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Luisa Rische

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Bist du bereit für eine Reise mit dem Fahrrad?

Stell dir vor, es regnet seit Tagen. Das Wasser kommt von überall, von oben, von unten, aus der Mitte. Regen und Schweiß treffen sich in deiner mittleren Kleidungsschicht zu einem lauwarmen Gemisch. Die Kälte hat die Durchblutung von Fingern und Füßen längst gestoppt. Aus Rinnsalen von Bächen sind Flüsse geworden, die du knietief mit dem Rad durchqueren muss. Am Ende des Herbstes auf 500 Meter ist das Wasser eisig. Dein Zelt ist genauso nass wie alles andere an dir, der Schlafsack feucht genug, um dich nicht mehr warmzuhalten.

Damit die trockene Kleidung trocken bleibt, schlüpfst du am nächsten Tag in die kalten, nassen Klamotten zurück. Weil du weißt, sobald du dich bewegst, wärmt sich die Kleidung schon wieder auf. Dann schneidet dir ein reißender Fluss den Weg zur Hütte ab, die Hängebrücke ist mit dem Rad nicht zu überqueren. Du gehst schwimmen, samt Rad, während deine Kräfte so weit geschwunden sind, dass du das Rad auf der anderen Seite nicht mal mehr ans Ufer bekommst. Bist du bereit für Weltreise mit dem Fahrrad?

In Neuseeland hat mich der Heaphy Track an meine physischen und mentalen Grenzen gebracht. Es war eine extreme Situation. Doch eine Reise mit dem Fahrrad, vor allem allein, bringt dich ständig an deine Grenzen. Lass dich nicht von den Bildern täuschen, die ich poste, natürlich poste ich das, was am Besten aussieht, doch das ist nur ein Teil der Wahrheit und gibt nicht die Realität einer Radreise wieder. Die Realität sieht ganz anders aus, die Realität ist: nicht jeder ist für eine Reise mit dem Fahrrad gemacht, tatsächlich eher die wenigsten.

Das Leben auf dem Fahrrad ist dreckig

Wären wir nicht alle gern wie Leonardo DiCaprio in The Revenant? Knallharte Abenteurer, die sich weder vor Eiseskälte noch vor brennender Sonne fürchten, die durch einsame Wälder und verlassene Wüsten streifen, die sich von dem ernähren, was die Natur ihnen gibt. Die Realität hat gezeigt, wir sind es nicht. Die Grenzen der eigenen Komfortzone variieren von Mensch zu Mensch, doch sie sind schneller erreicht, als uns allen lieb ist.

Seit dem es Fahrräder gibt, reisen Menschen mit ihnen um die Welt. Sie schreiben Bücher, veröffentlichen Dokumentationen, posten Bilder auf Instagram und schaffen eine schillernde Fassade des naturverbundenen Abenteurers, der jeden Tag radelt, einzigartige Natur erlebt, wunderbare Menschen trifft. Das trifft alles zu. Es ist eine außergewöhnliche Erfahrung, doch diese schillernde Fassade ist nur der Bruchteil der Realität, eine Oberfläche, die bereits am ersten Tag auf deiner Reise Risse bekommen wird.

Die Realität sieht so aus: Du lebst mit dem absoluten Minimum an allem! Stell dir folgende Fragen: Bist du bereit für dauerhaft schwarze Fingernägel, Tage und Wochen ohne Wasserhahn und Dusche, deine eigenen Körpergerüche, dein Geschäft hinterm nächsten Busch zu verrichten, falls es einen gibt, ohne Toilettenpapier? Bist du bereit für eiskalte Nächte im Zelt auf einer schulterbreiten Isomatte oder einer hauchdünnen Yogamatte, einen ständig feuchten Schlafsack, tausende von Ameisen in deinem Zelt, die dir nachts über den Kopf krabbeln? Bist du bereit, dein armseliges Gerümpel Tag für Tag einzupacken und auszupacken, deine Pack-Ordnung immer wieder zu optimieren, damit auch alles hineinpasst? Falls du bei diesen Zeilen bereits die Nase rümpfst, tu‘ dir einen Gefallen und bleib zu Hause, statt in den Sattel zu steigen.

Das Leben auf dem Fahrrad ist nicht nur die Abwesenheit von Luxus, sondern das komplette Gegenteil des Lebens, das du bisher gelebt hast. Wenn du erst einmal gezwungen bist, The Revenant zu sein, fühlt sich das Abenteuerleben nicht mehr so heldenhaft an, sondern zum Schreien. Das Verlassen deiner Komfortzone wird dich schnell wieder in diese zurücktreiben, denn jene Torturen warten jeden Tag auf dich. Wenn du nicht reich bist und dich mit einem Budget über Wasser halten musst, dann hast du kein Geld, in Hostels oder auf Zeltplätzen zu schlafen, in einem Restaurant essen zu gehen oder für eine heiße Schokolade in einem Café zu halten.

Du sitzt stattdessen den ganzen Tag, jeden Tag in deinem Sattel, der spätestens nach 80 Kilometern wirklich unbequem wird und dir den Po aufscheuert. Nachdem du seit Stunden gegen den Wind radelst, der seine Durchschnittsgeschwindigkeit auf zehn Stundenkilometern drückt, warten noch 300 Höhenmeter auf dich, mit einer Neigung von 17 Prozent. Du willst schieben, weil du die Pedalen unmöglich weiter drehen kannst, doch du stellst fest, dass das Schieben eines 60 Kilogramm schweren Rads noch viel anstrengender ist, als es zu fahren. Dann fängt es an zu regnen.

Wenn die Beine nicht mehr treten wollen, oder du keine Lust mehr hast, musst du einen wilden Zeltplatz finden – die leider nicht wie Sand am Meer liegen. Denn du willst nicht in der Nacht gestört werden, weder von Menschen, noch von Tieren, noch von Stürmen oder Regen, der sich unter deinem Zelt sammelt. Manchmal heißt das, trotz Schmerzen in den Beinen, weiterzufahren, bis ein passender Platz auftaucht. Manchmal taucht auch keiner auf. Dann schläfst du vielleicht in einem Abwasserrohr unter einem Highway in China.

Müde wie du bist, baust du dein Zelt auf, holst Isomatte und Schlafsack heraus, die noch feucht sind von vergangener Nacht. Wenn das erledigt ist, schraubst du den Gaskanister an deinen Kocher an, dessen punktuelle Flamme nur zum Wasser kochen geeignet ist. Alles andere brennt an, wenn du nicht durchgehend rührst. In deinen Schlafsack schlüpfst du mit Beinen, an denen eine Schicht aus Schweiß und Staub klebt, mit Zehen, zwischen denen der Dreck klebt. In der Nacht krampfen sich deine Muskeln schmerzhaft zusammen, rauben dir den Schlaf.

Das sind die physischen Hürden, die selbst ich immer wieder unterschätze. Doch mein Körper leidet, was mir immer erst dann wieder klar wird, wenn es Zeit wäre für meine Periode, die seit Beginn der Reise mehr oder weniger ausbleibt. Die täglichen physischen Herausforderungen kannst du nur meistern, ohne daran zu brechen, wenn du die mentalen Hürden überwindest.

Allein, allein, du bist mit dir allein

Wie viele Stunden verbringst du jeden Tag mit Bildschirmen, mit sozialen Netzwerken, mit Unterhaltung, mit einem Störfeuer, das dich von dir selbst ablenkt, das dich vom nackten Fluss deiner Gedanken schützt? Netflix, Facebook, WhatsApp. Sei dir darüber im Klaren, wenn du mit dem Fahrrad reist, gibt es kein Störfeuer mehr, das dich vor deinem eigenen Kopf rettet. Auf dem Fahrrad gibt es kein Internet, deinen Akku brauchst du, um zu navigieren. Sei bereit, dich mit dir selbst auseinanderzusetzen, immerzu. Das ist dir egal, sind doch nur Gedanken? Du warst deinen eigenen Gedanken noch nie in dieser Intensität ausgesetzt. Sich selbst zu ertragen, ist nicht leicht.

Radfahren ist nicht spektakulär. Du schleichst über nicht enden wollende Straßen, vielleicht mit 15 Stundenkilometern im Schnitt. Kurbeln wird zum Automatismus. Viel mehr gibt es nicht zu tun. Die Landschaft bewunderst du am ersten Tag, am zweiten. Dann gibt es nicht viel Neues zu entdecken, denn du bist so langsam, dass sich dein Drumherum wenig ändert. Radfahren ist langweilig. Für die einen mehr, für die anderen weniger. Ich habe nicht viele getroffen, die tatsächlich das Radfahren lieben, sondern einfach nur die entschleunigte Art des Reisens genießen.

Was gibt es sonst noch zu tun? Du könntest Musik hören, oder Hörbücher. Sich weiter berieseln lassen. Mit einem Nabendynamo und einem Cycle2Charge generierst du genug Energie, um zu navigieren und dich zu berieseln. Doch auch das wird dich irgendwann entweder langweilen oder frustrieren, dann merkst du, wie du nicht dem Hörbuch zuhörst, sondern durch deine wirre Gedankenwelt fliegst. Setze dich lieber damit auseinander, denn so lange du versuchst, deinem Kopf zu entkommen, ihn mit Geräuschen von außen zu übertönen, so lange wirst du auf deiner Reise nicht ankommen.

Um das Radfahren genießen zu können, um mit den physischen Hürden leben zu können, musst du zu dir selbst finden und in der Lage sein, deine Gedanken zu reflektieren, deine Gefühle zu akzeptieren. Das ist Grundlage für ein gesundes Reisen, das ist die Grundlage für ein Gleichgewicht, eine Fahrradreise trotz allen Verzichts zu genießen, trotz brutaler Steigungen, trotz tagelangen Regens, trotz öder Landschaften, trotz einer gerissenen Kette. Wenn du mit dem Fahrrad reist, sei bereit, so tief wie noch nie in die eigene Welt deines Kopfes einzutauchen.

Loslassen ist harte Arbeit

Es ist menschlich zu planen, effizient zu leben, sich stets zu entwickeln und verbessern zu wollen. So wachsen wir auf, das ist unser Leben. Schule, Hochschule, Arbeit. Nur die Besten können sich einen Studiengang aussuchen, nur die Besten machen Karriere, nur die Besten verdienen das große Geld. Deshalb machen wir Pläne, um auf das Unvorhersehbare vorbereitet zu sein, vor allen Konsequenzen gewappnet zu sein. Nur der gut Vorbereitete macht keine Fehler und wer gibt schon gern einen Fehler zu, in einer Gesellschaft, in der Fehler nicht akzeptiert sind, in der wir uns gegenseitig nach Fehlern beurteilen und verurteilen.

Das Leben auf dem Fahrrad ist keine Leistungsgesellschaft. Es ist kein Sprint, es ist kein Marathon, es ist kein Wettkampf. Es ist eine Lebensweise, deren Potential sich erst entfaltet, wenn wir loslassen, wenn wir aufhören, andere und uns selbst beeindrucken zu wollen, wenn wir aufhören zu planen, um auf alles vorbereitet zu sein. Wer versucht, so zu reisen, mit heruntergeladenen Routen, gebuchten Hostels, routinierten Zeitplänen, mit dem Wunsch, Anerkennung zu erhalten, der wird ständig unzufrieden reisen und keinen Genuss finden an den Landschaften, den Begegnungen, an dem meditierenden Zustand, in den einen das Fahrradfahren versetzt.

Jeder Tag ist anders, jeder Tag hat seine eigene Spontaneität verdient. Stell dir vor, du willst von A nach B fahren, das hast du fest geplant. Doch was ist, wenn du zwischen A und B einen einmaligen Zeltplatz am Fluss findest, was, wenn du dich verfährst, was ist, wenn ein Erdrutsch die Straße zerstört hat, was ist, wenn ein Farmer anhält und dich auf seine Farm einlädst. Fährst du dann weiter, weil du es so geplant hast? An Plänen festzuhalten, heißt sie scheitern zu sehen, denn der Zufall ist nicht planbar.

Du würdest zudem das Beste an dieser Reise verpassen, das, was dich vielleicht dazu veranlasst hat, auf so eine Reise zu starten: den Zwängen einer Leistungsgesellschaft zu entfliehen und das Leben in seiner Unvorhersehbarkeit zu genießen. Du musst loslassen, lernen, Vergangenheit und Zukunft sein zu lassen, im Hier und Jetzt leben, du musst aufhören, Ziele zu verfolgen. Erst, wenn du dich auf die Unvorhersehbarkeit so einer Reise einlässt, erst dann wirst du Gefallen daran haben. Der Weg ist das Ziel.

Wie gut kannst du macgyvern?

Unvorhersehbarkeit bedeutet auch unvorhersehbare Problem. Auf die wenigsten bist du vorbereitet. Stattdessen solltest in der Lage sein, Probleme zu lösen. Schon mal von MacGyver gehört? Wenn nicht, mach‘ dich lieber schlau, denn wenn du nicht MacGyver bist, wirst du an den Problemen, dir die jeden Tag begegnen, irgendwann zerbrechen. Dazu gehören kaputte Zeltstangen, abgenutzte Bremsen, kein Zugang zu Wasser, eine gerissen Kette, ein Gaskocher, der Luft zieht, eine löchrige Isomatte, ein aufgerissenes Zelt. Dazu gehören auch Grenzübergänge, kommunikative Schwierigkeiten, Fluggepäck. Bist du dir sicher, dass du diese Probleme ohne Hilfe lösen kannst? Die Kette reißt selten, wenn ein Fahrradladen in der Nähe ist. An der mongolisch-chinesischen Grenze kannst du dir nur sicher sein, dass dich niemand versteht.

Aufräumen mit zwei Mythen

Wenn du wirklich mit dem Fahrrad reisen willst, lass dich nicht abschrecken. Der Mensch gewöhnt sich an alles, wir wachsen mit unseren Herausforderungen, wir wachsen an unserem Scheitern. Du bist also bereit für eine Reise mit dem Fahrrad, sitzt aber noch zu Hause in deiner abgeschlossenen Wohnung? Was hält dich auf? Es sei zu gefährlich, mit dem Rad zu reisen? Du bist nicht fit genug? Dann lass mich dir zwei Ängste nehmen.

Die Welt ist nicht gefährlich. Charlie, der seit 21 Jahren mit dem Rad reist, sagt sogar, die Welt sei so sicher wie noch nie. Die Nachrichten berichten, was die Menschen hören wollen. Und das sind keine guten Geschichten, das sind Unglücke und Kriege. Denn wir alle sind sensationsgeil, auch wenn es niemand zugeben will. Doch das Bild, das wir uns aus den Medien von der Welt zusammenstellen, ist ein Trugbild und hat mit der Realität wenig zu tun.

In jedem Land triffst du in seiner Geschichte auf Diktatoren, Kriege und Folter, in jedem Land findest du das Schlechte, das uns allen Angst macht, unsere sicheren vier Wände zu verlassen. Doch die Menschen sind gut, die Menschen wollen in Frieden leben, ihre Kultur mit Fremden teilen. Selbst die, die nichts haben, geben dir alles, was sie können, um dich zu unterstützen. Es gibt natürlich keine garantierte Sicherheit, überall kann etwas passieren, mehrere Radler sind im vergangenen Jahr von Drogen-Schmugglern und IS-Terroristen getötet worden. Doch wenn ich eines gelernt habe, dann, dass die Welt ein guter Ort ist.

Und jetzt noch zu dem Mythos, wir Radler hätten alle Mega-Oberschenkel. Wir erfreuen uns vielleicht besserer Gesundheit als jemand, der den ganzen Tag im Büro hockt, doch wir nehmen an keinem Wettkampf teil. Wir radeln so schnell wir können so lange wir wollen. Es ist eine Kaffeefahrt, ein Spaziergang. Es gibt extreme Steigungen, doch wer jeden Tag radelt, findet von ganz allein zu der Stärke, um diese Steigungen zu bezwingen.

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