Ein Leben auf zwei Rädern

„Yet vagrancy is a deliverance, and life on the open road is the essence of freedom.“

Isabelle Eberhardt

Kein Witz! Ich fahre wirklich um die Welt

Lübeck, 17. Mai 2017

Blog-Kapitel 1

Es ist 7.30 Uhr am 17. Mai 2017. Der Wecker reißt mich nach unruhigen 5 Stunden aus dem Schlaf. Ich habe geträumt, dass ich auf einem Naturlagerplatz in Dänemark übernachtet habe. Der Platz lag auf einem Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen einer Autobahn. Ich bin mir nicht sicher, was mir mein Unterbewusstsein damit mitteilen will, entscheide mich aber konsequent, die erste Nacht auf einem geschützten Zeltplatz zu übernachten.

Der Tag der Tage, schreibt Dana. Anna versucht ein weiteres Mal, mich zu überreden, das Rad zu vergessen und nach Konstanz zurückzukehren. Doch für mich gibt es kein Zurück mehr, in meinem Kopf bin ich auf diese Reise schon vor Jahren gestartet. Auf einem Schrank vor meinem Bett hängt ein gelber Klebezettel. Den hatte ich aufgehängt, bevor ich ins Bett gegangen bin. „Zelt, Messer, Tagebuch“ steht darauf. Ich hole das frisch imprägnierte Zelt, suche meine Messer zusammen, die beim Umzug in eine unbekannte Schublade geraten sind, und krame nach einem Notizbuch, dessen Seiten noch weiß sind. Ich packe alles in die bereits übervollen Taschen. Dann geht es nach Puttgarden.

An der Fähre bekomme ich das große Flattern. Scheiße! Was mache ich denn hier? Bin ich völlig bescheuert? Ich fahre allein um die Welt, zwei Jahre kein Zuhause, keine spontanen Besuche bei Anna zum Gintonic-trinken, singen, quatschen, kein Seafoodfestival mit Susu und ihrer Glutenunverträglichkeit, kein Tretboot-Ausflug auf den Bodensee… ? Das Flattern geht so schnell, wie es gekommen ist. Krass, ich fahre jetzt um die Welt. Wie geil ist das denn! Ich lebe meinen Traum. Die Gefühle fahren Achterbahn. Die nächste Fähre legt an, es ist 15 Uhr. Die Schiffsklappe öffnet sich – kommt da doch tatsächlich ein Zug aus dem Schiff gefahren! Ob die Leute aussteigen dürfen während der Zugfahrt mit dem Schiff?

Auf der Fähre stürzt sich das erste wilde Tier auf mich. Eine Möwe kommt im Sturzflug auf mich herabgeschossen. Ich nehme sie nur aus dem Augenwinkel wahr, denke, sie hat es auf mich abgesehen. Im Blick aber hat sie mein Sandwich. Ich rette mein Sandwich und mich selbst. Das fängt ja gut an, denke ich, aber: überlebt! Auf der Fahrt nach Dänemark reißt der Himmel auf. Seit Wochen friere ich mir in Lübeck den Arsch ab, habe sogar meine Wintersachen nach dem Umzug wieder herausgeholt – und dann: gehe ich auf Weltreise und der Sommer ist da!

Ich bin keine zwei Kilometer unterwegs, da habe ich mich bereits das erste Mal verfahren und meinen ersten Weggefährten gefunden. Jens, von seinen Freunden Bucky genannt, ist auf dem Weg ins nächste Dorf; er läuft. Als ich gerade an ihm vorbeifahren will, spricht er mich an. Wo ich hin will? Ich so: Um die Welt. Ey, cool, seit wann ich schon unterwegs sei? Seit fünf Minuten. Wir lachen. Die nächsten 10 Kilometer bewältigen wir zusammen. Ich mit dem Fahrrad, er zu Fuß. Ein Foto zum Abschied, er empfiehlt mir, in Maribo am See zu übernachten, dann trennen sich unsere Wege.

Morgen kehrt vielleicht der Alltag, die Routine ein, Ernüchterung, Heimweh, Zweifel. Aber heute bin ich mit meinem Fahrrad auf eine Reise um die Welt gestartet…

…die mich am Ende viel länger, als geplant, an Orte führt, zu denen ich nie fahren wollte, und mich zwingt, all meine psychologischen und körperlichen Grenzen immer und immer wieder zu überwinden. Am Ende kann mich nur eine Pandemie in die Knie zwingen.

Vorher/Nachher

Norwegen 07.2017//Peru 12.2019
Schweden 05.2017//Peru 01.2020

Das war der Plan…

Das war die Route…

Deutschland 05.2017//Peru 01.2020
Norwegen 06.2017//Bolivien 06.2019
Schweden 05.2017//Peru 12.2019

Schlafen von Kopenhagen bis Tokyo

Das Zelt ist in Skandinavien mein treuer Begleiter, bringt mich trocken durch jede Nacht: zunächst auf Zeltplätzen; später, als sich meine Angst vor dem Wildzelten legt, irgendwo, wo ich einen Platz für die weißen Nächte hinter dem Polarkreis finde. Von Helsinki bis Ulan-Bator wiegt mich der rhythmische Klang der rollenden Räder der transsibirischen Eisenbahn in den Schlaf. In der Mongolei weiß ich vor lauter Weite nicht, wo ich mich breit machen soll, in China fliehe ich noch vor Sonnenaufgang und in Japan darf ich sogar in der Stadt zelten. Das waren meine wilden Nächten von Kopenhagen bis Tokyo.

Angestarrt, belagert, entführt: Wo bin ich denn hier gelandet?

Blog-Kapitel 25 (China, 08/2017): Von Erenhot nach Xianghuangqi

„Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.“ – Konfuzius, chinesischer Philosoph und Lehrmeister, 551 bis 479 v. Chr.

Ungewissheit macht mich nervös. Auf so einer Reise ist jeder Tag ungewiss, ist jeder Tag ein Abenteuer, ist jeder Tag die Suche nach einem Schlafplatz, ist jeder Tag das Streben nach Sicherheit, während ich auf meinem Fahrrad und in meinem Zelt völlig schutzlos Natur und Mensch ausgeliefert bin. Diese Ungewissheit treibt mich im fremden Asien immer mal wieder in den Wahnsinn. Dann denke ich an meine Freunde und male mir vor meinem geistigen Auge aus, wie ich sie alle in die Arme schließe und nicht mehr loslasse. Dann lache ich laut und denke nicht weiter darüber nach. Das Geheimnis ist, es ab und zu zuzulassen, das quälende Gefühl der Ungewissheit, um nicht leichtsinnig zu werden, und sonst nicht darüber nachzudenken. Ich konzentriere mich auf die Dinge, die ich beeinflussen kann. Blindes Vertrauen in fremde Menschen ist dabei immer wieder nötig.

Das Gefühl der Ungewissheit drückt nach der Überquerung der mongolisch-chinesischen Grenze mal wieder auf den Panikknopf. Ich lasse es 5 Sekunden zu, dann analysiere ich meine Situation wie ein Matheproblem. Ich bin in Erenhot. China. Ich habe kein Internet, ich habe kein Geld, ich kenne den Wechselkurs nicht, ich habe keine Orientierung, keine Übernachtung, keinen Plan. Die Menschen starren mich an, als ob Brad Pitt persönlich in Erenhot gelandet wäre. Keine Seele spricht auch nur eine Silbe Englisch. Die nächste Stadt liegt 120 Kilometer entfernt. Dazwischen bläst der Wind den Sand der Wüste über die ewige Weite. Es ist 11.36 Uhr. Durchatmen. Ankommen. Planen. Einen Schritt nach dem anderen.

Ich bin in Erenhot. Erlianhaote. Erlian. Die Stadt hat viele Namen und ist ganz anders als sein Pendant Zamiin-Udd. Die Straßen sind zu achtspurigen Boulevards mit einem grünen Mittelstreifen ausgebaut. Die Gehwege sind frisch gepflastert, blank poliert. Grüne Parks sprießen inmitten der Wüste, Wasser plätschert aus Springbrunnen. Das Plätschern ist nur zu erahnen, es ist so laut: alles hupt, alles schreit, blecherne Mikrofonstimmen hallen zwischen den Häuserwänden wider. Reklametafeln entlang der Straßen leuchten bei Tag und bei Nacht. Ein Passant hebt eine leere Plastikverpackung auf, wirft sie in den nächsten Mülleimer. Wo bin ich denn hier gelandet?

Der Schein trügt. Ein Blick hinter die Fassaden zeigt, dass Erenhot einst so aussah wie Zamiin-Uud; Gassen und Hinterhöfe fern ab der glitzernden Hauptstraße sehen immer noch so aus. Müll, Fäkalien, Dreck, bröckelnde Hauswände. In diesen Gassen räumt niemand den Müll weg, in diesen Gassen fegt niemand den Sand weg, den der Wind aus der Wüste tagein, tagaus in die Grenzstadt trägt. Dutzende Neubauten, blanke Glasfassaden, moderne Ampeln und entstehende Hochhäuser können dieses Bild nicht trügen. China will. China will Quantität. China will keine Qualität. Der Schein genügt einem Land, das sich in den vergangenen 20 Jahren auf der Überholspur zum Weltspieler entwickelt hat.

Ich mache mich auf die Suche nach Wifi. Das gibt es überall. Nicht alle Netze sind offen, nicht alle offenen Netze akzeptiert mein Tablet. Doch ich werde fündig. Die Planung kann beginnen. Ich nutze Bing statt Google und entscheide mich, in Erenhot zu bleiben. Die Übernachtung im Hotel kostet mich weniger als eine Übernachtung auf einem Zeltplatz in Skandinavien. Privatsphäre. Zum ersten Mal, seit ich Deutschland verlassen habe. Nach der heißen Dusche tanze ich nackt durch das Hotelzimmer – nicht, dass ich das im Wald nicht auch schon gemacht hätte. Doch ohne Google, Facebook, Instagram und YouTube, ohne Telegram und WhatsApp, die mit meinem gestohlenen Handy verschwunden sind, bringt das Ganze wenig Spaß. Nur Wire ist mir geblieben. Immerhin.

China, Tag 2. Es passiert am helllichten Tag. Ich werde gekidnappt, entführt. Sack über den Kopf und weg. Quatsch, ich übertreibe mal wieder völlig. Es sind drei Hotelangestellte, die mich sanft an den Schultern packen und dauer-kichernd ins nächste Hotelzimmer schieben, das sie gerade reinigen. Dort holen sie ihre Handys aus den Taschen, posieren um mich herum und knipsen: mich und uns und mich. Dann lassen sie mich wieder gehen. Ich packe Anton und zuckle los. Acht Spuren. Zwei Radspuren. War das gerade ein Auto oder doch nur ein Traum? China. Zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Schein und Sein.

Als die Stadt aufhört, die Hochhäuser im Nichts verschwinden, beginnt die Wüste. Nahtlos. Am Straßenrand stehen grün bemalte Dinosaurier. Zwei Langhälse – Littlefoot lässt grüßen – bilden das Tor nach draußen oder nach drinnen. Jurten zieren weiterhin den Straßenrand, Pferde und Kamele schlurfen über den trockenen Wüstensand. Zwei Radfahrer kommen mir kurz hinter Erenhot entgegen. Es bleiben die zwei einzigen Radreisenden, die ich in China – zumindest bis Shanghai – sehe. Ich will an diesem Tag in Sonid Youqi ankommen, und wieder im Hotel übernachten. Die abentuerlichen Nächte in der Mongolei stecken mir noch in den Knochen – und so ein abgeschlossener Raum ist schon was Feines, aber ich komme nicht in Sonid Youqi an.

Aus dem zunächst lauen Lüftchen entwickelt sich ein handfester Sturm. Zwischendurch geht nichts mehr. Ich halte an einer Raststätte und werde gleich wieder belagert. Ich versuche, einem der neugierigen Chinesen zu erklären, wo ich hin will, in der Hoffnung, dass er mich mitnimmt. Er lädt mich zu einer Nudelsuppe ein. Immerhin. Dann trete ich wieder in die Pedale. Am späten Nachmittag lässt der Sturm nach. Doch es ist zu spät. 11 Kilometer vor der Stadt hat sich die Sonne hinterm Horizont verabschiedet. Im Dunkeln will ich nicht fahren. Ich schlafe am Straßenrand, unter der Straße, in einem Durchfluss, Abfluss, weil auf der gesamten Strecke ein Zaun den Ausflug in die Wüste verhindert. Als die Sonne um 5.20 Uhr aufgeht, fahre ich weiter. Nach Sonid Youqi. Die Stadt ist bereits auf den Beinen. Auf einem Vorplatz betreiben 100 Chinesen zusammen Gymnastik zu lauter Musik, deren Echo durch Straßen und Gassen hallt. Ich ziehe alle Blicke auf mich. Sie starren. Ungeniert. Wo bin ich hier bloß gelandet?

Rückenwind. Ich fliege durch die Innere Mongolei und erreiche an diesem Tag mein Ziel. Xianghuangqi. Nur das mit dem Hotel will einfach nicht klappen. Im ersten Hotel trage ich bereits meine Taschen ins Zimmer, als sie mich doch wieder fortschicken. Die anderen Hotels finde ich erst gar nicht, einige nehmen nur Chinesen auf, viele Angestellte verstehen nicht, was ich von ihnen will. Das größte Hotel hat kein freies Zimmer mehr. Zeitverschwendung. Zurück ins Zelt. (Erst Tage später erfahre ich, dass die Hotels fern touristischer Orte keine Touristen aufnehmen dürfen.)

Bevor ich jedoch die Stadt, die mit der gleichen Schablone, die sie für Erenhot und Sonid Youqi nutzten, ins Nichts gestampft wurde, wieder verlasse, kaufe ich noch Wasser und Lebensmittel ein. Während ich mich im Geschäft durch Instant-Nudeln und Trockenfleisch zu Joghurt und Obst durchwühle, versammelt sich gefühlt die halbe Stadt um mein Fahrrad. Alle reden auf mich ein, als ich hinauskomme. Ich wiederhole, dass ich kein Chinesisch spreche und verdrücke mich so schnell ich kann, verfolgt von einem Motoroller, der mir am Gepäckträger klebt und nicht weichen will, bis ich anhalte und warte, bis er fort ist. Die Sonne ist fast untergegangen. Da mir nicht viel Zeit zum Suchen bleibt, schlafe ich erneut am Straßenrand. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend. Schlaflos in China. Wo bin ich hier bloß gelandet?

Schlafen von Hanoi bis Sydney

Durch Südostasien reise ich zunächst mit Florian, später mit Andries und Bas. Wir zelten wild, in billigen Hotels, bei Einheimischen, in buddhistischen Tempeln und in einem Elefanten-Reservat. In Neuseeland rase ich zunächst mit meinen Freunden aus Deutschland, Franzi und Dana, und unserem Campervan Speedy über die Nordinsel. Anschließend schlafe ich wild auf ausgezeichneten Zeltplätzen, in Hütten für Wanderer und bei Kiwis, die mich mit Essen und heißen Duschen versorgen, während der Winter auf der Südinsel einkehrt. In Australien ist zwar auch Winter, doch die Temperaturen sind gemäßigt. Ich schlafe bei Ross und Barb, die ich Monate zuvor in der Mongolei getroffen hatte, zelte wild oder schlafe in Hütten, und immer wieder bei Australiern, die mich zu ihnen nach Hause einladen.

Überraschender Zwischenstopp: als 5. Schäferhund auf einer Schaffarm

Blog-Kapitel 48 (Australien, 07/2018): Von Albany nach Esperance

Nach vier Wochen in Australien sollte mich die neugierige Gastfreundschaft der Australier nicht mehr überraschen. Doch als Rod und Sue mir erst eine Mitfahrgelegenheit anbieten, mich dann auf ihre Farm einladen und mich schließlich für einen Tag zum fünften Schäferhund machen, kann ich mein Glück kaum fassen.

Mit Rückenwind verlasse ich Albany, meide den South Coast Highway und biege auf die Chester Pass Road ab. Die erste Nacht verbringe ich auf dem Rastplatz des Porongurup Nationalparks, am Fuße des Castle Rock, zwischen Picknick-Tischen und öffentlichen Toiletten. Ob ich auf dem Rastplatz zelten darf, weiß ich nicht, aber ein Verbotsschild kann ich nicht finden. Das reicht mir, um meine Heringe in den Boden zu rammen und zwischen neugierigen Kängurus zu übernachten. Es ist eine überraschend warme Nacht.

Der Wind bläst mich hoch zum Stirling Range Nationalpark. Mein Ziel ist der Rastplatz in Borden, doch soweit schaffe ich es nicht. 10 Kilometer vor dem 150-Seelen-Dorf hält mich eine Lollipop-Frau an. Stop and Go. Bauarbeiten. Ich muss warten. Die Frau winkt die zwei Autos hinter mir durch, doch der zweite Fahrer wirkt unsicher, rollt mit seinem weißen Geländewagen an meine Seite, hält an. Der grauhaarige, hagere Mann beugt sich vor, an einer Frau mit Einkaufstaschen vorbei, die mich mit ihren kleinen runden Augen durchdringend mustert, und fragt mich durch das offene Fenster, ob sie mich mitnehmen können. Klar, warum nicht, antworte ich.

Er fährt den Geländewagen an den Straßenrand, während ich Anton entlade, steigt aus und hält mir die Hand hin. Rod, stellt er sich vor. Luisa. Nice to meet you. Wir werfen Anton auf die Ladefläche, dann nehme ich neben Sue Platz. Die zwei kommen gerade von ihrem monatlichen Einkauf in Albany zurück, sie erzählen, sie hätten mich bereits auf der Hinfahrt entdeckt. Rod fragt gar nicht erst, wo ich hin will. Es ist 16 Uhr, die Sonne geht bald unter, sie nehmen mich mit zu ihrer Farm im Süden Bordens. 3000 Hektar. 8000 Schafe. 100 Kühe. Do you want to be a farmer for an hour and a half, fragt mich Rod. Na klar doch, erkläre ich mit leuchtenden Augen.

Die Kühe müssen gefüttert werden. Auf dem Weg zum Stall fahren wir an einem Schaf vorbei, das gerade zwei Lämmern das Leben geschenkt hat. Die blutige Nachgeburt hat das graue Fell des Schafs rot gefärbt. Die zwei Lämmer, deren Beine zu lang für ihre Körper zu sein scheinen, liegen unter ihr. Ihr Fell leuchtet orange. Kein gutes Zeichen, erklärt mir Rod, es sei ein hartes Jahr gewesen. Rod und Sue warten auf den großen Regen. Die Felder sind abgegrast, die Schafe hungern. Es war zu trocken, viel zu trocken. Dürre im Winter, sagt Rod, das habe er noch nie erlebt. Der leere Magen der tragenden Schafe soll die orange Farbe der Lämmer verursachen.

Wir laden das Heu mit einem Traktor aus dem 19. Jahrhundert – so sieht er zumindest aus und so hört er sich auch an – auf die Ladefläche des Jeeps. Kannst du fahren, fragt mich Rod. Ja, aber nein, erkläre ich panisch. Ich kann eigentlich fahren, mir fehlt jedoch die Praxis, und dann ist in den australischen Autos noch alles verkehrt herum. Ich halte mich lieber von Gaspedal und Kupplung fern. Ich mache nur irgendwas kaputt, versuche ich zu erklären. Rod lacht. Mir schießt die Röte ins Gesicht.

Bevor wir über die Felder zu den Kühen fahren, laden wir noch ein Schaf ein, das den Tag stehend im Stall verbracht hat, mit Wasser und Getreide. Nun soll es fit genug sein, um zur Herde zurückzukehren. Kip, eine dreijährige Schäferhündin (nicht die Rasse, sondern ihr Beruf), liegt mir im Jeep zu Füßen. Ich sitze im Schneidersitz auf dem Beifahrersitz – hatte ja genug Übung in Südostasien, meine Knie in diesem absurden Winkel zu verbiegen. Auf dem Weg sehe ich noch viele Lämmer, einige von ihnen tot. Die Schafe leiden, ihre Knochen stehen hervor.

Auch die Kühe haben Nachwuchs bekommen. Ein schwarzes Kalb liegt im Schatten der Steine, während die Mutter sich auf das Heu stürzt. Das Kleine kommt wackelnd auf die Beine, stakst zur Mama und trinkt. Beautiful, kommentiert Rod. Wir bringen Sue die wunderbaren Neuigkeiten. Sie hat derweil das Abendbrot vorbereitet. Lachs, Kartoffeln, Brokkoli. Ich haue mir den Magen voll. Nachschlag um Nachschlag. Und noch eine Scheibe Brot. Den nächsten monatlichen Einkauf müssen die zwei wohl früher erledigen, geht es mir schuldbewusst durch den Kopf.

Rod hat die Farm von seinem Vater geerbt; Sue hat er während ihres Studiums und seiner Lehrzeit kennengelernt. Sie sind seit mehr als 30 Jahren verheiratet, haben zwei Kinder, die in London und New York leben. Sue hat viele Jahre als Lehrerin in Borden gearbeitet, heute arbeitet sie nur noch auf der Farm und musste vor anderthalb Monaten mit ansehen, wie ein Bulle Rod fast getötet hätte, als er auf ihn zurannte, ihn umrannte, Rippen, Bein und Schädel brach. Ich sehe sofort die mongolischen Ochsen mit ihren langen Hörnern auf mich zurennen und um mein Zelt versammeln. Rod erklärt: Ich kann froh sein, noch am Leben zu sein. Ich werde es in Zukunft den Toreros in Pamblona überlassen, sich mit Stieren anzulegen. Ich auch, denke ich.

Rod und Sue haben schon viele Backpacker beherbergt. Manche haben auf der Farm gearbeitet, andere haben sie an der Straße aufgesammelt wie mich. Am nächsten Morgen fragt Rod mich, ob ich ein Farmer für einen Tag sein will. Na, und ob! Auf diese Frage hatte ich heimlich gewartet. Gemeinsam packen wir den ganzen Tag an: Sue und Rod, Kirsty aus Neuseeland und Lulu aus Deutschland, Kib, Bridge, Euge und Maria, die vier Hündinnen. Ich kann mein Grinsen nicht abstellen, was für eine einmalige Erfahrung! Sue muss immer anfangen zu lachen, wenn sie mich sieht – weil ich die ganze Zeit grinse.

Wir treiben zwei Schafherden durch ein Gewirr aus Weiden, Gattern und Umzäunungen in den Stall. Ein Emu, das denkt, es wäre ein Schaf, folgt der Herde. Es sieht zum Brüllen aus, wie das Emu aufgeregt hinter den Schafen herstakst, die von den Hunden zusammengetrieben werden. Die Schafe der zwei Herden sind gerade mal 1 Jahr alt, aber viel zu klein. Kirsty tränkt sie, um sie vor Würmern zu schützen, während Rod und ich eines der ausgewachsenen Schafe zum Stall bringen, das sich dem Scheren entzogen hat. Heute ist es soweit. Das Fell kommt ab. Weich, warm, kuschelig. Nackt und weiß geht es zurück auf die Weide, während Bridge mir nicht mehr von der Seite weichen will. Neue beste Freunde. Auch Kib knutscht mich ab, ich teile mir mit beiden Hündinnen den Beifahrersitz.

Am Nachmittag laden wir Getreide auf, um die anderen Schafherden zu füttern; am Abend erlebe ich meine zweite Geburt. Das Lamm fällt immer wieder auf sein Gesicht, während es versucht, sein Gleichgewicht auf den vier Stelzen zu finden, um an die Zitzen des Euters zu kommen. Sue und ich beobachten die ersten Gehversuche vom Jeep aus, der 13-jährige Collie, Maria, liegt auf meinem Schoß. Dann geht es zurück zum Haus. Es gibt Auflauf vor dem Fernseher. Tour de France läuft.

Abschied nehmen. Am nächsten Morgen geht es weiter. 100 Kilometer. Rückenwind. Erneut halte ich auf einem Rastplatz mit Bänken an der Straße, mein Zelt baue ich im Busch auf. Als ich vor Sonnenaufgang mit Kocher und Reis zu den Bänken laufe, um zu kochen, kommen John und Elena mit ihrem Caravan auf den Platz gefahren. Sie laden mich zum Essen ein. Curry, Wein, Schokolade, Chips und Tee. Was für ein Luxus. Die zwei leben in Melbourne. Ingenieur im Ruhestand und aktive Krankenschwester. Seit drei Wochen sind sie mit dem Caravan unterwegs, fünf Wochen bleiben ihnen noch, bevor Elena zurück muss. Nach einem gemeinsamen Tee am nächsten Morgen fahre ich weiter.

Die Straße erinnert mich an Finnland, Welle um Welle wölbt sich das asphaltierte Monster über die Hügel. Hinauf und hinunter, Buckel um Buckel. Eine fast direkte Gerade von Borden nach Esperance, an keiner Stelle ist diese Gerade flach. Doch die Taschen sind nicht zu voll, ich wieder deutlich trainierter und der Rückenwind hilft kräftig mit. Ich schlafe in Ravensthorpe, fahre im Sturm nach Muglinup. Das schlechte Wetter ist endlich da, Regenschauer um Regenschauer verschluckt mich auf dem South Coast Highway. Ich juble, in Gedanken bei den Schafen von Rod und Sue.

Nach weiteren 100 Kilometern komme ich am Pink Lake an, Esperance nur einen Steinwurf entfernt. Doch ich wähle am nächsten Morgen, nach einer Nacht auf dem weißen Ufersand des Sees, den langen Weg nach Esperance, um den See herum, am 11 Mile Beach entlang. Eine atemberaubende Strecke: Panoramabild an Panoramabild erstreckt sich die sandige, von Dünen bedeckte Steilküste an dem türkisblauen Meer, das aufgewühlt gegen den weißen Strand schlägt. Klischeemotiv für alle Urlaubskataloge.

Im strahlenden Sonnenschein komme ich im geschniegelten Esperance an. Ich checke im Hostel ein, Warmshowers ist in Esperance nur ein fernes Gerücht. Zwei Nächte, die mich nichts kosten. Denn Chefin Lisa ist so begeistert, einen weiblichen Bikepacker zu beherbergen, dass sie mir alle Kosten erlässt, und jedem neuen Gast aufgeregt erzählt: Luisa is pushbiking the Nullarbor. Die Australier, ich liebe sie!

Nach 1200 Kilometern und 12000 Höhenmetern ist mein Körper zurück im automatisierten Maschinenmodus. Dauerverbrennen. Das merke ich in der ersten Nacht im Hostel. Grießbrei mit Banane, Datteln und Nüssen zum ersten Frühstück, Kuchen zum zweiten Frühstück, Reis mit Thunfisch und Linsen zum Mittag, Kuchen zum Nachmittag, Schinken-Erbsen-Suppe und zwei Toasts zum Abendbrot reichen meinem Körper nicht mehr aus. Er hat Hunger und lässt mich nicht einschlafen, essen will ich um 23 Uhr aber auch nicht mehr, dann kann ich noch weniger schlafen.

Irgendwann versinke ich schließlich im Lummerland und wache um vier Uhr frierend unter zwei Decken und einem Schlafsack wieder auf. Hunger, Hunger, Hunger. Es hilft alles nichts. Ich schleiche in die Küche. Müsliriegel und Banane. Schlafen kann ich danach allerdings nicht mehr. Ich fange an zu arbeiten, schreibe den ganzen Tag – bis auf die 2 Stunden im Supermarkt, die ich brauche um kiloweise haltbare, billige Lebensmittel für die Nullarbor einzukaufen – bis tief in die Nacht hinein. Es ist das letzte Mal für vier Wochen, dass ich Internet und Steckdosen habe.

Bevor ich wieder auschecke, fahre ich mit Jim aus Hopetoun und Aurelie aus Frankreich, deren Autos bei der Werkstatt sind, zur Lucky Bay und zur Hellfire Bay. Türkisblau auf kreideweiß. Eine Gruppe Delfine unterhält uns, während sie jagen. Der Sand knirscht unter meinen Zehen. Hier lässt’s sich leben. Will ich wirklich irgendwann zurück nach Deutschland?

Schlafen von Valparaiso bis Lima

Die unbewohnten Weiten auf dem südamerikanischen Kontinent geben mir ungewohnte Freiheiten, wild zu zelten. Doch immer häufiger habe ich ein Dach über dem Kopf. In Patagonien schlafe ich in Haltestellen und Hütten, die einst Arbeitern Schutz vor Wind und Wetter geboten haben; erneut schlafe ich auf Farmen und in einer Bäckerei, immer wieder werde ich eingeladen. Durch die Atacama, die trockenste Wüste der Welt, radle ich zu den Salzwüsten des Altiplano, schlafe in Bahnhöfen und Wagons, Schulen und Gemeindehäusern, in Casas del Ciclistas (Häuser der Fahrradfahrer), bei Bauern oder in den Schlafsälen von Kirchen und Minen. Auch bei Feuerwehren finde ich Schutz oder bei leidenschaftlichen Radlern und ausgewanderten Deutschen in Ecuador.

Flucht mit Hindernissen: Der Winter jagt mich durch Patagonien

Blog-Kapitel 63: Von Punta Arenas bis Perito Moreno

Grenzen. Sie zu überwinden, dafür scheinen wir geboren. Oder wie ist es zu erklären, dass die Überwindung dieser Grenzen uns beflügelt, mit Adrenalin vollpumpt, uns das Gefühl gibt: Ich kann alles schaffen. Der Weg zu diesem Gefühl jedoch ist eine blutige Schlacht gegen den Fluchtinstinkt. Und ich bin noch bei der Grenzüberquerung.

Ich wär’ so gern ein Hobbit. Dann hätte ich Füße wie aus Feuerholz, könnte tagsüber ohne kreidebleiche Zehen radeln, und nachts einmal wieder durchschlafen. Doch außer, dass ich am gleichen Tag wie Frodo und Bilbo Beutlin Geburtstag habe, verbindet mich nicht viel mit den Auenländern – die Größe vielleicht noch, und dass ich auf einer abenteuerlichen Reise bin, und dass ich dreimal frühstücke, bevor es Mittag gibt, zweites Mittag, Kekse … : Also eigentlich verbindet uns dann doch recht viel, aber die Füße eben nicht. Deshalb halluziniere ich tags und nachts japanische Onsens vor meinen Augen und versuche, meine Füße mit meinen Gedanken warmzuhalten. Was so gut funktioniert, wie mich nach Japan zu teleportieren.

Immerhin hat der Wind zurück in den zweiten Gang geschaltet, während ich über die chilenische 9 zur Grenze radle – was auch nicht selbstverständlich ist, denn der 10-Euro-Luxus im Hostel war mal wieder so kuschelig, dass ich erst eine zweite und dann noch eine dritte Nacht blieb. Wäre das Wifi nicht ausgefallen, wäre ich vielleicht immer noch im Barefoot Backpackers in Punta Arenas. Schön wär’s. Stattdessen überzieht der weiße Atem des Winters das Land mittlerweile jede Nacht; mein Atem eine leuchtend weiße Dunstwolke, das einzige Lebenszeichen, das in der Nacht aus dem golfballgroßen Atemloch meines Schlafsacks dringt. Die Daunen halten mich warm, doch warm und warm ist nicht immer das gleiche. Es gibt kuscheligwarm und es gibt überlebenswarm.

Die erste Nacht zelte ich. Mir ist fast kuschelig warm. Überraschend. Als ich am nächsten Morgen das Zelt öffne, ist es trocken von innen, weil eingefroren von außen, aus tarngrün ist in der Nacht eisweiß geworden. Die folgenden Nächte bis zur Grenze schlafe ich in Bushaltestellen. Mit verschließbaren Türen und Doppelverglasung, deren Wände mit den Namen und Marken anderer Reisenden zugeklastert sind. Was here. The escape. In Velo veritas. Tailwind in Winter. Bis Winter kann ich nicht warten. Weil es drinnen so gemütlich und draußen so kalt ist, bleibe ich einen ganzen Tag in einer dieser Bushaltestellen.

Dann stelle ich fest, während ich Pancakes brate, dass der Anschluss meines Kochers nicht so auf der Gasflasche sitzt, wie er sitzen sollte. Made in China. Das Gas tritt an zwei Stellen aus, was ich merke, als mir eine Stichflamme die Augenbrauen ansengt. Ups. Na, zum Glück, sitze ich gerade nicht im Zelt. Die Flasche ist nach einer Woche leer. Doch ich habe Glück. An der Grenze gibt es nicht nur eine heiße Dusche und einen Schlafplatz für mich, sondern auch einen Teller – der so groß ist ist wie meine Augen, als sie den Teller sehen – mit Quiche und danach noch einen zweiten; am nächsten Morgen, bevor ich mit Rückenwind und im Schneetreiben nach Rio Gallegos fahre, gibt es auch noch süßes Gebäck.

In Rio Gallegos warmshowere ich, wohlige Wärme statt eisiger Kälte, selbstgemachte Empanadas statt Pasta. Verzweifelt starre ich am nächsten Morgen aus dem Fenster, Tee in der Hand, auf den Pfützen draußen könnte ich Schlitzschuh laufen. Ich radle nach Güe Aike und treffe an der Polizeikontrolle Silvan wieder, der nach Buenos Aires trampt, und auf dem Rücksitz eines klimatisierten Geländewagens sitzt, während ich mal wieder meine Gliedmaßen nicht spüren kann. Ich bin so neidisch, dass ich an der Kreuzung nach Calafate den Daumen hochhalte und immerhin bis nach La Esperanza mitgenommen werde, wo ich im Schuppen der Polizei schlafe. Eisfrei bei minus 4 Grad.

Ich schlafe am Fußende meiner Isomatte, weil die aufgeplatzten Luftkammern alle Richtung Kopfende sind, sodass ich zumindest in den ersten Tagen noch eine gemütliche Wölbung unter den Knien habe – was natürlich nur so lange gemütlich ist, bis ich mich auf die Seite zum Schlafen drehe. Je mehr Kammern aufplatzen, desto ungemütlicher wird’s. Ich versuche es zunächst ohne Luft, doch gebe nach einmal Probeliegen auf, der Boden ist zu kalt. Ich puste so viel Luft hinein, dass ich ein handbreites Polster habe, nur noch mein Po auf dem Boden aufliegt und die Luftkammern nicht wie eine Massagerolle in meinen Rücken drücken. Mal wieder bestes Timing für eine Delle in der Ausrüstung.

Während Rio Gallegos mit zweistelligen Temperaturen noch einmal aus der Winterstarre geholt wird, ist es auf dem Weg nach Calafate nicht ganz so warm. 7 Grad. Und ich hatte mich so auf die 14 gefreut. Immerhin bewahrheitet sich, was Argentinier und Chilenen gleichermaßen vorausgesagt haben: Im Winter weht kein Wind. Noch ist nicht Winter, noch weht Wind. Doch zumindest für eine Woche gibt dieser sich mit 10 Knoten zufrieden, was gut fahrbar ist, ohne zu verzweifeln; der Weg zum Nationalpark der Gletscher fast schon entspannt, wenn auch eisig.

Ich bleibe nicht lange in Calafate. Trampe zum Perito Moreno. Schlafe eine Nacht im Hostel. Kaufe eine neue Gasflasche. Wechsle die Kette – hätte ich das doch lieber bleiben lassen. Dann geht es weiter. Die erste Nacht verbringe ich am Strand, die zweite am Rio La Leona, die dritte im Luz Divina, heiliges Licht. Das verlassene Restaurant am La Leona, der die zwei Gletscherseen verbindet, bietet Schutz und frisches Obst: Ich entdecke zwei Birnenbäume, als ich zum Fluss laufe, um Wasser zu holen. Ich richte mich im Green Room ein; auf dem Kamin entdecke ich Nudeln, genau das, was ich gebraucht habe, die Wände sind signiert von Reisenden, oft mit Datum. Wenn ich die Daten sehe, versuche ich mich zu erinnern, wo ich an diesem Tag war. Malaysia, Japan, Norwegen, Konstanz, Lübeck.

Pappe. Pappe! Als ich im Luz Divina sitze, einige Stunden nachdem das heilige Licht Patagonien in einen rotglühenden Feuersturm getaucht und die Nacht in Tag verwandelt hat, kommt mir der Geistesblitz. Während ich The God of Small Things lese, wie eine Frau Schleim in Zeitungspapier aushustet, muss ich an die zwei Frauen denken, die uns in Vietnam am Flughafen die Fahrradkartons zum Schlafen abgenommen haben, und überlege, dass Pappe meine kaputte Isomatte ersetzen könnte, ohne dass ich die halbe Nacht wachliege, weil die Bodenkälte sich durch meinen Schlafsack frisst. Pappe. Der Bananenkarton wartet im nächsten Raum auf mich.

Als der Schneesturm, der Draußen in weißgrau gehüllt und die Straße verschluckt hat, sich in Regen auflöst, radle ich erst gegen, dann mit dem Wind nach Tres Lagos. Den Abstecher nach Chaltén zum Gletscher O‘Higgins mache ich nicht, enttäuschend, aber das Wetter ist zu gnadenlos, und ich zu sehr Warmduscher, um noch lange dagegen anzukämpfen. Fluchtinstinkt. Und Sturm. Mal wieder. Ich bleibe einen Tag in Tres Lagos, habe mein Zelt im Schutz der Tankstelle aufgestellt, in der ich heißes Wasser und Wifi bekomme. In Tres Lagos kaufe ich für meine letzten Pesos frisches Brot, das mich bis Gobernador Gregores bringen muss, denn eine Bank gibt es in Tres Lagos nicht.

190 Kilometer bis Gregores, 190 Kilometer Nichts. Drei bis vier Tage, die will ich mich noch durchschlagen, dann versuchen, bis Perito Moreno zu trampen. Doch die australische Kette, die bereits seit Calafate Probleme macht, lässt mich im Stich, fängt an über die Ritzel zu springen, immer häufiger, nicht nur bergauf, sondern auch in der Ebene bei Gegenwind. Nach nur zwei Wochen. Das ist am Anfang des Tages nervig, das ist am Ende des Tages nicht mehr fahrbar. Diese Kette bringt mich nicht mehr nach Gregores. Ich versuche zu trampen. Was nicht so leicht ist, denn es ist Mai, im Süden Patagoniens. Was das heißt? Ich bin allein in der Einsamkeit der Weite.

Drei Stunden später fährt das erste Auto an mir vorbei, zu klein. Ich bin kurz davor, mein Zelt aufzuschlagen, als ich das nächste Auto höre, das schon fast an mir vorbei ist, als ich mich umdrehe. Ein Geländewagen. Ich halte in letzter Sekunde den Daumen hoch, sie halten ihre Daumen auch hoch. Vorbei. Ich fuchtle mit den Armen, 200 Meter weiter kommen sie doch noch zum Stehen. Anton wird aufgeschnallt, dann geht es auf der Rückbank des beheizten Autos mit Daniel und Frederico und ganz viel Motorpower nach Perito Moreno. Fluchtinstinkt.

Wenn der Kampf um die eigene Existenz das Streben nach dem eigenen Vermächtnis verdrängt, beginnt das Leben, Bedeutung zu haben.

Luisa Rische

Schnee und Palmen: Von den Höhen der Anden tief in den Dschungel

Blog-Kapitel 70+71: Von Cusco nach Boca Santa Ana

Nach einem letzten Blick auf Cusco stürzen wir uns in die Abfahrt zu den Salinas de Maras. Doch wo es hinunter geht, geht es auch wieder hinauf. Bis auf 4300 Meter, durch die Wolken hindurch in den Dschungel.

Stadt, Berge, Dschungel: Bilder aus Peru

Wir verlassen Cusco mit gemischten Gefühlen. Es war wie Urlaub. Urlaub vom Fernsein. Überall Franzosen, überall Deutsche, überall Amerikaner. Und Peruaner, die sich als Peruaner verkleidet haben, um den Touristen ihr peruanisches Gold zu verkaufen. Massache? Alle sprechen Englisch, denn vor allem Amerikaner weigern sich, ein Wort Spanisch zu sprechen. Die Märkte sind ausgeschildert wie ein Supermarkt. Fleisch, Gemüse, Käse, Poncho, Trödel. Visa-Zahlung. Außerhalb von Cusco haben wir Schwierigkeiten, mit einem 20-Soles-Schein (5 Euro) zu zahlen.

Zwei Tage haben wir uns durch das koloniale Zentrum, das, von oben betrachtet, wie der gelbe Dotter in einem langgestreckten Spiegelei wirkt, treiben lassen. Zwei Tage lang dekadenzierten wir in einer touristischen Blase, blickten neidvoll auf die gestriegelten Hotelgäste – so ein Hotelzimmer wäre schon nichts Schlechtes, so zur Abwechslung mal, zu den Holzböden und meiner luftleeren Matratze. Zwischen weißen Gesichtern, Fusion Cafés, veganen Restaurants, moderner Kunst, Eis und Bier fühlten wir uns wie zu Hause, wie in Paris oder Berlin. Die Kultur der Peruaner jedoch ist in Cusco so fern wie jene Städte. Cusco verbiegt sich bis zur Unkenntlichkeit für den nie enden wollenden Touristenstrom.

Raus aus Cusco, rein in den Regen. Wir schlafen am Rande eines Bergpfads, in einem Haus im Bau, dessen Bau wohl nie vollendet werden wird, denn der Weg zum Haus liegt unter einem abgerutschten Hang versteckt. Wir klettern über eine Mauer, in der zerbrochenes Glas steckt. Zur Abschreckung von Eindringlingen. Antonin klettert zuerst. Ich reiche ihm Taschen und Räder, dann springe ich hinterher. Wir schlafen auf der Dachterrasse, während der Regen auf das Dach trommelt.

Berghoch und hinunter. Die Temperaturen steigen. Ich hyperventiliere. Ob das an dem ungewohnt hohen Sauerstoffanteil auf 2800 Metern liegt? An der Lagune Huaypo vorbei geht es zu den Salinas de Maras, die Berge rufen, in der Ferne können wir sie sehen. Wir halten an einer Raststätte mit Lehmgrill und kochen auf offenem Feuer Pasta zum Mittag. Auf den Weg zu den Salzfeldern von Maras hängt sich ein Hund an unsere Räder, folgt unseren Umdrehungen, hinauf und hinab. Wir nennen ihn Sandwich, geben ihm Wasser, was ihn nicht gerade daran hindert, uns weiter zu folgen. Bis zum Eingang der Salzfelder. No perros. Hunde dürfen nicht zu den Salzfeldern, der Pförtner jagt Sandwich davon. Uns Bricht das Herz.

Unser Weg ins Tal führt mitten durch die Salzfelder, ein Pfad, der die Herzen aller Downhilljäger höher schlagen lässt. Auch meines. Antonin dagegen hat Probleme, rutscht weg in dem Geröll, bekommt die engen Kurven nicht. Ich, mit meinen neuen Bremsen, rase hinunter, als ob ich auf einem Mountainbike sitzen würde. Wir schlafen am Fluss, zwischen wilden Stieren und wildem Aloe Vera, zwischen Kuhscheiße und Plastikmüll. Machupicchu ist nah, doch nicht unser Ziel. Die Inca-Ruinen liegen sozusagen am Straßenrand, in den Berghängen um uns herum. Die waren verrückt, die Inca, denke ich, als wir durch ein Dorf fahren, das mich an Norditalien erinnert, und an dessen Grenzen sich die Inca-Ruinen aus dem Berg erheben.

Ein weißer Riese in der Ferne zwingt uns zum Anhalten. Während wir Bilder machen, ist uns nicht klar, dass unsere Straße genau zu diesem Berg hochführt. Dann geht es schon in den Aufstieg. Serpentinen. Dichter Wald. Umringt von zerfurchten Giganten. 1700 Meter bergauf. Wie in den Alpen. Kaum ein Auto. Antonin liebt die Abfahrt, doch ich kann der Auffahrt viel mehr abgewinnen, weil sie uns entschleunigt, und Gelegenheit gibt, die Landschaft um uns herum aufzunehmen und wertzuschätzen. Nach 1000 Metern können wir fast die ganze Straße einsehen, wie sie sich am Berghang entlangwindet. Kurve um Kurve. Wir trinken das Wasser aus den Bächen, halten im Schatten der Bäume. Bis sie verschwinden. Auf 3800 Metern gibt es keinen Baum mehr. Braune Weite, durch die der Wind fegt. Wir radeln weiter. Bis auf mehr als 4300 Meter. An der Schneegrenze hüllt der Nebel uns ein. Der weiße Riese nur eine Erinnerung.

Die Abfahrt. Als wir aus dem Nebel, aus den Wolken herausbrechen, fliegen wir über ein Plateau, das eingezäunt ist von dicht bewaldeten Schluchten. Zwischen den dunklen Wolken zeigen sich die schneebedeckten Türme der Anden. Ich habe mittlerweile viel gesehen, doch so einen Anblick noch nie. Es ist unbeschreiblich, diese Aussicht, dieses Gefühl, nach diesem Anstieg. Ich lache laut auf. Wir fahren weiter. Und plötzlich Dschungel. Mittendrin. Die Welt lebt. Insekten und Vögel. Feuchtigkeit. Von einer Aussichtsplattform, die uns den nächsten spektakulären Blick ermöglicht, entdecken wir einen Zeltplatz für die Nacht.

Über Perus Todesstraße durch den Dschungel

Und plötzlich Dschungel… Ich bin zurück in Asien. Insekten. Vögel. Bäume. Palmen. Früchte. Der Dschungel schallt lauter durch die Ohren als jede Stadt, ein natürliches Orchester, das mir immer wieder den Atem raubt. Als ich am nächsten Morgen den Reißverschluss meines Zeltes öffne, hinausspicke, sehe ich als erstes Antonin, der sich mit seinem italienischen Espressokocher, gekauft in Cusco, Kaffee zubereitet. Als zweites sehe ich die schneebedeckten Anden, den Dschungel, die ganze Weite dieser Landschaft. Wir haben auf einem schmalen Plateau geschlafen, eine Klippe, die von der Straße weg steil ins Tal führt. Nach der Hektik Cuscos in dieser Szene aufzuwachen, löst so viele Endorphine in mir aus, dass ich nie wieder in irgendeine Stadt zurück will.

Was uns nicht davon abhält, zusammenzupacken und aufzubrechen. Die Abfahrt führt uns immer weiter hinunter, bis knapp unter 1000 Meter. So tief war ich das letzte Mal im Juni, in Norden von Chile, in der Atacama. Der Wetterwechsel, von trocken kalt zu feucht heiß, ist ein Schock, den wir gut wegstecken, ich besser als Antonin, der die ersten Tage in der feuchten Hitze leidet. Wir trinken Quinoa-Säfte und essen Kokosnuss-Eis, um uns kalt zu halten. Bäume versorgen uns mit Orangen, Mangos, Bananen, Litschis, Sternenfrüchte. Alles, was das Herz begehrt.

In Quillabamba weist uns der neue Chef der Feuerwehr ab, stattdessen zelten wir am Stadtrand und werden von Mücken überrascht und zerstochen. Zusammen zählen wir 100 Mückenstiche an unseren Beinen. Ein anderes Insekt frisst derweil in der Nacht mein Zelt nach und nach auf. Die Löcher, über die ich anfangs noch lache, haben Konsequenzen (als ich das nächste Mal das Regenzelt spanne, reißt es ein). Wir fahren von Heladeria zu Heladeria, ein Pfad durch Plantagen hindurch führt uns zum Fluss. Wir stecken unsere juckenden Beine in das kühle Wasser und nehmen uns vor, am Abend ein Zeltplatz an diesem Fluss zu finden. Wir haben Erfolg.

Antonin ist schon längst weitergefahren, als ich ein freies, flaches Plätzchen an einem Strand entdecke, nur ein Katzensprung von der Straße entfernt – nicht selten führt die Straße Dutzende Meter über dem Flusslauf entlang. Wir hieven Gepäck und Fahrräder hinunter, mittlerweile ein eingespieltes Team, und springen als erstes in den Fluss hinein, machen uns lang, und genießen die Atempause, die uns das kühle Nass von dem unerträglichen Gejucke der Mückenstiche gewährt. Zelte hoch, Lagerfeuer an, Pasta und Tee. Der Dschungel schläft auch nachts nicht – sowie Antonin. Mich stören die Insekten und Vögel nicht, ich schlafe ein und wache auf mit meinem privaten Orchester.

Immer weiter durch die tropische Hitze. Wir finden weiterhin Obst in rauen Mengen, das uns den Aufenthalt im Dschungel täglich versüßt. Antonin hat ein Zeltplatz bei iOverlander entdeckt, er will den direkten Weg nehmen, doch dazwischen liegt eine Furt. In Erinnerung an meine Abenteuer auf dem Heaphy rate ich davon ab, den Fluss zu durchqueren, weiterfahren wollen wir aber auch nicht mehr. Wir fragen auf der anliegenden Bananenplantage nach, ob wir unsere Zelte am Rande der Plantage aufstellen können. Kein Problem. Und überall finden wir Bananen und Litschi-Früchte, die in armlangen Bohnen stecken und ein Fell haben. Mit den Bananen machen wir Banana-Pancakes und Bananenbrot.

Es ist Regenzeit und der Regen holt uns schneller ein, als uns lieb ist. Warmer Regen macht mir nicht viel aus, ich genieße die Auszeit von der Hitze. Antonin kann über den stundenlang strömenden Regen wenig lachen. In Santa Elena reicht es uns, als wir eine leerstehende Halle entdecken. Auf der Suche nach dem Menschen, der den Schlüssel hat, lernen wir Angel kennen, der uns kurzerhand in sein Haus einlädt. Ein Dach über dem Kopf, zwei Betten, Strom und Essen. Es gibt Suppe mit Chickenfinger, die sich wie Gummi im Mund anfühlen und keinen Geschmack haben. Wir sind zu höflich, um die Hühnerbeine liegen zu lassen.

Als wir wieder trocken sind, radeln wir weiter. Über Kepashiato auf die Todesstraße von Peru – so von anderen Reisenden beschrieben. Wir schlafen an einem Wasserfall. Weil ich eine Eingebung habe, sage ich zu Antonin, schlafen wir unter der Brücke, falls es in der Nacht zu regnen anfängt. Was dann auch passiert. Während der Himmel alle Schleusen öffnet, wagen wir uns am nächsten Morgen wieder auf die Todesstraße, die an diesem Tag ihrem inoffiziellen Namen alle Ehre macht. Durch den Regen sind Flüsse und Wasserfälle um ein bis zwei Meter gestiegen. Immer wieder stoppen uns straßenbreite Pfützen und Flussläufe, die quer über die Schotterstraße brettern.

Wir radeln bis zu einem Restaurant, das einsam und verlassen an der Straße im Dschungel praktisch nur auf uns wartet. Unter einem Dach ziehen wir uns aus, die trockenen Pullover an. Wir entdecken Steckdosen, die wir nutzen, um heißes Wasser für einen Tee zu machen. Während wir im Trockenen picknicken, taucht einer der Besitzer des Restaurants auf, Maxi, der uns einlädt, auf der Veranda unsere Zelte aufzuschlagen. Wir haben wieder ein Dach über dem Kopf, Strom und die Küche können wir auch nutzen. Wir braten Nudeln und machen noch mehr Bananenbrot. Am nächsten Morgen lassen wir uns Zeit, lassen unsere Kleidung trocknen, bevor wir weiterfahren.

Nachdem ich in der Nacht Schmerzen in den Beinen hatte, obwohl ich mich eigentlich gut fühle, zeigt sich nun, dass es einen Grund dafür gibt. Sie sind müde. Auch Antonin kämpft. Wir fahren nicht weit, 12 Kilometer, aber immerhin 400 Höhenmeter, als wir an einer Tienda an einer Brücke halten und um Unterschlupf bitten. Kaum haben wir unser Zelt unter dem Strohdach an einer Brücke aufgestellt, fängt es wieder an zu regnen. Während wir kochen, schaut Antonin auf seinem Handy nach, wie viele Höhenmeter wir seit Cusco gefahren sind. 12000, sagt seine App. In 11 Tagen. Das erklärt dann auch die müden Beine.

Es geht weitere 700 Meter steil berghoch, während der Wald um uns herum lichter und stiller wird. Wir schlafen im Freien und wachen zwischen Regen und Nebel am nächsten Morgen auf. Auf dem Weg zur Passhöhe genießen wir selten lichte Momente, die uns einen atemberaubenden Blick auf die bergige Dschungelwelt gewähren. Die Passhöhe überrascht mit einer Polizeikontrolle. Passkontrolle. Drogenkontrolle. Tatsächlich hatte ich mir schon während der letzten Tage ausgemalt, wie Schmuggler über die verlassene Straße durch den Regen fahren, die Bauern Kokain aus Kokablättern gewinnen. Die Kulisse könnte nicht besser sein für einen Blockbuster. Auch dass die Obstplantagen heruntergekommen und verlassen aussehen, und die französische Regierung davor warnt, diese Region zu bereisen, könnten Indizien dafür sein, dass die Todesstraße nicht nur in der Regenzeit ihrem Namen alle Ehre macht.

Ein Kommentar zu “Ein Leben auf zwei Rädern

  1. Hallo, luisa, gerne würde ich dn Blog lesen. Kannst du mir das passwort sagen? Ich hoffe, dir geht’s gut. Habe mitbekommen, dass du auf einem biohof mitgearbeitet hast, weit weg vom südkuier.. Meine Charlotte hat gerade eine Platten,  im Mai will ich wieder los, ein paar Monate in Europa und dann in zwei Jahren wieder richtig los. Tuktoyaktuk wartet…. Dir viele Grüße Heike

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