahre ich weiter nach Huamachuco, als mich der Regen schließlich wieder einholt, wie ein schwebender Duschkopf über meinem Kopf. Nach 5 Minuten bin ich durch, nach 15 Minuten finde ich ein leeres Haus, in dem ich mich einrichte, trockne.

Manchmal ist es Schicksal. Manchmal ist es die richtige Begegnung zur richtigen Zeit. In Huamacucho schlafe ich bei Mako. Seine Tochter hat vor fünf Jahren den ersten kolumbianischen Radler mit ins Haus gebracht. Seitdem steht seine Tür allen Radlern offen. Über Mund-zu-Mund-Propaganda landen die meisten Radler tatsächlich auch in seinem Haus. Obwohl nicht viele Radler in der Regenzeit zu Besuch kommen, bin ich nicht die einzige. Einen Tag nach meiner Ankunft tauchen Daniela aus Mexiko und Max aus Deutschland auf. Max und ich stellen schnell fest, dass wir die gleiche Sprache sprechen. Nicht Deutsch. Sondern wir haben eine gemeinsame Begeisterung für das Radfahren, was nicht selbstverständlich ist. Im Gegenteil: Fast alle Radreisenden, die ich treffe, sind Reisende, die sich mit dem Fahrrad fortbewegen, und das Fahrradfahren oft gar nicht mögen; Max und ich sind Radler, die reisen. Das hatte ich allerdings in meinem Wahn, entspannter reisen zu wollen, vergessen. Max erinnert mich an meine Sucht, und an meinen wichtigsten Grund, warum ich mit dem Fahrrad um die Welt reise.

Max und ich haben die gleiche Erfahrung gemacht: Im Gespräch mit anderen Radreisenden fühlen wir uns immer wieder verurteilt, als ob wir auf die falsche Art reisen würden. Während Max sich seine Geschwindigkeit beibehalten hat, habe ich meine verloren, zurückgelassen. Nicht nur wegen der Urteile: Wenn du so schnell reist, verpasst du alles, erlebst du nichts, bist ständig müde; es geht nicht ums Radfahren; warum reist du im Regen. Andries war der erste, der mich entschleunigte, und mir immer wieder einhämmerte, langsamer zu reisen, dass es nicht nur ums Radeln gehe. Im vergangenen Jahr, als alles weniger rund lief, war es die richtige Entscheidung, die Geschwindigkeit rauszunehmen, doch heute fühle ich mich so wohl wie noch nie allein mit meinem Fahrrad in der Fremde, und das Gespräch mit Max gibt mir das Selbstvertrauen, wieder meinem eigenen Rhythmus zu folgen, ohne mich von den Urteilen anderer einbremsen zu lassen.

Max erinnert mich daran, warum ich mit dem Fahrrad aufgebrochen bin. Weil ich das Fahrradfahren liebe, weil ich die sportliche Herausforderung liebe. Deshalb radle ich gern auf Asphalt, deshalb stehe ich früh auf und radle bis zum späten Nachmittag durch. Alles, was mich stoppt, frustriert mich, und wenn es nur ein Platten ist. Das Treffen mit Max bringt meinen Fokus und meine Begeisterung zurück. Ich habe in den vergangenen Monaten versucht, alles andere in den Fokus zu rücken, und das war eine wichtige Erfahrung, aber die Wahrheit ist, dass ich einfach radeln will. Max erklärt mir, dass das in Ordnung ist, dass es in Ordnung ist, sich bis zum Umfallen zu pushen, nicht an jedem Wasserfall zu halten.

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